10. Aufbrechen der alten Strukturen des Getreidemarktes und der Nahrungsmittelversorgung im Krieg

Im ersten Weltkrieg waren die Eisenbahnlinien in Russland noch nicht sehr zahlreich. Der Streckenplan war auf den Transport von Exportgetreide in Richtung Schwarzes Meer ausgerichtet. Ab 1914 wurden Pferde auf dem Land genauso wie Menschen für die Front eingezogen. Damit war eine effektive schnelle Versorgung mit Brotgetreide und anderen Lebensmitteln weder für die Front noch für die Städte gewährleistet. Facharbeitermangel und Organisationsprobleme führten weiterhin dazu, dass im Krieg die Hälfte bis zwei Drittel des rollenden Materials ständig still standen und defekte Lokomotiven als Ersatzteillager fungierten. Die anderen Transportmöglichkeiten waren ausgedünnt wegen Pferdemangels.

Für die Städte und auch manche Regionen mit weniger Landwirtschaft oder unfruchtbaren Böden reichten die üblichen regionalen Ressourcen und Versorgungswege nicht mehr aus, so dass der überregionale Transport aus den Regionen mit Ernteüberschüssen neu organisiert werden musste. 1

Staatliche Stellen führten ab 1915 verschiedene Maßnahmen gegen regionale und städtische Knappheiten ein, wie z.B. eine Preisregulierung zur Deckelung der Lebensmittelpreise, hauptsächlich von Getreide; wichtig waren die Embargos für bestimmte Regionen, aus denen kein Abtransport von Getreide erlaubt war, was später zur „Unabhängigkeit“ dieser Regionen nach der Revolution führte, die selbstständig mit anderen über den Austausch verhandelten.2 Die Agrar- und Versorgungsbürokratie versuchte, dem vorindustriellen kleinteiligen Netz von Klein- und Großhändlern die Geschäftsgrundlage zu entziehen, indem über staatlich vorgeschriebene Höchstpreise und Handelsbeschränkungen spekulative Geschäfte unmöglich gemacht würden. An die Stelle der kommerziellen Händler sollten staatliche Sammel- und Ankaufstellen mit fixierten niedrigeren Preisen treten. Bislang gab es schon einen gespaltenen Getreide- bzw. Nahrungsmittelmarkt, den staatlich-militärischen und den zivilen freien Markt. Die staatlichen Experten hatten für den Preisauftrieb beim Handel immer auch rassistisch definierte Sündenböcke im Blick. Die Zwischenschicht von Händlern und Aufkäufern waren vielfach Juden.3 Es entbrannte eine große Diskussion über die Zusammenfassung des gespaltenen Marktes unter ein staatliches Gesamtpreisregime.4

Das eingeführte übergeordnete Preisregime führte jedoch nur zur Verlagerung des Problems. Ein höheres Getreideangebot von Gutsbetrieben und Bauern an die staatlichen Stellen kam durch Handelskontrollen nicht zustande, da Arbeitskräfte auf dem Land fehlten und Flüchtlinge und Kriegsgefangene diese nur teilweise ersetzen konnten. Ein Preisregime allein konnte seinen Zweck nicht erfüllen, mehr Getreide zur Verfügung zu bekommen und die Knappheiten zu beseitigen. Weil die Kontrolle des Handels nicht zu den gewünschten Ergebnissen führte, gerieten die Bauern als Erzeuger zusätzlich ins Visier. Immer häufiger kamen direkte Zwangsmaßnahmen gegen die Bauern ins Gespräch. Man erwog die staatliche Beschlagnahme von Vorräten, also gewaltsame Requisitionen.5

Der Staat konnte eine erhöhte Abgabe von Getreide von Seiten der Bauern und Bäuerinnen nicht durchsetzen. Mit den Handelsbeschränkungen zwang er das Getreide in die Hände der bäuerlichen Produzenten und musste es von dort wiederum mit Gewalt holen“, wie Holquist den Sachverhalt beschreibt.6

Es tat sich nach Einschränkung des freien Handels eine unmittelbare Kluft zwischen den Verwaltungseliten und den Bedürfnissen der Bauern und Bäuerinnen auf. Ob ein flexibleres modernes Management etwas hätte ändern können, ist fraglich, wahrscheinlich auch nicht. Die Bevölkerung antwortete auf die staatlichen Maßnahmen und das Preisregime wie oben beschrieben mit Aufständen in der Provinz und in Moskau schon 1915 und 1916, bis endlich in der Februarrevolution alle gesellschaftlichen Oppositionen in ihrer ganzen Breite explodierten.

Man kann die gesamte Agrar- und Versorgungspolitik des Zarenreichs im Weltkrieg als dessen letzten Versuch sehen, die strukturellen Voraussetzungen für die seit Anfang des Jahrhunderts ablaufenden Investitionen der internationalen Unternehmen in technologische Neuerungen und eine neue industrielle Zukunft zu schaffen. Innovationen im Verkehrswesen durch Eisenbahn und Autos, die Telegraphie und das Telefon, die übernationalen Märkte, neue Produkte wie Kunstdünger und Elektromotoren und nicht zuletzt die Rationalisierung der Fabrikarbeit und neue Lohnformen mit anderen „Leistungsanreizen“ als zuvor waren keine neutralen Neuerungen. Für ihre Durchsetzung benötigten die großen Unternehmen nicht nur in Russland einen Umbau der Gesellschaft, der nur mit neuen Eliten und mit neuem „progressivem“ Denken in einer neuen technokratisch organisierten Gesellschaft zu bewerkstelligen sei.7 Im großen Krieg ließen sich die grundlegenden Weichenstellungen naturgemäß leichter durchsetzen, weil die Gesellschaft sich ohnehin in der Krise und im „Gewaltmodus“ befand. Die Kriegsverhältnisse schufen die Gelegenheit und Möglichkeiten für einen großangelegten „Modernsierungsschub“ zur Erneuerung der Kapitalherrschaft gegen die Bedrohungen durch eine sich internationalisierende Arbeiter*innenbewegung. Dann waren die Eingriffe in den Handel und die gewalttätigen Formen, direkt auf die Produzenten in den Dörfern zuzugreifen, sie anzugreifen, Versuche gewesen, die alten Verhältnisse zunächst verwaltungstechnisch „aufzubrechen“.

Sozialer Widerstand und der revolutionäre Kampf gegen Krieg und Kräfteverschiebungen innerhalb der herrschenden Gewalt gingen gegen die gewendeten Bolschewiki nach der Oktoberrevolution weiter und bekamen ihre weiteren Dimensionen im sog. „Kriegskommunismus“ von 1918 bis 1921. Nach den Kämpfen gegen die zaristische Bürokratie, deren Innovationen in den Anfängen stecken geblieben waren, musste nun unter noch schwierigeren Bedingungen gegen den bolschewistischen Staat weitergekämpft werden: Bewaffnete Einheiten des Versorgungsministeriums und der Roten Armee gingen in vielen Gegenden – die Rote Armee hauptsächlich in den Bürgerkriegsgebieten – von Haus zu Haus, um nach versteckten Vorräten zu suchen.8

Vorher hatten die Menschen den zaristischen Staat für die Lebensmittelkrise und das Organisationschaos verantwortlich gemacht; jetzt im Kriegskommunismus waren die Bolschewiki verantwortlich. Die Bolschewiki traten mit den keineswegs von ihnen erfundenen Maßnahmen den Bauern als neuer unmittelbarer Feind entgegen.

Diesen komplexen Vorgang hat Lih ausführlich dargestellt. Einige Großstatistiker wie Groman, der Wirtschaftstheoretiker Kondratiev und Agrarwissenschaftler wie Chayanov haben daran unter allen drei Regierungen teilgenommen und als Teile der technokratischen Intelligenz wertvolle Erfahrungen sammeln können, die nach der Auswertung der Fehlschläge im Krieg und im Bürgerkrieg zu dem rigorosen Kurswechsel in der kurzen Phase der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) führten.9

Unsere These ist demnach, dass das zarististische Regime zu schwach war, um die globale Innovationswelle umzusetzen und sich im imperialistischen Konkurrenzkampf zu behaupten. Ein paar Korrekturen an der politischen Oberfläche reichten nicht. Die Bolschewiki hatten den Vorteil, die revolutionären Bewegungen von innen her gegenbesetzen zu können, um sie zu Instrumenten der globalen Gegenrevolution zu machen. Dafür steht der Marxismus-Leninismus, als kommunistischer Staatskapitalismus.

Für das Verständnis der Sowjetunion ist es bedeutsam, den eben benannten Vorlauf unter dem Zaren zu kennen, der sich bekanntlich am deutschen Vorbild der Kriegsökonomie orientierte.10 Die staatliche Kontrolle von Versorgung und Handel war nicht neu, ebenso wenig die anschließenden Versuche einer gewaltsamen Abschöpfung der ländlichen Erträge.

Die Verwendung des Begriffs der „bolschewistischen Gegenrevolution“ begründe ich mit den staatlichen Strategien im Sozialkonflikt, die das neue Regime gegen die Bauernautonomie und den zugehörigen Handel vor allem mit Getreide einsetzte. Die Bolschewiki verschärften die im Weltkrieg entwickelte aggressive Politik des gesellschaftlichen Umbruchs, und stellten sich nicht, was große Teile der Linken lange behauptet haben, auf die Seite der revolutionären Massen, sondern gegen sie und ihre Autonomie.

Dass die Bauern und Bäuerinnen sich selbst versorgen konnten, machten ihnen die Bolschewiki in ihrer Propaganda zum Vorwurf. Sie würden den Städten etwas vorenthalten, was sie ohne Gegenleistung wegen der Not abzugeben hätten. Die Bauern bzw. die Kulaken würden Getreide „zurückhalten“ oder „horten“.
Dieser Vorwurf an die Bauern, sie seien sozusagen selbst schuld an den Gewaltmaßnahmen der Regierung wurde jahrzehntelang auch in der westlichen Literatur aus der affirmativen sowjetischen Geschichtsschreibung mit einem vorwurfsvollen Unterton übernommen.

Die Versorgung der Städte war an einen traditionellen Handel geknüpft, dessen Funktionsweise für den neuen mechanisierten und industrialisierten Krieg nicht ausreichte, der deshalb aus herrschender Sicht ebenso wie Versorgungsautonomie der Dörfer zerschlagen werden musste. Dagegen standen die Menschen in der Revolution auf, das war ein wesentlicher Hintergrund der Forderungen nach Kriegsende und Brot. Das Transportwesen und der Markt der Nahrungsmittelversorgung wurden zuerst zu „umkämpften Räumen“,später die Eintreibung des Getreides von den Bauern, und schließlich der Besitz der Dorfgemeinden an ihren Agrarflächen. Ziel der Bolschewiki war, die sozialen Ergebnisse der Revolution der Bäuerinnen und Bauern und der Arbeiterinnen und Arbeiter wieder rückgängig zu machen.

Wie die Menschen in der Stadt mit den Versorgungsproblemen umgingen und damit neue Kampffelder wie den Kampf gegen die Migrationskontrolle eröffneten, soll als nächstes beleuchtet werden, dazu ein Licht auf den Niedergang der Fabrikkomitees und der Arbeiterinnenkämpfe geworfen werden.

1Das Standardwerk zum Nachfolgenden ist: Lars T. Lih, (1990): Bread and Authority in Russia, 1914-1921, Berkeley, Los Angeles, University of California Press. Internet: http://publishing.cdlib.org/ucpressebooks/view?docId=ft796nb4mj&brand=ucpress (20.05.2017)

2Lih, 9-15; 243.

3z.B. Lih, 37, 76. Die institutionelle Debatte kann hier nicht wiedergegeben werden.

4Lih, 20-31.

5z.B. Lih, 53

6Peter Holquist (2002): Making War, Forging Revolution. Russia’s Continuum of Crisis, 1914-1921, Cambridge (Mass.), London: Harvard University Press, 33 f. “Toward the end of 1916, these government officials and public professionals had driven out the middlemen and forced the grain back into the hands of producers.”

7Charles S. Maier (1970): Between Taylorism and Technocracy: European ideologies and the vision of industrial productivity in the 1920s, in: Journal of Contemporary History 1970, 5: 27- 61; Stephen Kotkin (2001): Modern Times: The Soviet Union and the Interwar Conjuncture, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 2, Number 1, Winter 2001, pp. 111-164. Vgl. Detlef Hartmann, (2017): Innovative Barbarei gegen soziale Revolution. Kapitalismus und Massengewalt im 20. Jahrhundert. Krisen – Kämpfe – Kriege, Band 2, Berlin: Verlag Assoziation. (soll 05/2017 erscheinen)

8Ausgezeichnet zum Widerstand gegen die Requisitionen auf dem Land: Vladimir N. Brovkin (1994): Behind the Front Lines of the Civil War: Political Parties and Social Movements in Russia, 1918-1922, Princeton University Press, 301 ff.

9Auf das Thema komme ich im Schluss zurück.

10Auf die Diskussionen von Lenin, Bucharin, Kritsman, Larin, Preobraschenski u.a. zum deutschen Vorbild für einen Staatskapitalismus in Russland hatten wir oben schon hingewiesen.(108) Dazu auch: Lih, 149.