12. Fabrikkomitees: Arbeiterkontrolle und Bewegungszerfall

Wenn wir die Bewegung der Meschotschniki kennen, können wir nun das praktische Auslaufen der Fabrikkomitees als wirksame Kraft ab Mitte Dezember 1917 besser verstehen. Der soziale Alltagskampf „um‘s Brot“ hatte sich notgedrungen vom betrieblichen Terrain auf die Mobilität verlagert. Für das konkrete Verhalten bei Mobilisierungen und die politische Orientierung war die Erfahrung mit der Lebensmittelnot wichtiger als betriebsbezogene Kämpfe um Arbeiterkontrolle und entschlossene Aneignungsaktionen geworden.1 Diese steckten trotz aller Diskussionen in einer Sackgasse, weil materiell in dieser Situation nicht viel zu gewinnen war. Vor allem die großen Rüstungsbetriebe, die von Staatsaufträgen abhängig waren, befanden sich in der Krise und entließen die Randbelegschaften oder verzichteten auf Bauernarbeiter, die im Kampf am radikalsten gewesen waren. Von ihnen wurde militant gleiche Bezahlung und Lohnfortzahlung für alle gefordert, um zumindest einen Lohnausgleich wegen der Teuerung zu erhalten, was von den neuen parteitreuen Arbeiterkontrolleuren aus den Facharbeiterschichten abgelehnt wurde.2 Von den Bolschewiki wurden viele Militante abgezogen und ihnen Posten in den Gewerkschaften und staatlichen Verwaltungen gegeben, mit der Folge von Entsolidarisierungen und zusätzlichen Fraktionierungen.3 So geschwächt konnten die Fabrikkomitees klar und deutlich mit den Beschlüssen auf dem Ersten Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress in Petrograd vom 7.- 14. Januar 1918 kaltgestellt und den Gewerkschaften untergeordnet werden. Solches war aber nur möglich auf dem Hintergrund der sozialen Ausdünnung durch Abwanderung und Kündigungen, den katastrophalen Lebensbedingungen und den Spaltungen, die seit dem Oktober in die Bewegung hineingetrieben wurden.

Damit war unter dem Strich die Geschichte der revolutionären Fabrikkomitees beendet und die Bolschewiki waren als Teil der sozialen Bewegung erledigt. [Die linken oder linksradikalen Bewertungen der Bolschewiki werden sich ab diesem Zeitpunkt elementar unterscheiden bzw. haben sich unterschieden.] Nach der Februarrevolution waren die Komitees zuerst von den Betriebskadern der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki geprägt worden, als die Bolschewiki auf Betriebsebene zahlenmäßig noch unbedeutend waren: Im Verlaufe des Mai hatten sich die Bolschewiki im Verlauf der Kämpfe und auf der Grundlage der Aprilthesen Lenins verbreitert, weil sie sich als einzige reguläre Partei für das sofortige Kriegsende in Frontstellung gegen die Regierung einsetzten. Die Reden Lenins und anderer auf dem ersten stadtweiten Kongress der Fabrikkomitees Ende Mai/Anfang Juni stehen dafür. Da die gemäßigten Parteien mit der neuen Frontoffensive die eigene Basis vor den Kopf stießen und sich dazu noch deutlich von den Arbeitermilizen und deren betrieblichen Aktionen distanzierten, eröffnete sich ein breites Feld für harsche Kritik von links und von der Basis. So ermunterte z.B. der Vorsitzende des ersten Kongresses der Petrograder Fabrikkomitees Ende Mai, ein linker Sozialrevolutionär namens Levin, die Bolschewiki, sich an der gemeinsamen Front von unten zu beteiligen, und unterstützte damit den gemeinsamen „Militantisierungs“-Prozess.4 Im Ergebnis kann man die historische Phase der massenhaften Bolschewisierung an der Basis auf die Zeit von Ende Mai 17 bis Mitte Dezember 1917 begrenzen. Die nun angelaufene „Verstaatung“5 der Bewegung durch die „Diktatur des Proletariats“ brachte eine ganz andere Art „Zustimmung“ zum Parteiregime mit sich, einschließlich anderer Schichten, die sich auf die Seite der Regierung stellten.

Diese Art von Zustimmung durch neue Spaltung konformer und nicht parteikonformer Kämpfer_innen steht im zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn willkürlicher staatlicher Gewalt im Umgang mit den politischen Gegnern. Plötzlich wird die staatliche Rede von der Revolution zur abstoßenden Propaganda, weil die Inhalte der Revolution bisher gegen die Gewalt des Staates gerichtet waren; das hatte sich immer beispielhaft in den Protesten gegen die Todesstrafe und Körperstrafen und bei der verbreiteten Flucht aus der Kriegsgewalt gezeigt.

Isaak Steinberg als Beteiligter weist auf den richtigen Zusammenhang hin: Exakt mit dem Ende der radikalen Kampfphase der Arbeiter*innen im Dezember 1917 begann der abstrakte Terror mit der Gründung der Tscheka und den Angriffen auf die Mitglieder der Kadetten.

Schon im Sommer hätten die Bolschewiki eine Agitationstechnik bevorzugt, die die Kritik der herrschenden Disziplin grenzenlos personalisiert habe, indem durchweg Einzelpersonen schuldhaftes Verhalten vorgeworfen wurde.6 Nicht nur ein Vorarbeiter oder Meister, der sich wirklich schändlich benommen hatte, wurde angegriffen und dem Volkszorn überlassen, sondern jeglicher Bourgeois als solcher, alle Manager wurden für „unmoralisch“ erklärt und als Klassenfeind gegeißelt. Man verurteilte sie nicht nur politisch, sondern auch charakterlich und moralisch und gab sie zum „Abschuss“ frei. Politisch konnte das an die berechtigte revolutionäre erste Wut im Februar gegen die Repressionskräfte anknüpfen, schrieb diese fort und knüpfte an volkstümliche Formen der Selbstjustiz auf dem Dorf an. Soweit sei das verständlich. Aber eine Partei von Intellektuellen habe nicht die Aufgabe, ein solches Vorgehen zu unterstützen, auszunutzen oder zu verstärken. Das primitive Eingehen auf die dörflichen Rechtsgebräuche und überhaupt auf einen alten, unabstrakten Stil der „Schuldsuche“, der nicht Normen oder verbindliche Maßstäbe anwende und konkrete Schuld nachweise, sondern relativ emotional Unmut projiziere sei eine Sünde gegen die revolutionären Werte, vor allem wenn „Selbstjustiz“ als Erlaubnis zur Willkür propagiert werde. Steinberg als erster Volkskommissar für Justiz erklärte später selbstkritisch, dass solche Praktiken den Anfang vom Ende bedeutet hätten. Nun, nach dem Oktober, da jeglicher sozialer Kampf durch die Umstände blockiert war, sei es den Bolschewiki darum gegangen, Sündenböcke zu finden und Parteimitglieder feindlicher Parteien dazu zu machen, indem sie unabhängig von konkretem Tun oder Lassen für vogelfrei erklärt wurden:7

Es war die Erklärung vom Dezember 1917 gegen die bürgerlich-liberale Kadettenpartei. Die letztere wurde ‚außerhalb des Gesetzes gestellt‘. Die Kennzeichnung der Kadetten als Konterrevolutionäre mag richtig sein; das Dekret selbst ist aber zu einer unheimlich-gefährlichen Tat geworden. Denn es bedeutete, daß von nun an keine reale Person wegen eines realen Verbrechens angeklagt wurde und daß eine politische und soziale Abstraktion (‚die Kadettenpartei‘) dem allgemeinen Verdacht, der allgemeinen Wut ausgeliefert wurde, daß ferner die zu dieser Abstraktion gehörenden Menschen als lebende und leidende Wesen zu existieren aufhörten, daß das Volk im Augenblick seines Zornes oder seiner Ohnmacht seine Vergeltung gegen sie richtigen durfte. Mit diesem mit dem Geist des Sozialismus in schreiendem Widerspruch stehenden Akt sagte man den Massen zum ersten Male: bei euren gegenwärtigen oder zukünftigen Leiden seid ihr nicht mehr verpflichtet, nach der Schuld der Schuldigen zu forschen, die Schuld auch in euch selber und in den Bedingungen der Lage zu suchen, Institutionen umzubauen und die Klassenfeinde sozial unschädlich zu machen; ihr könnt einfach an einem gegebenen Sündenbock Vergeltung üben, euch direkt rächen und eure Feinde wie Kriminalverbrecher strafen und vernichten. Erst durch dieses Dekret der Räteregierung wurden die gegenseitige Haftpflicht und die Institution der Festnahmen von Geiseln, die jetzt wie ein eiserner Reifen, die ganze Revolution umklammern, geschaffen.“

Im November und Dezember 1917 gab es die Abschiedsvorstellung des zeitweiligen Zusammengehens zwischen Bolschewiki-Spitze und Arbeiter*innenradikalismus in den großen Fabriken. Man spricht in der englischsprachigen Literatur von „Red Guards Attack“, also einer Rote-Garden-Offensive, einer Hochphase von Fabrikübernahmen, die verzahnt waren mit der ausführlichen Diskussion über das Dekret über die Arbeiterkontrolle vom 14. November 1917 in seinen verschiedenen Fassungen und Teilen.8 Brügmann nennt diese Phase „Betriebskomitees in der Offensive.“9 Aus unserer Sicht stimmt es nicht, wenn Brügmann schreibt: „Das Dekret über die Arbeiterkontrolle hatte die Revolution unmittelbar in die Betriebe hineingetragen“. Wenn er betont, die Revolution sei durch ein Dekret in die Fabriken gekommen, setzt er den Akzent auf die Bolschewiki an der Staatsmacht: wir stellen andersherum fest, dass der diesbezügliche Aktionismus schon im Mai brodelte, dass schon damals die Kontrolle durch Arbeiter übernommen wurde, vor allem in den großen Staatsbetrieben, in denen zuvor zaristische Bürokraten in Offiziersrängen betriebliche Aufgaben gehabt hatten; diese hatten teilweise von ganz allein die Posten geräumt und Aufgaben hinterlassen, die anschließend von engagierten Leuten aus der Belegschaft übernommen wurden. Schon im Mai kämpften z.B. die Milizen heftig und erfolgreich um die reguläre Bezahlung durch die Unternehmen. Die Milizen stützten viele Streiks, indem sie unternehmerische Zwangseingriffe unmöglich machten und damit eine Machtumkehr, mindestens aber eine radikale Beschneidung der „unternehmerischen Freiheit“ in den Fabriken durchsetzten.

Nun radikalisierten sich die Kämpfe nach dem Oktoberumsturz in einer neuen Welle, weil die sozialen Bedingungen wie auch gleichzeitig die ökonomische Situation mit dem Rohstoffmangel und dem Ende der Staatsaufträge abstürzten. Sie waren ebenfalls für eine kurze Phase- vielleicht nicht länger als bis Anfang Dezember – Zeichen neuer Ermutigung durch das Dekret zur Arbeiterkontrolle. Dass so ein Dekret ein schönes Dokument im Sinne der geübten Praxis war, steht außer Frage. „Alle Verfügungen, die die Rechte der Betriebskomitees einschränkten wurden aufgehoben. Die Entscheidungen der gewählten Organe der Arbeiterkontrolle wurden für den Unternehmer verbindlich.“10 Ebenso steht außer Frage, dass es zwei Monate später Schnee von gestern war, weil die Unternehmensführungen nun andere waren und die Rechte der Belegschaften zunehmend von parteitreuen Gewerkschaftlern, also nicht mehr unmittelbar von der Basis selbst vertreten wurden. Dieser Übergang von Entscheidungen von Kollegen*innenversammlungen in der Fabrik auf die Kaderebene der Gewerkschaften, die wiederum an die Partei der Bolschewiki angebunden waren, ist schon häufig dargestellt worden. Parallel dazu schritt die Partei zur Entmachtung der Stadtteilsowjets und sorgte für deren Übergang in die Bedeutungslosigkeit.11

In den Betrieben standen Fragen an, wie die Produktion überhaupt aufrechtzuerhalten wäre, wie Aufträge zu bekommen wären und in welcher Höhe Löhne überhaupt ausgezahlt werden könnten.12 Das war drängend, da der reguläre Lohn schon lange nicht mehr ausreichte, Lebensmittel zu kaufen und andere Wege viel Zeit in Anspruch nahmen. In der Folge waren die Belegschaften nicht mit der Produktion beschäftigt, sondern hatten sich vor allem um die Reproduktion zu kümmern und sie wo möglich kollektiv zu organisieren. Dass letzteres Vorrang hatte, um das Verhungern der Kinder zu stoppen, versteht sich. Die Betriebsversammlungen sahen nun in der direkten Übernahme und mit den Instrumenten der Arbeiterkontrolle zunächst ein scharfes Mittel, die Unternehmer zu zwingen, ihre Ressourcen finanziell und materiell herauszurücken. Sie konnten offiziell Einsicht in die Geschäftsunterlagen verlangen.

Die neue Methode, per Arbeiterkontrolle auf Betriebsvermögen zuzugreifen, entsprach aber nicht unmittelbar einem Auftrag von oben. Dort wurde schon angestrengt nachgedacht, wie die Gewerkschaften die Dezentralität und Autonomie der Kämpfe in den Griff bekommen könnten. Aus heutiger Sicht mutet „Arbeiterkontrolle“ wie ein radikales Mitbestimmungsinstrumentarium an; dessen genaue Fassung mit weitreichenden Möglichkeiten war zwischen Menschewiki, gemäßigten Bolschewiki und radikalen Vertretern der Fabrikkomitees ein erstrangiges Streitthema, solange es den Gegner in Form des Einzelkapitals noch gab. Die Bewegung, also die Komitees und die Versammlungen, entschieden vor Ort nach Lage der Dinge. Sie beschlagnahmten die Geschäftsbücher, durchleuchteten verstärkt Betriebe mit den Mitteln der Arbeiterkontrolle, und diskutierten Fragen der Aufrechterhaltung des Betriebes. Altrichter bedenkt:

Was half es, einen bankrotten oder stillgelegten Betrieb ‚wiederzueröffnen‘, wenn ihm tatsächlich die Rohstoffe und die Energie fehlten? Wenn niemand wusste, wie die Löhne weitergezahlt werden sollten? Wenn die produzierten schwerindustriellen Güter keiner mehr haben wollte? Und wie wollte man die Fortexistenz des eigenen Unternehmens sichern, wenn sein Umfeld zusammenbrach? Die Betriebskomitees waren mit dieser Aufgabe überfordert.“13

Dieser Schluss bei Altrichter „sie waren überfordert“, weist zwar zu Recht auf die Notsituation hin, weil der Rahmen, die staatliche Finanzsituation, zusammengebrochen war, stellt aber nicht die Frage nach einer neuen strukturellen Ausrichtung des Ganzen, einer nun von Grund auf revolutionierten Wirtschaftsverfassung. Im Rahmen des Gesamtspektrums wurden weitergehende Ausgleichsmittel und Übergänge als möglich angesehen und gefordert. Kritiker*innen von Links aus dem radikalen Spektrum wurden mit demagogischen Mitteln ausgegrenzt. Allerdings dürften die Belegschaften vor Ort sehr viel lebendiger gestritten haben, als wir das hier aus wenigen Texten entnehmen können. Um das zu belegen, fehlen uns die russisch-sprachigen Quellen.

Für eine genaueres Studium dieses Phase wäre zu fragen, wie sich die Fabrikkomitees und die Kollegen*innen allgemein zu Problemen während und nach dem Aktionismus der Betriebs-Übernahmen/ Verstaatlichungen verhalten haben:

  • Welche Auseinandersetzungen gab es direkt nach dem Oktober zur Angleichung der Löhne der untersten Lohngruppen an die oberen angesichts der Preissteigerungen,? Wie setzten sich die Komitees mit den militanten Forderungen nach Angleichung der Löhne „[Gleicher Lohn für alle“] auseinander?
  • Wie gingen die Fabrikkomitees mit dem Rationierungssystem für Lebensmittel um, in dem nach gesellschaftlichen Kategorien, nach der Art der Arbeit und zuletzt (1920) auch nach erbrachter Arbeitsleistung der Zugang zu den Lebensmitteln beschränkt wurde? Die Menge der offiziell auf Karte erhältlichen Lebensmittel wurde hierarchisiert. Gab es eine Debatte dazu?
  • Wie gingen die Fabrikkomitees mit dem Verbot des Handels mit Lebensmitteln um bzw. wie gingen die Gewerkschaften damit ab Januar um? Beteiligten sich die Belegschaften offiziell oder inoffiziell oder am selbstorganisierten, also „schwarzen“ Handel und der Beschaffung vom Dorfe her? Gab es politische Positionierungen zur „Versorgungsdiktatur“ also den Dekreten mit dem besonderen Schnitt im Mai 1918? http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0012_kom&l=de
  • Wie gingen ab Anfang 1918 die Fabrikkomitees bzw. die Belegschaften mit der Wiedereinführung des Akkordsystems und den Versuchen, das Taylorsystem zu propagieren oder durchzusetzen, um? Und später mit der Militarisierung der Arbeit?
  • Gab es noch Fabrikkomitees 1918, als sich die AVD (Außerordentliche Versammlung der Delegierten der Petrograder Fabriken und Betriebe) zwischen März und Juli parteiunabhängig organisierte oder gab es neue Komitees ohne die Bolschewiki? Wer waren die Aktiven und wie arbeiteten die Anhänger der AVD vor Ort in der Fabrik?
  • Im Rahmen der kommunistischen Kulturrevolution wurden Großkantinen und proletarische Gaststätten eingerichtet und das Essen gemeinsam organisiert, teilweise als Entlastung der Frauen gedacht. Wie nahmen die Fabrikkomitees an der Verpflegung über Großkantinen teil? Wie entlastete das von der Lebensmittelnot?
  • Wie beurteilte die Basis in den Betrieben die Tatsache, dass die aktivsten Genossen und Genossinnen in den Staatsapparat überwechselten? Gab es Statements, gibt es Dokumente aus den Versammlungen dazu?
  • Wie diskutierten die Kollegen*innen die neuen Gewaltmaßnahmen der Staatsmacht durch die Tscheka und das Vorgehen gegen die Partei der Kadetten?, Gab es kritische Stimmen an der Basis?

Diese Fragen können wir hier nur stellen, aber nicht beantworten. Vielleicht gibt es Forschungen dazu. Unsere Vermutung geht dahin, dass es zu den genannten Fragen Fraktionierungen gab, die sich nach ihrer jeweiligen Nähe zur Parteiführung oder zu oppositionellen Strömungen unterschieden.

 

Welchen Kurs steuerte die neue Staatsmacht zwischen anhaltender sozialrevolutionärer Bewegung und sozialdemokratischen Verfechtern vorgegebener Sachzwänge?

Lenin ermunterte die Koordination der Fabrikkomitees noch im November, sich über die exakten Vorschriften seines eigenen Dekrets hinwegzusetzen, weil es ihm momentan darum ging, den politischen Einfluss der gemäßigten Bolschewiki, die eine Koalition aller sozialistischer Parteien anstrebte, zu schwächen bzw. auszuschalten.14 Es war die Zeit, in der die (sog. gemäßigte) Mehrheitsfraktion der Bolschewiki noch versuchte, in den sog. Viksel-Gesprächen15 eine breiter aufgestellte Koalition zu erreichen. Lenin stellte sich also zunächst nach dem Oktober hinter die Welle der aktionistischen Betriebsübernahmen, um eine Koalition seiner Parteigenossen mit der „Gegenseite“, für die er sie hielt, zu torpedieren. Diese Gemäßigten votierten etwas früher genau für das, was er selbst einen Monat später auch favorisierte, nämlich vorrangig die Arbeitsdisziplin wiederherzustellen, um aus dem Zusammenbruch der industriellen Produktion einen Ausweg zu finden. In diesem Moment, in dem es darum ging, die eigene Position zu stärken, zerschlug er die Mehrheitsmeinung seiner eigenen Bolschewiki, die für einen Kompromiss mit anderen Parteien waren, mit der Methode des Sommers; er griff die Vision eines sozialdemokratisch gebändigten Kapitalismus an, um mit der Kraft der sozialen Bewegung und mit Hilfe des Aktionismus des kämpferischen Bauernproletariats machtpolitische Ziele ganz anderer Richtung zu erreichen. So „zerschoss“ das Zweigespann Lenin und Trotzki als den Exponenten der technokratisch-staatsfixierten Bolschewiki-Vision im November/Dezember 1917 die Viksel-Kompromissmöglichkeiten, indem sie sich zeitweilig auf die Seite der gerade ablaufenden Aneignungswelle gegen die Gemäßigten stellten. An dieser fraktionellen Weggabelung wurde der Pfad zum Einparteien-Regime eingeschlagen. Ob ein Mehrparteienregime substantiell etwas anderes als die Leninisten zur Disziplinierung der Klasse hätte machen können, ist angesichts der gleichen technokratischen Elite, die in beiden Fällen am Steuer gesessen hätte, zu bezweifeln. Jedenfalls ging es jetzt in Richtung Absolutismus der Bolschewiki, womit gleichzeitig die Totenglocke für Menschenrechte in Russland für das 20. Jahrhundert geläutet wurde. Der aktivistischen Basis und den linkssozialrevolutionären/ anarchistischen Strömungen war dies noch nicht klar, sie waren erst als nächste „dran“. Jedoch wurden bis Mitte/Ende Januar die Weichen in Richtung technokratischer Staatskapitalismus in zwei Phasen gestellt, nachdem zuerst die gemäßigte Fraktion und im zweiten Schritt die radikale Basis aus dem machtpolitischen Zentrum zurückgedrängt worden waren. Die Einzelheiten können bei Rabinowitch nachgelesen werden.

Lenin und Trotzki argumentierten nach gewonnener Schlacht gegen die Gemäßigten einen Monat später genau umgekehrt gegen „linke Kinderkrankheiten“, wie er sie später nannte. In einem Text Lenins von 1920, an dem sich die radikale Linke hierzulande nach der APO-Zeit abgearbeitet und damals ihre Distanz zum Marxismus-Leninismus gewonnen hatte, wird sein Grundverständnis noch mal aufgerollt.16 Lenins Bewegungs-Arbeiterklasse der Sozialrevolution war nun nicht mehr angesagt, sondern eine andere Arbeiterklasse. Diese übte die Diktatur des Proletariats als Herrin des Staats und gleichermaßen der Produktion ohne Gewaltenteilung aus.

Die Fabrikkomitees hatten zuvor die Betriebe autonom angeeignet, wesentlich begründet mit sozialer Not durch die Hungerkrise und ihr Verständnis einer sozial gerechten Umverteilung von Besitzrechten. Die Zielrichtung war aber nicht eine neue Verfügungsmacht von oben, sondern eine von unten gewesen.

Aus der Sicht der neuen Volkskommissare bedeutete die Kampfstärke der ArbeiterInnen aber, dass vorläufig nichts vorhanden war, worauf sich eine klassische Staatsmacht noch stützen konnte, keine Arbeitsdisziplin, keine gesellschaftlich sinnvolle Versorgungsstruktur, keine Armee mehr und keine Sicherheitsorgane unabhängig von selbstorganisierten meist unprofessionellen Milizen. Auf dem flachen Land galt diese Situation ebenso, dort war das übergreifende Staatswesen restlos zerschlagen. Die Tscheka war gerade erst im Anlaufen und funktionierte auch noch lange nicht.

In den Diskussionen über die Arbeiterkontrolle konkurrierten drei Strömungen, die im Sommer in der großen sozialen Revolution noch meist zusammen agierten, nun jedoch gegeneinander standen (wir hatten sie oben schon skizziert):

  • Die gemäßigte Strömung erfahrener Betriebskader, die das sozialdemokratische Modell einer verstärkten innerbetrieblichen Vertretungsmacht für Arbeitsbedingungen verankern und die allgemeinen Lohnfragen bei den Gewerkschaften als Gegenüber der Unternehmerverbände verankern wollten. Dieser klassische westliche Ansatz wurde von Menschewiki, der gemäßigten Mehrheit der Bolschewiki und auch Teilen der Sozialrevolutionäre vertreten, die entweder von einer Mehrparteien-Sowjetmacht oder von einer parlamentarischen Republik als zu erstrebender Staatsform ausgingen;
  • zweitens die staatskapitalistisch-technokratische Fraktion Lenins, die eine Zentralität und straffe Einheit von Staat und Wirtschaftsführung anstrebte. Sie konnte sich ebenso wie die Gemäßigten auf den Vorlauf in den neuen sozialwissenschaftlichen Expertenstäben unter dem Zaren und aus der Zeit der prov. Regierung stützen und bezog von daher ihre Vision von effektiver Staatsmacht unter dem Titel „Diktatur des Proletariats“. Sie orientierte sich am Trend der Kriegsökonomie, wie sie in Deutschland scheinbar wegweisend organisiert war; – dort allerdings ohne das Eigentum in Frage zu stellen. Sie schickte sich an, die drei relevanten Hauptelemente des politischen Russlands in der zukünftigen Sowjetmacht zu verschmelzen: den westlichen Progressismus, als entscheidenden ideologischen und technologischen Zukunftsraum des Kapitals; die klassischen Elemente der russischen Alleinherrschaft (Todesstrafe, Bürokratismus, Zentralismus, Geheimdienst-Terror und Unterdrückung der Meinungsfreiheit) sowie die Hoffnungen, Traditionen und Praktiken der sozialen Gleichheit aus der Geschichte der slawischen Bauern. Dazu würde es gehören, sendungsbewusst die russischen Bauernmassen zum Neuen Menschen zu formieren17, das Staatskapital zentral zu steuern, die schnelle Angleichung an westliche industrielle Gesellschaften und das Aufholen im Sinne der Aufhebung von Rückständigkeit anzustreben; eine kämpferische Basis hatte die Lenin‘sche Diktatur-Fraktion in der jungen Generation, die weitgehend ideologisch unbelastet enthusiastisch „Revolution“ mit völlig neuen Chancen verband und auch bereit war, sich gegen normale Menschen mobilisieren zu lassen, wenn die Partei das als gerecht (als „Klassenkampf“) propagierte;
  • drittens die linken sozialrevolutionären, radikal kommunistischen, anarchistischen und bauernkommunistischen Strömungen, die an den Egalitarismus und die Eigentumslosigkeit der russischen (und trikontinentalen) Bauerngesellschaft wie auch die weltweite Arbeiterinnenbewegung anknüpften bzw. deren Teil waren; sie lehnten das kapitalistische Reichtumsstreben und eine Konkurrenzgesellschaft nach westlichem Vorbild ebenso wie die Staatskommunisten*innen ab, waren aber progressiv basisdemokratisch/ menschenrechtlich im Einklang mit den Gerechtigkeitsvorstellungen von unten. Naturgemäß waren sie kein Bündnispartner der Staatskommunisten, obwohl es Grauzonen und Wechsler*innen gab, wie heute auch; ab Juli 1918 wurden sie verfolgt oder zur Anpassung gezwungen. „Agrarsozialismus“ als inhaltliche Klammerbezeichnung für diese dritte Strömung spielt ihre Bedeutung – vielleicht aus Unkenntnis – herunter, ebenso wie die Zuschreibung von Bedeutungslosigkeit oder Naivität (bei Figes), weil es sich um anarchistische Utopie handele: längst tauschten sich auf globaler Ebene die russischen Linksradikalen mit syndikalistischen Ansätzen wie den Wobblies (IWW) (viele Emigranten waren aus den USA zurückgekehrt) aus, mit Anarchosyndikalisten oder den Militanten der KAPD /AAU in Deutschland. Keine linke Sozialrevolutionärin vertrat noch einen rückwärtsorientierten nur an der obschtschina orientierten Gesellschaftsaufbau, wie der „Volkswille“ oder die „Schwarze Umteilung“ in den 1880er Jahren; dennoch ging es wie selbstverständlich um den Erhalt der slawisch- sozialrevolutionären Freiheitswerte für den Aufbau des Kommunismus bzw. einer zukunftsorientierten Gesellschaft.18 Die Frage einer globalen sozialrevolutionären Einheit von unten stellte sich schon vor 100 Jahren. Auch Migrationen vor allem in die USA waren damals schon Träger des Transports von sozial übergreifenden Inhalten.

Mit letzterer Perspektive war der Aktionismus der Basis und auch der Bauernmassen konform, wenn man berücksichtigt, um was für eine „Arbeiterklasse“ es sich in Petrograd und anderswo handelte. Die landverbundenen Bauernarbeiter*innen übernahmen die Betriebe exakt so, wie es Nachbarn, Freunde und Bekannte schon seit dem Februar auf dem Lande praktizierten. Das war keine Zufälligkeit, sondern lag in der Natur des „revolutionären Subjekts“, seiner Migrations-Geschichte in den Kämpfen. Wie wir schon häufiger gesagt haben, hatten diese Übernahmen nichts mit marxistischer Vorbildung zu Eigentumsfragen zu tun. Sie waren auch nicht „spontanes“ Reagieren auf die Not. Sie praktizierten die Revolution, indem sie soziale Gerechtigkeit als Zukunftsentwurf imaginierten, und diesen Entwurf aus der Erfahrung des slawischen Gemeineigentums im Mir, der Feindschaft gegenüber den Herren und der Entwürdigungen in neuen Kämpfen durchsetzten.19 Lenins Fraktion in den Bolschewiki wusste dies alles und bezog es in die Legitimation für den staatlichen Sonderweg der Kapitalakkumulation ein. Ob es wirklich ein Sonderweg war, kann wegen der analogen Geschichte von China hinterfragt werden. Zeitlich kam dieser „Modernisierungspfad“ natürlich nach dem westeuropäischen.20

 

* * *

 

1Zur praktischen Bedeutung des Dekrets z.B. Smith, Red Petrograd, 210-216. Smith, 211.: „The importance of the Decree was more symbolic than real. As it existed, it was unworkable, for it envisaged a hierarchy of control organs at enterprise, district, city and national level, which would have proved too cumbersome. Further problems arose from the fact that the Decree did not spell out in concrete detail how workers‘ control was to be implemented.“

2David Mandel, The Petrograd Workers and the Soviet Seizure of Power, 358. Ebbinghaus verweist im Anschluss an Carr darauf, dass es nach dem Oktober keine Ansätze seitens der Bolschewiki-Spitze für „Gleichen Lohn für alle“ gab und sie sich von den eigenen Parolen zur Lohngleichheit distanzierte. Ebbinghaus, Arbeiter und Arbeitswissenschaft, 207.

3David Mandel, The Petrograd Workers and the Soviet Seizure of Power, Kap. 7 und 8, zum Verschwinden der Bolschewiki aus den Fabriken. Das Buch gibt’s online: Diese Kapitel: http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article16626 Dabei fällt auf, dass im Februar/März 1918 gerade die militante Basis der Bolschewiki an die Front geschickt wurde, also genau das, wogegen sie selbst im Sommer 1917 Sturm in den Kasernen gelaufen waren. Die Arbeiter wussten, dass das Regime die politische Basisstärke in Petrograd durch deren Zerstreuung auflösen wollte, aber erst die Bolschewiki konnten es praktisch umsetzen. Mandel, a.a.O., 383.
Bei Smith ist einiges zu den Führungsstrukturen der Fabrikkomitees zu finden, d.h. der ambivalenten Abhängigkeit der Basis von erfahrenen Leuten, Smith, Red Petrograd, 204-208. Nach dem Oktober wurden mit dem Einheitsargument die radikaleren Forderungen und Aktionen ausgebremst. Vgl. Mandel, 358.

4Melancon, Michael (2002): „Into the Hands of the Factory Commitees“: The Petrograd Committee Movement and Discourses, February to June 1917, in: Michael Melancon & Alice K. Pate (2002): New Labor History. Worker Identity and Experience in Russia, 1840 – 1918, Bloomington/ Indiana: Slavica, 177-206, zur Konferenz vom 30.5. bis 3.6.17: 189-198.

5Mit „Verstaatung“ soll die Hereinnahme der sozialen Bewegung in die Reformpolitik des Staates gekennzeichnet werden. Damit ist die soziale Bewegung nicht mehr oppositionell oder gar antagonistisch, sondern wird selbst zum aktiven Teil von Herrschaftsmodernisierung. Das kann unter Reformaspekten den sozialen Wandel positiv beeinflussen, kann aber auch Teil der Gegenrevolution sein, wie in Russland. Der Prozess selbst wird meist durch gezielt eingesetzte ökonomische oder auch freiwillig eingegangene Abhängigkeiten erreicht, indem aus ehemaligen Aktivistinnen und Aktivisten bezahlte Funktionäre werden, die nun in einer systemkonformen Gewerkschaft, Partei oder sonstigen Verbänden arbeiten. Der Vorgang ist wohlvertraut aus der Geschichte der BRD-Linken. Das Problem muss allerdings im Kontext von Globalisierung und Migration neu diskutiert werden, ist komplexer als früher.

6Isaak Steinberg (1974): Gewalt und Terror in der Revolution, Berlin: Karin Kramer Verlag, 35. Hendrik Wallat (2013): Oktoberrevolution oder Bolschewismus. Studien zu Leben und Werk von Isaak N. Steinberg, Münster: edition assemblage, 42-44.

7Steinberg, a.a.O., 35.

8Vladimir N. Brovkin, (1987): The Mensheviks after October. Socialist Opposition and the Rise of the Bolshevik Dictatorship, Ithaca and London: Cornell University Press, 50 f.

9Uwe Brügmann (1972): Die russischen Gewerkschaften in Revolution und Bürgerkrieg 1917-1919. (Raubdruck 1973)  Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt; neu aufgelegt 1991, 138-144. Brügmanns lesenswertes Buch ist von Anfang der Siebziger und die meisten englischsprachigen Veröffentlichungen stammen aus den 80ern oder später wie die von Wade, Smith, Mandel, Koenker, Rosenberg, Melancon, Kevin Murphy. Brinton war als Ausnahme ganz früh ins Deutsche übersetzt worden, schon 1971. Daneben gab es auf Deutsch den Klassiker zur Geschichte der Räte von Anweiler, der früh bei den radikaleren APO-Nachfolge-Gruppen wegen der Lenin-Kritik rezipiert wurde.

10Plogstedt (Anm.3), 26.

11Helmut Altrichter, (1997): Rußland 1917. Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn etc. Neuauflage: 2016, 300-306; Maurice Brinton (1976): Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle. Der Staat und die Konterrevolution, Hamburg: Verlag Assoziation; Uwe Brügmann (1972): Die russischen Gewerkschaften in Revolution und Bürgerkrieg 1917-1919. (Raubdruck 1973) Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt; neu aufgelegt 1991, 128-165; Manfred Hildermeier (1998): Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München: C. H.Beck, 125-127; Richard Lorenz (1981): Die russische Revolution 1917. Der Aufstand der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Eine Dokumentation, München: Nymphenburger Verlagshandlung. [enthält das Dekret über die Arbeiterkontrolle]; Anna Michailovna Pankratova (1976): Fabrikräte in Russland. Der Kampf um die sozialistische Fabrik. Frankfurt a. M: Fischer-Taschenbuch-Verlag.

12Altrichter, 302.

13Altrichter, 303.

14Gennady Shkliarevsky (1993): Labor in the Russian Revolution: Factory Committees and Trade Unions 1917-1918, St Martin’s Press: New York, 118. Zu den Viksel-Gesprächen im Detail: Rabinowitch, Die Sowjetmacht, 47-58.

15Bei Rabinowitch in der deutschen Ausgabe heißen sie Wikschel-Gespräche: Wikschel ist die Abkürzung für den Gesamtrussischen Eisenbahnerverband, der unter Menschewiki-Kontrolle stand. Alexander Rabinowitch (2010): Die Sowjetmacht. Das erste Jahr, Essen: Mehring, 36 ff. Es lohnt sich, diese spannende Phase bei Rabinowitch nach zulesen.

16https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/linksrad/ bes. Abschnitt V., wo es gegen sozialrevolutionäre Syndikalisten und die Anhänger*innen von KAPD, AAU usw. geht: „Verneinung des Parteibegriffs und der Parteidisziplin – das ist es, was bei der Opposition herausgekommen ist. Das aber ist gleichbedeutend mit völliger Entwaffnung des Proletariats zugunsten der Bourgeoisie. Das ist gleichbedeutend eben mit jener kleinbürgerlichen Zersplitterung, Unbeständigkeit und Unfähigkeit zur Konsequenz, zur Vereinigung, zu geschlossenem Vorgehen, die unweigerlich jede proletarische revolutionäre Bewegung zugrunde richten wird, wenn man ihr die Zügel schießen läßt.“

17Wichtig zum Verständnis: Angelika Ebbinghaus (1994): Intelligenz und gesellschaftlicher Fortschritt. Ein Essay zur Mechanisierung des Menschen in Sowjetrussland, Teil II, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 4/1994, 51-97. Außerdem ihre Texte von 1975 und 1984, die als erste das Thema „Taylor in Russland“ in der Linken bekannt machten. Ferner: Melanie Tatur (1979): „Wissenschaftliche Arbeitsorganisation“. Arbeitswissenschaften und Arbeitsorganisation in der Sowjetunion 1921-1935, Berlin: Harrassowitz: Sibylle Plogstedt (1980): Arbeitskämpfe in der sowjetischen Industrie (1917 -1933), Frankfurt/M.: Campus. Zu den Vorkriegskämpfen siehe Heather Hogan in Kap.2. Demnächst erscheint eine Synthese von Detlef Hartmann.

18Vgl. Boris Kamkov (1920): Zum Verhältnis von Stadt und Land, in: Gottfried Mergner (Hg.) (1972): Die russische Arbeiteropposition. Die Gewerkschaften in der Revolution, Reinbek: Rowohlt, 85-90. Über die Krise des sozialrevolutionären Programms vor dem Weltkrieg: Manfred Hildermeier (1978): Die sozialrevolutionäre Partei Russlands. Agrarsozialismus und Modernisierung im Zarenreich (1900-1914), Köln, Wien: Böhlau, 348-354.

19So wurde auch von Zeitgenossen der Aktionismus der Bauernarbeiter berurteilt. Menschewiki sprachen von einer „Übernahme der russischen Arbeiterklasse durch die Bauern“ („the peasant takeover of the Russian working class“) Siehe: Brovkin (1987): The Mensheviks, 52.

20Ein russischer Historiker plädiert dafür, man solle die Modernisierungstheorie als Grundlage für das Verständnis der russischen Revolution nicht vorschnell beiseite schieben: Boris Mironov (2012): The Standard of Living and Revolutions in Russia, 1700 -1917, London and New York: Routledge, 433-454.