13. Sozialisierung oder Verstaatlichung

Es dürfte klar sein, dass der radikale politische Aktivismus höchstens oberflächlich, nicht überall und lange nicht vollständig in eine Verstaatungsperspektive hereingenommen werden konnte. Das herausragende und wichtigste Beispiel aus der Politik kann in der Kontroverse „Sozialisierung“ versus „Verstaatlichung“ bei den Agrarflächen beobachtet werden. Dort setzten sich, wie schon erwähnt, Anfang 1918 die Linken Sozialrevolutionäre gegen die Verstaatlichung durch. Es standen konzeptionelle Grundunterschiede zur Wahl, die sich diametral gegenüberstanden. Die linken Sozialrevolutionäre bestanden gemäß dem authentischen Programm der Bauernbewegungen für „Land und Freiheit“ darauf, zunächst das große Eigentum von Aristokraten und kapitalistischen Gutsbesitzern zu verteilen und nach den dörflichen Sitten und Gebräuchen der obschtschina unter alle Familien aufzuteilen. Diese Aufteilung fand nach den hergebrachten Verbrauchs- und Arbeitsnormen in regional je unterschiedlicher Form statt. Meist wurde nach Anzahl der Esser*innen (Verbraucherinnen in den Familien) und der Anzahl der familiären Arbeitsteams die Größe der Feldstreifen berechnet wurden, die den Haushalten zustanden. Eine Arbeitseinheit, das Familienteam, bestand aus Ehemann und Ehefrau, das zusammen tjaglo genannt wurde. Es konnten auch mehrere tjagla in einer Großfamilie vorhanden sein , oft z.B. Vater und Ehefrau und ältester Sohn mit Ehefrau.1 Diese Form der Umverteilung der Agrarflächen wurde im neuen Grundgesetz über das Land nach den Vorstellungen der Bäuerinnen und deren linkssozialrevolutionären Sprecherinnen festgeschrieben. Die Vorsitzende des entscheidenden Bauernkongresses im Januar 1918 war die Linke Sozialrevolutionärin Maria Spiridonova, eine ungeheuer populäre Frau, die 1917 bekannter war als Lenin, weil sie einige Jahre zuvor wegen eines Attentats auf einen grausamen Gouverneur in Haft gekommen, aber wegen einer großen Solidaritätskampagne für sie nicht zum Tode verurteilt worden war.2 Die Bolschewiki stritten für ihr sozialdemokratisches Modell von rationalisierten Großhöfen oder Plantagen, kamen aber zu spät. Sie wollten das Land der ehemaligen Großgrundbesitzer verstaatlichen und zukünftig mechanisierte Musterbetriebe anlegen.3 Nur war das Land schon verteilt und blieb es auch bis 1928. Gegen die autonomen Bauernbewegungen konnte sich der neue kriegskommunistische Staat im Bürgerkrieg bei der ersten großen Angriffswelle gegen die Bauern nicht durchsetzen; dazu bedurfte es des Terrors im Rahmen des formierten Kollektivierungsangriffs unter Stalin.

Terms of Trade: Austausch zwischen Industrie und Agrarsphäre

Mehr noch als die Diskussion um verschiedene Pfade bei der Verteilung der Agrarflächen kann der Druck zur Ausbeutung der Arbeitserträge der Bauernwelt zum Schlüssel für das Verständnis der Sowjetunion dienen. Er führt auch zu den Ursachen einer „kommunistischen“ Bevorzugung des Plans gegen über der Marktwirtschaft. In den Diskussionen über die Vor- und Nachteile von Markt- und Planwirtschaft, die in den Zwanzigern geführt wurden, wurde nicht nur ideologisch über Eigentumsfragen im Sozialismus gestritten, sondern unter der Oberfläche ging es um die Preisrelationen bei der Abschöpfung bäuerlicher Arbeitswerte. Bei der Abschöpfung bäuerlicher Arbeitswerte war es eine offene Frage, ob über den Markt genügend Werte aus der Getreideproduktion und dem Verkauf an den Staat transferiert wurden. Aus dem Getreideexport kamen die meisten Deviseneinnahmen bzw. sollten sie kommen, um in den Industrieaufbau zu fließen. Die NEP-Landwirtschaft brachte nach Meinung der Indurstriefraktion angeblich zu wenig ein, obwohl sie sehr schnell nach dem Ende des Bürgerkriegs große Fortschritte bei der Wiederankurbelung der der Getreideproduktion beispielsweise gemacht hatte. Die Bauerndörfer als vorkapitalistische Sphäre konnte die Terms of Trades, die Preisrelationen, im Austausch Industriewaren gegen Getreide über die Märkte mitbestimmen . Wenn aus der bäuerlichen Sphäre zuwenig herauskam (wie schon im Krieg) dann wirkte sich die Zulassung von Markt auch als Blockierung für die Generierung von Deviseneinkünften aus, nicht nur als Versorgungsmangel im Inneren. Devisen waren Angelpunkt für Investitionserfordernisse in der Schwerindustrie. Wie gering auch der Geldanteil war, der in den Dörfern blieb, dem Staat war dieser Anteil schon zu hoch, schuld waren die „Kulaken als Klasse“. Die Finanzpolitiker machten im Hintergrund die Rechnungen auf. Der Abschöpfungsanteil sei für den Staat zu wenig, gemessen an den Maßstäben mechanisierter Gutswirtschaften und an den Anteilen, die vor dem Weltkrieg abgeschöpft werden konnten. Nun gab es keine „Getreidexportindustrie“ mehr wegen der Revolution.
Die Bauern jedoch „horteten“ keine Vorräten in spekulativ- kapitalistischer Absicht wie ihnen vorgeworfen wurde, sondern sicherten ihr Überleben in der aufs Soziale zentrierten Familienwirtschaft der revolutionären Dorfkommune. Zum anderen war die Dorfkommune auch über ihre Arbeitskraftressourcen und ihre Möglichkeit, diese über Migrationen flexibel vor den Anforderungen der Industriearbeit zu schützen, den bolschewistischen Industriestaatsplanern ein Dorn im Auge. Schlussendlich obsiegte in den Diskussionen die Fraktion, die sich für das Vorpreschen in die Zwangskollektivierung bzw. den ersten 5-Jahresplan einsetzte, mit der folgenden Eskalation zum Hungermord. Die Verschärfung des Staatsterrors ordnet sich als Instrument zur Auflösung des volkswirtschaftlichen Engpasses „Kapitalmangel“ ein und der Vernichtungsangriff auf die russischen Bauernwelt hat sowohl volkswirtschaftliche wie auch politische Gründe der subjektiven Verarbeitung bei Stalin höchst selbst. Die Zusammenhänge werden in der Forschung engagiert diskutiert.4

Lenin/Trotzki und Genossen*innen dürften ihre Taktik zur Abfolge der Teilschritte von aktueller und mittelfristiger Eindämmungsperspektive in der Weihnachts-/Neujahrspause 17/18 besprochen haben. Für sie stand an, unter dem Oberbegriff einer „Atempause“ weitere basisrevolutionäre Initiativen zu blockieren und den Gegenangriff auf sie zu starten. In der ökonomischen Totalkrise 17 zu 18 war eine grundlegende Wende fällig. Die Bewegungen müssten „an die Kandare genommen“ werden, um mit den neu gewonnenen Staatskadern, die aus der Bewegung kamen, für – neue – Ordnung zu sorgen. Tatsächlich waren es die schon vorher bestehenden technokratischen Grundauffassungen über die ökonomische Zukunftsgestaltung, die als erstes erforderten, einen Teilfrieden mit Deutschland zu schließen, egal ob es noch ein Kaiserreich oder schon ein revolutionierter Rätestaat war. Technologisches Know-How aus Deutschland wurde benötigt, um das revolutionäre Russland aus der Rückständigkeit zu führen, wenn es sich nicht auf ausländisches Einzelkapital stützen wollte, d.h. aus finanzpolitischen Abhängigkeiten heraus wollte. Leittechnik war die Fabrikrationalisierung nach den Taylor-Prinzipien aus den USA, die auch in den Siemens-Fabriken Petrograds, in der Lenins Freund Krassin Chef war, angewandt wurden. Dass sie nicht funktionierten, steht auf einem anderen Blatt.

Die Führung wollte natürlich das zerstörte Kommando und die Produktivität in den Betrieben und in der Arbeit auf ihre Art wiederherstellen. Gestützt auf die aus der Bewegung kommenden neuen Staatskader wurde schnell der Weg in eine gesamtwirtschaftliche Vernetzung unternehmerischer Entscheidungen in einem Allrussischen Rat der Arbeiterkontrolle vorangetrieben, der dann zum obersten Volkswirtschaftsrat umbenannt wurde. Die gesellschaftlich notwendige Debatte wurde aus berechtigter Angst vor Machtverlust aus der Konstituante (verfassungsgebende Versammlung im Januar 1918) ausgelagert und auf die Sowjet-, Gewerkschafts- und Bauernkongresse bzw. auf die Parteitage der Bolschewiki verschoben. In ihnen wurden die Stimmenverhältnisse zunehmend gefälscht, Kandidaten*innen ausgeschlossen oder ganze Parteien kriminalisiert, um die Alleinherrschaft der Bolschewiki manipulativ durchzusetzen. Stalin war später Meister darin, in den Seilschaften seine Leute zu platzieren und Abhängigkeiten herzustellen und auszunutzen.5 Der neue Volkswirtschaftsrat, der eigentlich von unten hätte gewählt und breit aufgestellt werden müssen, orientierte sich flugs wie selbstverständlich am fortgeschrittensten kapitalistischen Stand der industriellen und technologischen Entwicklung, ob das nun Bäuerinnen- und Arbeiterinneninteressen berührte oder nicht.

Damit war keine Ruhe eingekehrt und auch keine Atempause. Zwischen Januar und Juli 1918 reorganisierten sich die verbliebenen Basiskader der Arbeiterbewegung Petrograds – nun waren es meist wieder Sympathisanten und Mitglieder der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki – in der „Außerordentlichen Versammlung der Delegierten der Petrograder Fabriken und Betriebe“ (AVD, russisch: Собрание уполномоченных и питерские рабочие ).6 Für sie war taktisch klar, dass Parteiorientierung im Hintergrund und die soziale Lage im Vordergrund stehen müsste. Gegen die Angriffe auf die Arbeiterinnen mittels aller Maßnahmen von Lohndifferenzierung, Akkordlohn bis hin zu Zwangsversetzungen und Entlassungen, später auch gegen die Militarisierung der Arbeit setzte sich die Klasse mit alten und neuen Formen und unter veränderten Bedingungen zur Wehr.

Das anschließende Festzurren der Machtkonsolidierung gegen die Bewegungen durch Verstaatung samt Integration verschiedener Pfade in eine neue zumindest vorübergehende Perspektive, fand auf dem Hintergrund der Konzepte zu „Innovationsoffensiven“ statt, die damals global in den Konzernführungen überall diskutiert wurden. Die Bolschewiki-Führung orientierte sich unmissverständlich am neuesten Stand der technologischen Unternehmerangriffe auf die Arbeiter_innenbewegung, was einen weiteren Schlüssel für das Verständnis bolschewistischer repressiver Sozialpolitik zur Ausschaltung jeglicher Sowjetdemokratie liefert. Lenin, Larin, Krassin und ein großer Teil der sozialdemokratisch geschulten Intelligentsia setzten darauf, Fabrik und Gesellschaft modernistisch nach den bekannten Beispielen der deutschen Post und der deutschen Elektrowirtschaft zu reorganisieren und die revolutionären Massen unter dem Label „Sozialismus“ in diese „Aufbau“-Konzepte zu integrieren. Die sozialrevolutionären Bewegungen kommen ab Oktober 17 bei Lenin strategisch als antagonistische Kräfte nicht mehr vor, wenn wir Michael Brie folgen, sondern erscheinen als „Bruchstellen“ entsubjektiviert im imperialistischen System, derer es sich mittels sozialistischer Theorie zu bemächtigen gälte.7 Im eigenen Land wird ihnen der Krieg erklärt, sobald sie sich nicht einordnen. Ähnlich wie die Sozialdemokratie im Westen hatten die Bolschewiki und Lenin nicht die geringsten Probleme damit, kapitalistische Leitbegriffe wie Effizienz, betriebswirtschaftliche Produktivität, Rationalisierung und alle damit verbundenen Auspressungsformen für eine sozialistische Akkumulation in Stellung zu bringen. Das gilt für die unmittelbare Produktion in den Fabriken wie auch für die Verwertung weiblicher Arbeits- und Hausarbeits-Ressourcen in der Durchrationalisierung der Gesamtgesellschaft.

 

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1Siehe das Stichwort tyagla bei: David Moon (1999): The Russian Peasantry 1600 – 1930. The World the Peasants Made, London and New York: Longman.

2I. Steinberg (1935): Spiridonova. Revolutionary Terrorist, London: Methuen & Co. Ltd. Maria Spiridonova hatte einen Anschlag auf einen der Kommandeure des Terrors gegen die vorangegangenen Aufstände im Gebiet Tambow Ende 1906 verübt. Sie sah sich in der Nachfolge ihrer berühmten Vorgängerinnen Sophie Perovkaya und Vera Figner von den Narodnaja Volja Ende der 1870er und Anfang der 1880er Jahre, die den Zaren getötet hatten.

3Näheres bei Lutz Häfner, a.a.O:

4Die volkswirtschaftliche Seite: R.W. Davies; Stephen G. Wheatcroft (2004, 2009): The Years of Hunger: Soviet Agriculture, 1931-1933. The Industrialisation of Soviet Russia 5, Houndsmill, Basingstoke Hampshire: Palgrave Macmillan.

5Dazu Baberowskis Stalin-Forschung.

6Rabinowitch, Sowjetmacht. Das erste Jahr, 298-348; David Mandel (1984): The Petrograd Workers and the Seizure of Power. From the July Days 1917 to July 1918, Birmingham: Macmillan Press, 390-413; Larisa Vladimirovna Borisova (2006): Trudovye otnošeniâ v Sovetskoj Rossii, 1918-1924 gg., Moskva: Sobranie [Трудовые отношения в Советской России (1918-1924 гг)] ISBN: 5960600250.

7Michael Brie (2017): Lenin neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zur Dialektik der Revolution & Metaphysik der Herrschaft, Hamburg: VSA.