14. Imperialismus und Gegenrevolution

Welche Bedeutung hatte die geopolitische Situation im Weltkrieg und die Einkreisung der sozialen Revolution durch die Weltkriegsparteien Mittelmächte und Alliierte am Ausgang des ersten Weltkriegs?

Da sich das Land real zwischen den Großmächten eingeklemmt befand, und der Krieg noch nicht beendet war, hatte jeder Fraktionskampf zwischen den Parteien dramatische Auswirkungen auf die außenpolitische Positionierung und umgekehrt, die außenpolitischen Faktoren wirkten sich auf die innenpolitische Polarisierung aus: Fortsetzung des Krieges an der Seite der Alliierten oder Separatfrieden, – aber zu welchen Bedingungen? Die rechten Sozialrevolutionäre und der Rest der Eliten orientieren sich weiterhin an den westlichen Alliierten, was aber wegen der Selbstauflösung der zaristischen Armee keine ernsthafte Option mehr sein konnte. Dennoch spielte sie als Widerpart in der Provinz des Landes noch lange eine Rolle.

Lenin setzte auf Festigung der Revolution, und damit meinte er die Alleinherrschaft der Bolschewiki, die er über den Separatfrieden mit Deutschland zu stabilisieren gedachte. Dabei musste die deutsche Seite aber mitspielen, dass heißt dem roten Regime das Überleben ermöglichen. Der Separatfrieden, das Stillhalten Deutschlands, lief nicht ganz so erfolgreich, wie gedacht, da sie mit einem Verrat der Revolution in der Ukraine an den Feind verbunden war.

Als dritte Option beharrten linksradikale Bolschewiki und linke Sozialrevolutionäre*innen unisono auf dem Übergang zum revolutionären Partisanenvolkskrieg bei einem eventuellen weiteren Vormarsch der Deutschen. Das war sowohl im Rahmen der sozialistischen wie auch der sozialrevolutionären Konzeptionen eines Befreiungskrieges seit langem klar.1

Im Tauziehen über mögliche Koalitions-Gespräche hätte dieser Streit über die drei Optionen geklärt werden müssen. Die Streitigkeiten unter den Strömungen der Bolschewiki waren brisant, rechte und scheinbar linke Optionen waren mit weltpolitischen Folgen nach wie vor aufgeladen.2

Mit dem Sieg der Lenin-Fraktion gegen die gemäßigte Bolschewiki Fraktion im November 1917 und der Entmachtung der linksradikalen Fraktion (auch bei den linksradikalen Bolschewiki) bei der Kursbestimmung für die Wirtschaft im Januar 1918 waren die Weichen im Inneren auf Restrukturierung von Staat und Wirtschaft sowie Teilnahme an der internationalen Außenpolitik gestellt.3

Dem Stabilisierungskurs Lenins arbeitete die deutsche Salami-Taktik eines Vor und Zurück zur Zeit der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk bewusst zu, wie Kurt Riezler (er war Botschaftsrat an der deutschen Botschaft in Moskau und ein enger Vertrauter des ehemaligen Kanzlers von Bethmann-Hollweg) in seinen Tagebüchern offen zugibt. Er sagt, dass die deutsche Politik den Bolschewiki dreimal zum Machterhalt geholfen hätten. Im Oktober 1917, im Februar 1918 und im Juli 1918 nach dem Anschlag auf Mirbach. Jedesmal ging es darum, die Bolschewiki außenpolitisch für deutsche Ziele einzusetzen.4

Die linken Bolschewiki und die linken Sozialrevolutionäre sahen den revolutionären Partisanenkrieg gegen Deutschland als einzige Möglichkeit gegen die verschärfte Wiederherstellung eines repressiven Kommandos in der Gesellschaft. Sie wollten keine Unterwerfung unter die erpresserischen Friedensbedingungen. Diese Alternative wurde nicht als Traumtänzerei oder utopisches Wunschziel eingebracht, sondern als realistische Politikalternative. Die Argumente, die ausgetauscht wurden, können hier nicht vollständig aufgelistet werden, sie werden bei Kowalski vorgestellt, vor allem in Hinsicht auf die Perspektive einer Verbindung mit der kommenden Revolution in Westeuropa.5

Den deutschen Vormarsch konnte eine russische Armee zwar mit den klassischen militärischen Mitteln nicht aufhalten, weil es sie nicht mehr gab. Der Zustand der deutschen Armee war aber anders als vielfach angenommen, keineswegs so gut, wie es auf Grund des reibungslosen Vorrückens während der Verhandlungsblockade in Brest-Litowsk schien. Dieser schnelle überraschende Vormarsch mit der scheinbaren Bedrohung von Petrograd kam unvorbereitet aus heiterem Himmel. Die deutschen Besetzungen von Litauen und der Ukraine zeigen ein ganz anderes Bild. Nach einem ersten Einmarsch entfalteten sich sozialer Widerstand im Alltag wie auch ein Guerillawiderstand und machten die deutsche Armee handlungsunfähig. Im Jahr 1918 war die deutsche Armee im Osten nicht mehr in der Lage, den Zweifrontenkrieg fortzusetzen, geschweige denn ein funktionierendes Besatzungsregime zu installieren. Um das festzustellen, braucht es keine nachträgliche Spekulation, sondern dies kann in der neueren Forschung bei Liulevicius gelesen werden.6 Die deutschen Soldaten ließen sich von der Revolution anstecken, organisierten selbst Soldatenräte lange vor der Novemberrevolution 1918, waren von der Fremdheit im Osten überfordert und gerieten in Depressionen. Desertionen und Fraternisierungen nahmen zu, so dass auch bei den Deutschen von einem rapiden Zerfall der Kampfmoral gesprochen werden kann, der nur dadurch überdeckt wurde, dass die russischen Soldaten sich selbst in den Friedenszustand verabschiedet hatten. Gegen die Verschiebung an die Front nach Westen, also in den blutigen Ernstfall, gab es erheblichen Widerstand der deutschen Soldaten. Sie zogen den Frieden im Osten einstweilen vor.

Ein weiterer Vormarsch der deutschen Armee wäre aber nach Einschätzung der radikalen Linken bei einem Angriff auf Petrograd ebenso beantwortet worden, wie das Vorgehen im August gegen den Kornilow-Putsch.

Deswegen kann man davon ausgehen, dass die angedrohte Einnahme von Petrograd zwar der Traum von Ludendorff war, aber keine ernsthafte Absicht und auch keine Möglichkeit für die deutschen Führung. Sie war ein politisches Druckmittel. Über die Streitigkeiten zwischen Heeresführung und Außenamt geben die Tagebücher von Riezler Auskunft. Die deutsche Führung wollte den Krieg im Westen entscheiden, was nur möglich war, wenn im Osten nicht zu viele Kräfte gebunden würden. Der angedrohte deutsche Vormarsch barg auch ein weiteres Risiko für das deutsche Spiel angesichts der Tatsache, dass Trotzki schon geheime Sondierungen mit den USA und den Alliierten aufnahm für den Fall, dass Friedensverhandlungen scheiterten. Der spätere Einmarsch in der Ukraine war anders gelagert, weil die Armee die offizielle Erlaubnis zum Vorrücken hatte.

Warum diese Diskussion so wichtig und weichenstellend war und ist, liegt an ihrer Bedeutung für die mögliche Aufgabe des revolutionären „Alleinvertretungsanspruchs“ der Bolschewiki. Jede „Volkskriegs-Option“ hätte das Ende der Bolschewiki-Herrschaft bedeutet, da die Bolschewiki den Massenkrieg gegen Deutschland nicht allein organisieren konnten. Das war der Hauptgrund, warum die Spitze unter Lenin auf die deutschen Bedingungen einging und die Option Volkskrieg in einer sehr knappen Abstimmung in der Führung der Bolschewiki mit einer Stimme unterlag.

Diese alternative Möglichkeit, die deutschen Bedingungen abzulehnen, wurde seither als unrealistisch von den Historiker*innen bezeichnet, weil die grauen Soldatenmassen gerade eben die zaristische Armee wegen „Kriegsmüdigkeit“ per Desertion und Selbstermächtigung aufgelöst hatten. Das war auch Lenins Argument. Es gab jedoch neben der außenpolitischen Begründung nicht nur die zweite innenpolitische wegen der Alleinherrschaft, sondern vor allen Dingen eine weitere Begründung: nur mit dem Aufbau einer Roten Armee konnten und sollten Ordnung und Disziplin in den sozialen Verhältnissen wiederhergestellt werden.

Lenins Beziehungen zu höchsten Offizieren des zaristischen Armee waren sehr eng. Sie liefen über seinen Sekretär, der ein Bruder des zaristischen Armeekommandeurs Michail Dmitrijewitsch Bontsch-Brujewitsch war. Solche Beziehungen zur Generalität der Zarenarmee dürften eine nicht unerhebliche Rolle für die strategische Ausrichtung gespielt haben. Von Ende November 1917 bis Ende Januar 1918 war Michail Dmitrijewitsch Bontsch-Brujewitsch der erste sowjetische Stabschef im Hauptquartier. Unter dem Vorsitz Trotzkis war er vom 4. März 1918 bis zum 27. August 1918 militärischer Leiter des Obersten Kriegsrates der Roten Armee.7

Die politische Option für die Verbreiterung der sozialen Revolution im europäischen und außereuropäischen Rahmen hatten Lenin und Trotzki damit bereits ausmanövriert. Zur einer Verbindung mit der Revolution von Soldaten und Arbeiter*innen in Deutschland konnte es im November 1918 schon inhaltlich nicht kommen, weil die Bolschewiki ihre linken Gegner schon ins Gefängnis gebracht und jeglichen weltrevolutionären Absichten die Abfuhr auf mehreren Ebenen erteilt hatten: Es ging jetzt um „Politik“ auf höherer Ebene und nicht mehr um die sozialen Perspektiven von unten.

Die radikale Linke konnte ihrerseits auf die Erfahrungen mit der erfolgreichen Blockade zur Verhinderung des rechten Kornilow-Putsches verweisen, aber auch auf historische Erfahrungen. Die Motivationen der Bauern, ehemaligen Soldaten und Arbeiter, ihre eigene Revolution zu verteidigen und den Verteidigungskrieg gegen einen sozial sinnvollen Gegner zu führen, waren durchaus vorhanden. Das zeigte sich zunächst auch im Bürgerkrieg gegen weiße Kräfte, bis sich die Rote Armee selbst restlos unbeliebt gemacht hatte. Um Verluste zu minimieren, sollte keine offene Feldschlachten mit Artillerie usw. geführt werden, sondern ein ganz anderer Krieg, ein „Guerillakrieg als Kampfform des Proletariats“ im Anschluss an Marx.8 Die russische Natur und Geographie sollten zu Hilfe genommen werden. Und es gab taktische und strategische Fähigkeiten zu Hauf, die nicht zuletzt auf die vertrauten Erfahrungen im Krieg gegen Napoleon zurückgreifen konnten. Diese und noch mehr Argumente wurden vorgebracht, jenseits der politischen Argumente zum Ziel einer europäischen Sozialrevolution. Der Kampfwert der vorhandenen Roten Garden sei beim gegebenen Stand sehr niedrig gewesen, heißt es allerdings.9

Die Diskussion über Brest-Litowsk betrifft den offensichtlichen Wendepunkt, weil die linkssozialrevolutionären Koalitionspartner hier das Regierungsboot verließen. Die Zugeständnisse an den Imperialismus gingen zu weit und betrafen auch einen weiteren elementaren sozialen Punkt. Denn der Aufbau der neuen stehenden Armee, der Roten Armee hatte überwiegend einen sozial repressiven Charakter. Es wurden nicht nur die strategischen Fähigkeiten der ehemaligen zaristischen Offizieren inkorporiert, sondern hauptsächlich auch deren Führungstechniken mit Disziplinierung über die Todesstrafe, um nur den brutalsten Punkt zu nennen. Auch die Soldatenräte und die Mitbestimmung wurden ins Aus befördert. Damit ging die bolschewistische Führung dazu über, das gesellschaftliche Kommando mit Rückgriff auf Techniken der alten Disziplinargesellschaft wiederherzustellen. Das Label „Rot“ (Rote Armee) hatte mit dieser Form neuer angeblich revolutionärer Disziplin wenig zu tun. Dazu kam die Ausrichtung im Bürgerkreig gegen den inneren sozialen Feind in Gestalt der widerspenstigen Bauerndörfer.10

1Gerhard Ritter (1965): Das Kommunemodell und die Begründung der Roten Armee im Jahre 1918. Osteuropa-Institut an der Freien Universität Berlin; Wiesbaden: Otto Harrassowitz. Ronald I. Kowalski (1991): The Bolshevik Party in Conflict: The Left Communist Opposition of 1918, Pittsburgh: University of Pittsburgh Press.

2Vgl. das erste Kapitel bei Rabinowitch, Die Sowjetmacht, hier: 37. Zu den Waffenstillständen siehe Wildman, II. Band.

3Einzelheiten bei: Richard K. Debo (1979): Revolution and Survival. The Foreign Policy of Soviet Russia, 1917-18, Toronto and Buffalo: University of Toronto Press, 31, 54 ff.

4Kurt Riezler (1972): Tagebücher, Aufsätze, Dokumente. Eingeleitet und herausgegeben von Karl Dietrich Erdmann, Göttingen, 374.

5Kowalski, a.a.O. (Anm. 57)

6Vejas Gabriel Liulevicius (2002): Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer, Edith Nerke und Fee Engemann, Hamburg: Hamburger Edition, 254-271.

8Ritter, 32 ff.

9Ritter, 76-85.

10Mark von Hagen (1990): Soldiers in the Proletarian Dictatorship. The Red Army and the Soviet Socialist State, 1917 – 1930, Ithaca and London: Cornell University Press: Stichwort: Discipline. Francesco Benvenuti, (1982): The Bolsheviks and the Red Army, 1918-1922, Cambridge etc.: Cambridge University Press.