15. Schlussbemerkungen

Das „revolutionäre Subjekt“ war nicht die Arbeiterklasse in Russland. Staatsfeindliche Subjektivität war wegen des Versagens der allerobersten Führung allgemein verbreitet. Bauernarbeiter und Bauernarbeiterinnen, Soldaten, Bäuerinnen und Bauern schlossen in ihren Kämpfen 1917 die gigantische Kluft zur aristokratischen und bürgerlichen Elite, indem sie deren Eigentum zunächst auf dem Land und dann in der Stadt in der direkten Aktion aneigneten, umverteilten oder für einen gemeinsamen gesellschaftlichen Fonds erkämpften. Sie setzten die Armee, deren Teil sie selbst waren, bei den Straßenkämpfen schachmatt. Alles in einem Feuerwerk verschiedenster Verweigerungs- und Angriffsformationen von der Migration über Massenstreiks bis zur handfesten Abfackelung eines Gutshofes. Dann stellten sie völlig neue Fragen nach der Zukunft von Staat, Gesellschaft und Demokratie für alle. Die verschiedenen linksradikalen Fraktionen mit ihrer intellektuellen Vorarbeit hatten verschiedene Antworten darauf, wie es weitergehen sollte.

Die einfachen Menschen stellten sich aus ihrer Geschichte heraus neue moralische Verkehrsformen unter den Menschen und Verteilungsgerechtigkeit in der Gesellschaft vor; sie waren von sozialrevolutionären Gesellschaftsutopien geprägt.1 Die traditionell vorgegebene Gleichheit bei der Verteilung von Boden und Eigenarbeit in der Gemeinde hatte eine „ewige“ spezifisch russische Vorgeschichte. Schon immer standen Kämpfe unter der Parole „Land und Freiheit“, zemlya i volja, wenn sie auch früher einmal an die Vorstellung von einem gerechten Zaren als Erlöser gebunden war. Die Parole „Land und Freiheit“ aktualisierten sie ganz praktisch 1917.2 Das bedeutete, die Bauerngesellschaft knüpfte mit revolutionär erneuerten Inhalten und „Werten“ an uralte Gerechtigkeits- und d.h. Gleichheitsvorstellungen an. Die basiskommunistischen Überlebensgarantien für alle hatten sich seit der Zeit kollektiver Brandrodung und Landeserschließung von unbesiedelten Gebieten- d. h. ohne kolonialen „Landesausbau“ wie im Westen – noch bis ins 15. und 16. Jahrhundert in den Sippenverbänden erhalten. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts lebten sie in den unterworfenen Dörfern in der Leibeigenschaft fort, weil die Organisationsform des Kollektivs die Steuereintreibung erleichterte, während die Feldgemeinschaft im Westen schon längst durch Einteilung von „Hufen“ (herrschaftlich ausgerechnete Landstreifen) kleinfamilial zerschlagen war.3 Deswegen bezeichnete Karl Marx die Menschen in den bäuerlichen Gemeinden, den Obschtschinas, noch in den 1880er Jahren als das revolutionäre Subjekt in Russland.4 Lenin war knapp 20 Jahre später anderer Meinung: aus den ersten Formen großkapitalistischer Marktwirtschaft leitete er den Avantgarde-Charakter der winzigen Arbeiterklasse ab. In der Subsistenzgesellschaft des russisch-ukrainischen Dorfes wie auch in den östlichen Nomadengesellschaften war bei den Bauernfamilien jedoch die Anhäufung von Geldvermögen weder möglich noch machte sie Sinn. Selbst die Städte waren eigentlich größere Dörfer und nicht vergleichbar mit den westlichen Handelsstädten. Für die Mentalitäten hatte das zur Folge, dass eine andere personengebundene Moralität aus überschaubaren Gemeinschaften vorherrschte. Die Akkumulationslogik des Kapitals mit internalisierter Arbeitsmoral oder die koloniale, eurozentristische Vernunftethik, das Leistungsdenken des erfinderischen Einzelmenschen, waren ihnen fremd. Stattdessen schätzten sie seit jeher Umverteilung und „Egalität“ bei der Arbeit und bei der Verteilung des Lebensmittelgrundbedarfs.5 Man stellte die notwendigen Verbrauchsgüter und Behausungen im Dorf im selbstbestimmten Zeitrhythmus in Familien- und Nachbarschaftshilfe her. Ein weiterer Aspekt der Tradition waren allerdings Formen der dörflichen Selbstjustiz, Samosud genannt, deren altertümliche Strafmaßnahmen bis hin zu Pogromen am schädlichsten und kontraproduktiv in die modernen Zeiten hineinragten.6

Die „Normen und Werte“ aus dem Dorf herrschten auch bei den in die Stadt gewanderten Bauernarbeiter*innen vor. Russland war ein Entwicklungskontinent, einem Kolonialkontinent wie Afrika vergleichbar, und damit gehorchte die soziale Wirklichkeit der meisten Menschen den Prinzipien der Familienökonomie der Selbstversorgung. Was das für das Sozialismusverständnis in den städtischen Kämpfen und die Rezeption der bolschewistischen Propaganda bedeutete, ist eine spannende Frage. Im sozialen Raum der Weltkriegskatastrophe prallten die Innovationsstrategien des Weltkapitals antagonistisch auf ein Land, das sich noch zu 80 Prozent mit eigener Hände Arbeit und wenig Markt selbst ernährte. In dem industrialisierungsbedingt anschwellenden Gegensatz zwischen Stadt und Land schlugen sich die technokratischen Bolschewiki nach der Revolution sofort erbarmungslos auf die Seite der gewaltförmigen Industrieentwicklung.

In der Führungsetage der Kommunistischen Partei entstand eine konterrevolutionäre Staatsbourgeoisie. Sie sah sich „sozialistischen“ Zielen verpflichtet, für die die Mehrheit der Bevölkerung die Revolution überhaupt nicht gemacht hatte. Die werktätige Bevölkerung hatte sich den Sozialismus völlig anders vorgestellt als die sozialistisch / sozialdemokratisch gebildeten Intellektuellen. Die einfachen Menschen konnten nur staunen, wie weit Versprechen und Wirklichkeit auseinander lagen.

Eine schnelle Lösung „im gegenseitigen Einvernehmen“ auf gesellschaftlicher Ebene scheiterte endgültig im Juli 1918. Das Regime musste den Widerstand aus der Bauerngesellschaft erst im sehr opferreichen und traumatischen Bürgerkrieg erfahren, bis es sich auf eine vorläufige Verteidigungslinie in der NEP (Neue ökonomische Politik mit Marktwirtschaft) 1921 zurückzog.

Ab 1921 gab es eine ernstzunehmende Entwicklungsdebatte. Die Partei wollte „das Gesicht zum Dorf“ wenden. Dafür sollten die im Narodnitschestvo7 und in der Agrarwissenschaft sozialisierten Experten das Verhältnis im Rahmen der NEP entspannen. Experten wie Alexander Chayanov und Nikolaj Kondratiev, aber auch viele andere, waren im Landwirtschaftsministerium untergekommen und konnten dort bahnbrechende Modernisierungstrategien für die russische Landwirtschaft entwickeln, die am Eigeninteresse der Bauernfamilien und damit des russischen Dorfes ansetzten. Michael Brie bezieht sich in seiner Lobpreisung des späten Lenin auf dessen Vorschläge, über einen Ausbau des Genossenschaftswesens eine Basis für die Akkumulation zu schaffen.8 Sie stammten natürlich nicht von Politikern, sondern von den Stäben im Landwirtschaftsministerium (Narkomzem), also aus den Diskussionen um Chayanov, wie bei Markus Wehner ausführlich dokumentiert ist. Bahnbrechend waren die Modernisierungsstrategien deshalb, weil sie die Rahmenbedingungen des zentralisierten Sozialismus, das sozialisierte Eigentum der Großindustrie, nutzen wollten, um einen gesamtgesellschaftlichen und zugleich partizipatorischen Verteilungsausgleich mit schrittweiser Mechanisierung über einen mehrjährigen Entwicklungsplan (1925 fertiggestellt) zu organisieren. Die Experten im Landwirtschaftsministerium wollten einen „fairen“ Ausgleich bei den Handelskonditionen (Preisrelationen) zwischen Industrie und Landwirtschaft einführen, angepasst an die jeweils notwendigen Investitionen, aber nicht einseitig auf Kosten der Bauerngesellschaft. Sie propagierten einen Entwicklungsprozess nicht nur über die Organisationsform „Genossenschaften“, sondern über eine fein austarierte Gewichteverteilung zwischen den jeweiligen Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft und in der Industrie. Damit war die Vorstellung von Wechselwirkungen und emanzipativen Lernprozessen auf einem solidarischen Markt verbunden. Es waren umfangreiche staatliche Stützungen vorgesehen, die die notwendigen Investitionen auf dem Lande ermöglichen sollten.

Das war das von einer demokratisierten Sowjetunion global übertragbare Grundmodell einer nicht ausbeuterischen Weltwirtschaft mit Entwicklungshilfe aus den reichen Staaten des Nordens.9 Dieser Ansatz war in der riesigen Sowjetunion realitätstauglich, aber nur bei Ausbleiben eines äußeren Angriffs; nicht aber 40 Jahre später in den völlig abhängigen Ökonomien wie den neokolonial beherrschten Staaten Afrikas. Dazu hätte gehört, die linken Sozialrevolutionäre wieder zuzulassen, weil sich bei ihnen die Erwartungen und Ansprüche aus der Bauernwelt hätten angemessen organisieren können; sowie freie, geheime und nicht manipulierte Sowjetwahlen, in denen die Bolschewiki auf dem Lande wahrscheinlich chancenlos geblieben wären. (Das war ein Grund, warum Stalin von einer von ihm erfundenen geheimen Bauernpartei sprach, die von Chayanov und Linkssozialrevolutionären geführt werde.)

Jedenfalls stellten die Experten*innen im Landwirtschaftsministerium eine kluge Gegenvision zur industriefixierten Diskussion der linken Bolschewiki vor, bei denen die Vorstellungen der Leitungen und Experten der verstaatlichten Industriekonglomerate Anklang fanden, die für die ungehemmte Abschöpfung der landwirtschaftlichen Überschüsse und die gewaltsame Mobilisierung von Arbeitskraft für den Industrieaufbau votierten.10 Die Experten im Landwirtschaftsministerium hatten mit ihrem Entwurf für die sowjetische Planwirtschaft eine originäre sozialistische Planungsvision geschaffen, die statt der deutschen Kriegsökonomie und der globalen Konzernstrategien für einen anderen Plan stand; eine sozialistische Reformstrategie wäre das gewesen, die möglicherweise mit dem kapitalistischem Weltmarkt hätte kompatibel sein können, aber gleichzeitig den Dialog mit den Bedürfnissen und Traditionen der russischen Bauernwelt vorsah. So etwas wäre eine sinnvolle Fortführung der sozialen Revolution von 1917 gewesen und hätte dem 20. Jahrhundert weitere Tragödien womöglich erspart. Diese Richtung wurde später mit Bucharin in Verbindung gebracht, der sich anscheinend der Forschungsergebnisse und Planvorstellungen aus dem Landwirtschaftsministerium bediente.11.

Die revolutionären Kräfte haben es nach der russischen Revolution nicht geschafft, das sozialrevolutionäre Reformmodell auf die Weltwirtschaft und die Entwicklungspolitik im Trikont nach der antikolonialen Befreiung zu übertragen. Die Richtung von Chayanow und Kondratiev im Anschluss an eine 60-jährige Entwicklungsdebatte war der wichtigste Diskussionsansatz für eine Alternative von unten zu kapitalistischen Entwicklungsmodellen im Trikont. Voraussetzung für seinen Erfolg wäre eine andere Verbindung der Internationalen Arbeiter*innen bewegung mit den antikolonialen Bauernkriegen, vor allem auch in Osteuropa, gewesen. Mit der Vorherrschaft der KPdSU oder KP Russlands über die Kommunistische Internationale war ein Sieg über das Kapital restlos ausgeschlossen. Die bauernfeindlichen Grundannahmen der sozialistischen Intellektuellen und der schlechte Ruf der kommunistischen Parteien in den 20er Jahren sorgte für die Abwanderung der Bauernbewegungen nach rechts und in den Faschismus.12 Damit hatte die Politik der 3. Internationale für ein globales Desaster gesorgt, an deren Folgen die Welt noch heute leidet. Da halfen auch Pressezensur, Geschichtsfälschungen und alle Propaganda nichts. Ebenso wie das westliche Kapital war das Staatskapital unter Stalin nicht dazu bereit, von einer falschen technologischen Fortschrittsverklärung (einer schlechte Kopie der kapitalistischen Entwicklungstheorie und Fortschrittsphilosophie) und einer falschen Subjektbestimmung abzurücken.13

Dazu trug in den 20er Jahren einiges bei: Der Ansatz aus dem Landwirtschaftsministerium erwies sich schnell als ungeeignet, den Getreideexport kurzfristig anzukurbeln, weil er auf langfristige Einbindungen der Subsistenz in die Gesamtwirtschaft ausgerichtet war, nicht auf kurzfristige Abschöpfung der Mehrarbeit der Bauern, die diese zu leisten gar keinen Anlass sahen. Das stellte sich Ende 1925 als scheinbare Blockade durch die Bauernautonomie heraus.14 Die Neue Ökonomische Politik (NÖP oder russisch NEP)15 wurde im Blick auf die gerechte Verteilung aus der Sicht der Bauern nur halbherzig bis gar nicht umgesetzt und vorzeitig ohne die notwendigen demokratisierenden und preislichen Zugeständnisse beendet. Bucharins rechte Opposition blieb vor allem kämpferisch hinter dem zurück, was politisch in letzter Minute nötig gewesen wäre. In Laufe der Fraktionskämpfe stellte der Stalin-Flügel die Weichen für einen kurzschlüssigen Generalangriff auf die Bauern, für die „Vernichtung der Kulaken als Klasse“. Im Ergebnis der Zwangskollektivierung entzog das Führungszentrum in Moskau den Bauern wieder die Verfügung über ihr eigenes Land, das sie sich in der Revolution genommen hatten, und verurteilte sie zu einer „zweiten Leibeigenschaft“ in Kolchosen. Der damit in Kauf genommene Sozialkrieg endete mit mindestens 4 Mio. Hungertoten und machte den anschließenden Stalin-Terror gegen jeglichen offenen politischen Widerstand in der Gesellschaft unausweichlich.

Ohne Terror wären die revolutionären und rebellischen Kämpfe sofort wieder an die Oberfläche getreten. 16 In den Augen der Führung unter Stalin drängte die Zeit; sie befürchtete einen neuen Krieg des Westens, der ab 1926 zunächst von England wegen dessen Krise ausgehen würde, wozu eine schnelle Ausrüstung mit neuem Militärgerät und der Kraft- und Gewaltakt für die neue schwerindustrielle Basis notwendig schienen. Sogar in Zeiten des Massensterbens 1933 sollten durch Abschöpfung von Bauerngetreide und dessen Verkauf ins Ausland Devisen erwirtschaftet werden, die die Planer des ersten 5-Jahresplanes für den Aufbau der Schwerindustrie bestimmt hatten. Die Devisenklemme, ihre weltwirtschaftlichen Hintergründe und die Folgen für die wirtschaftspolitische Weichenstellungen haben Sloin und Sanchez-Sibony eindrucksvoll herausgearbeitet.17 Auch weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen sind in den Kausalitäten für die folgende Schreckensherrschaft mit zu berücksichtigen, schwierige Dilemmata, deren alternative Lösung durch eine weltrevolutionäre Perspektive mit dem trügerischen Frieden von Brest-Litowsk und dem Verzicht auf Vertiefung und Fortsetzung einer NEP mit globaler Perspektive schon verpasst war.

Die Alternative hätte zuallererst gehießen, 1918 oder dann wenigstens 1921/ 1922 die Vorstellungen der Partei der Linken Sozialrevolutionäre bzw. dann in den Zwanzigern die Pläne der Experten Chayanov oder Kondratiev 18 öffentlich in einem Mehr-Parteienstreit in den Sowjets zu diskutieren und sich strategisch zu einigen. Dabei hatten die Bolschewiki, so wie sie aufgestellt waren, keine Chance auf eine Mehrheit, der real existierende Leninismus wäre als Sackgasse durchgefallen. Mit den Bolschewiki setzte sich der geostrategisch orientierte Weltmarkt-Industrieflügel des Staatskapitals durch, was nicht zuletzt mit den Fundamenten der sozialdemokratischen Entwicklungstheorie, d.h. deren Geschichtsphilosophie zu tun hat.

Die Kontinuität der Kampfformen aus der Revolution von 1917 bis 1989 und darüber hinaus hatten wir in dem Materialienband von 1992 aufgezeigt und nachgewiesen. 19 Der Prozess der sozialen Revolution 1917 bildete den Auftakt eines die Welt für die nächsten 40 Jahre erschütternden Kampfes, eines sozialen Krieges um die entwicklungspolitische Zukunft von Osteuropa und Asien, einschließlich Chinas und Vietnams. Das Problem der Lebensmittelversorgung und die darin enthaltene kapitalistische Perspektive der Vernichtung des kontinentalen Bauerntums: zwischen den westlichsten Gebieten östlich der Elbe in Polen, im Süden Ostgalizien/die Westukraine bis hin zum anderen Ende Eurasiens in Wladiwostok und der Mongolei. Welches Verhältnis bestand zwischen der jüdischen Bevölkerung in den schtetls und den Bauerndörfern? Bildeten sie bei allen religiösen Unterschieden doch eine gemeinsame Kultur, eine alte Gesellschaft, die dem westlichen wie dem östlichen Kapitalismus als fortschrittsfeindlich und subversiv erschien, je mehr die Industrialisierung voranschritt? Oder bestand eine religöse oder sonstige Feindschaft, ein Antisemitismus, der regelmäßig zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung führte? Auf der Oberfläche zeigte sich ein Kampf um den Kommunismus; dahinter verbarg sich die staatlich zugespitzte antagonistische Interaktion zwischen einerseits dem städtischen wachsenden industriellen Sektor mit riesigem neuen Arbeitskräfte- Bedarf und neuem Warenkonsum und andererseits der hergebrachten ländlichen Produktionsautonomie. Nebenbei schreckten die staatskapitalistischen Planer nicht davor zurück, eine parallele Lagerökonomie der Gulags zu entwickeln und in den Werttransfer einzubauen, und mit sämtlichen Gewaltmethoden die alten gesellschaftlichen Strukturen kolonial unter den neuen Sowjetimperialismus zu unterwerfen. Damit wurde statt einer marktmäßig zersplitterten Mehrwertproduktion eine zentralisierte Produktion organisiert, die gleichzeitig die zentrale Verfügung über den Mehrwert oder das Mehrprodukt und damit die forcierte Schnellindustrialisierung ermöglichte. Utopisch gedacht wäre der naturgemäß immer anfallende gesellschaftliche Wertüberschuss bzw. Überschuss freier Subjektivität 20 natürlich anders zu verwenden gewesen, Fortschritt ohne Gewalt eben. Diesen erweiterten Denkhorizont untersagten die neuen Despoten. Kommunismus wurde zu einer Worthülse, einem Begriff, der durch die praktizierte und bis heute in der Linken oft noch verdrängte Gewaltgeschichte völlig entwertet ist. 21

1Als Beleg ist natürlich ein ausführlicher Text notwendig, den wir ggf. noch nachliefern werden. Interessant finde ich eine empirische Untersuchung zur Kritik an Verhaltensweisen von sog. Kulaken, die Anfang der 20er Jahre von einer Bauernzeitschrift durchgeführt wurde: Lynne Viola (2000): The Peasants‘ Kulak: Social Identities and Moral Economy in the Soviet Countryside in the 1920s, in: Canadian Slavonic Papers, 2000; 42, 4, 431-461. Standardwerke zu den bäuerlichen Wertvorstellungen: Lynne Viola (1996): Peasant Rebels Under Stalin. Collectivization and the Culture of Peasant Resistance., Oxford/New York: Oxford University Press., David Moon (1999): The Russian Peasantry 1600 – 1930. The World the Peasants Made, London and New York. Carsten Goehrke (2010): Russland. Eine Strukturgeschichte, Paderborn etc. 2010, 286-292; Kirill V. Čistov (1998): Der gute Zar und das ferne Land. Russische sozial-utopische Volkslegenden des 17.-19. Jahrhunderts. Hg. v. Dagmar Burkhart, Münster usw.: Waxmann.

2Überblicke bei Manfred Hildermeier (2013): Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution, München: C. H.Beck, 3. Auflage 2016. Einen Einblick in die neuere Diskussion erhält man bei: S. A. Smith (2011): „Moral Economy“ and Peasant Revolution in Russia: 1861 -1918, in: Revolutionary Russia, 24:2, 143-171.

3Michael Mitterauer (2003): Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, München: Verlag C. H. Beck, 5. durchges. Aufl. 2009.

4Überlegungen und Nachweise bei Max Henninger: Marxismus und ländliche Armut, in: Sozial.Geschichte Online 4 (2010), S. 82–112, hier: 84-86. http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-25692/07_Henninger_Armut.pdf (Mai 2017)

5„egalitär“ benutze ich nicht im heutigen Sinne der Gleichberechtigung von Alter, Geschlecht oder vor dem Gesetz, sondern im sozialen Sinn. In Russland stand die persönliche Integrität in Beziehungen, der Charakter, aber auch die familiär kontrollierte Arbeitsmoral im Vordergrund. Hierarchien nach Alter, Geschlecht, Qualifikation und so weiter waren wichtig, aber immer bei sozialer Garantie fürs ausreichende Überleben, inklusiv, nicht exkludierend. Auf diese praktizierte traditionelle soziale Gleichheit (in der gemeinsamen Lage der Ausgebeuteten) bezieht sich die Charakterisierung mit „Egalität“.

6Siehe das Kapitel: Unoffical Justice in the Village, in: Stephen P. Frank (1999): Crime, Cultural Conflict, and Justice in Rural Russia, 1856-1914. Berkeley: University of California Press, 243 ff. und Conclusion, 307 ff.

7Zusammenfassender Begriff für die ersten Phasen sozialrevolutionärer Organisation und der späteren Sozialrevolutionäre Partei.

8 Michael Brie (2017): Lenin neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zur Dialektik der Revolution & Metaphysik der Herrschaft, Hamburg: VSA. Brie möchte anscheinend eine Lanze für den späten Lenin brechen: nur hat er die Konzeption der Genossenschaften aus ihrem Zusammenhang mit einem komplexen Entwicklungsplan gelöst; zudem hatte die Idee der Genossenschaften nichts mit Lenin zu tun, sondern war seit langem eine Basisbewegung in der sog. Zivilgesellschaft, die schon vor dem ersten Weltkrieg und auch in der Revolution von Lenin eher diskriminiert wurde, da sie sich dem straighten Denken der Partei entzog. Das müsste Brie dann schon dazu sagen und nicht versuchen, ein positives Lenin-Bild „neu zu entdecken“ und herauszuputzen.

9Alles nach Markus Wehner (1998): Bauernpolitik im Proletarischen Staat. Die Bauernfrage als zentrales Problem der sowjetischen Innenpolitik 1921-1928, Köln, Weimar, Wien: Böhlau-Verlag

10Markus Wehner (1998), a.a.O.

11Chayanow, Kondratiev und viele andere Reformplaner wurden von Stalin der Mitgliedschaft in einer imaginären (sozialrevolutionären) Bauernpartei verdächtigt und im Rahmen des großen Terrors ermordet. Siehe dazu die übernächste Anmerkung 12..

12Alexander J. Motyl (1980): The Turn to the Right: The Ideological Origins and Development of Ukrainian Nationalism, 1919 – 1929, Boulder, New York: Columbia University Press.

13Aufschlussreich: Teodor Shanin (2009): Chayanov’s treble death and tenuous resurrection: an essay about understanding, about roots of plausibility and about rural Russia, in: Journal of Peasant Studies, 36: 1, 83 — 101.

14Wehner, 249 ff.

15Die NEP wurde im März 1921 auf dem 10. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands beschlossen. https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_%C3%96konomische_Politik

16Über den Bauernwiderstand gegen die Kollektivierung: Lynne Viola (1996): Peasant Rebels Under Stalin. Collectivization and the Culture of Peasant Resistance, Oxford/New York: Oxford University Press. Viola/ Danilov/ Ivnitskii/ Kozlov ( Ed.) (2005): The War Against the Peasantry. The Tragedy of the Soviet Countryside, First Volume, 1927 – 1930. New Haven, Conn: Yale Univ. Press (Yale Agrarian Studies Series)

17Andrew Sloin; Oscar Sanchez-Sibony (2014): Economy and Power in the Soviet Union, 1917–39 , in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 15, Number 1, Winter 2014 (New Series), pp. 7-22.

18Alexander Wassiljewitsch Chayanov, 1888 – 1937 auch: Tschajanow, Čayanov; Nikolai Dmitriyevich Kondratiev o. Kondratieff, 1892 – 1938.

19Der Text zum Ende der Sowjetunion wird im Laufe des Jahres 2017 digitalisiert online erhältlich sein. Der Einzeltext zur sozialen Revolution von D. Hartmann steht online unter: http://www.materialien.org/texte/materialien/mat4/mat_4_Hartmann_ganz2.pdf

20Die Diskussion zur Ablösung der klassischen Werttheorie, die den gesellschaftlichen Reichtum aus einem eng gefassten Arbeitsbegriff ableitet, durch eine neue Theorie gesellschaftlichen Reichtums, die sich auf freie Subjektivität und einen weltweit gleichberechtigten diskriminierungsfreien Zugang zu allen Ressourcen in nachhaltiger Nutzung der Natur bezieht, kenne ich nicht genügend, um mich hier darauf beziehen zu können.

21Kritische Diskussion dazu: Gruppe INEX (Hg.) (2012): Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Münster: Unrast Verlag.