2. Migration und Arbeiter_innenkampf

2.1. Streik und Massaker bei den Lena-Goldgruben

 

Etwa 3000 streikende Arbeiter marschierten wohlgeordnet an einem kalten Apriltag im Jahre 1912 im Lena- Goldbergbaugebiet nördlich des Baikalsees auf die Siedlung am Bodaibo-Fluss zu. Sie marschierten zu dritt und zu viert nebeneinander; in der Nacht war frischer Schnee gefallen, als in der Ferne ein Mann winkte und Zeichen gab. Ein Uniformierter eilte auf sie zu, sie sollten auf einen anderen Weg abbiegen. Als sie um eine Kurve kamen und nur noch eine kleine Holzbrücke zwischen ihnen und dem Verwaltungsgebäude lag, wartete auf der anderen Seite der Brücke schon eine Kompanie Soldaten. Die ersten Arbeiter hielten an, aber von hinten wurde nachgerückt. Ein ihnen bekannter Ingenieur lief vom Gebäude aus auf sie zu und sprach mit den ersten, sie sollten nicht weitergehen. Ihm gab jemand die vorbereiteten Petitionen, während sich immer mehr Leute ansammelten, so dass die Menge schon auf einige hundert angeschwollen war. Alles staute sich vor der Brücke. Einige zündeten sich etwas zu rauchen an, während vorne verhandelt wurde. Plötzlich klackte es von der anderen Seite bedrohlich, dann krachte die erste Salve aus den Gewehren in die Menge.1

Flucht und Schreie. Eine zweite, dritte und vierte Salve folgte, während sich die Körper der Verletzten schon am Boden befanden und schrien. Die Menschen versuchten zu entkommen, aber viele Soldaten zielten weiterhin auf einzelne und suchten mit gezielten Schüssen ihre Opfer. Dann lagen Hunderte da, verwundet, schwerverletzt oder sterbend. Dem vorne stehenden Ingenieur retteten nur die über ihn hingefallenen Verletzten und Toten das Leben. An den Schussverletzungen starben sofort oder etwas später an die 270 Arbeiter, weitere dreihundert waren verwundet.2 Warum dieses Massaker?

Von Seiten der Arbeiter hatte es nichts gegeben, keine Übergriffe, alles lief äußerst diszipliniert ab. Ziel war es, mit einem vorbereiteten Forderungskatalog die entschlossene Weiterführung ihres Streiks anzuzeigen, die Forderungen an die Verwaltung zu übergeben und durch geschlossenes Auftreten Verhandlungen zu erzwingen. Hauptinhalt des schon einen Monat währenden Streiks waren Forderungen nach 30-prozentiger Lohnerhöhung, sauberem und besserem Essen, und weiteres.3

Das Ganze spielte sich mehr als 5000 km östlich von Moskau in Sibirien ab, nordöstlich vom Baikal-See. Die Arbeiter im Goldbergbau im Lena-Flußgebiet, insgesamt mehr als 5000 Beschäftigte in verschiedenen Gruben, z.T. mit Frau und Kindern, gehörten zur untersten Schicht der Arbeiter, sie rekrutierten sich häufig aus Arbeitern, auch Bauern, die anderswo keine Chance hatten, häufig waren sie wegen eines Passvergehens aktenkundig und konnten daher auf städtischen Arbeitsplätzen schlecht unterkommen, möglicherweise waren sie illegal gewandert. Es waren aber auch „Politische“ darunter, die man wegen politischer Betätigung deportiert hatte. 4

Die Aktiengesellschaft Lenzoto hatte in der Gegend nicht nur das Beschäftigungs- und Unterbringungsmonopol, sondern auch die Verfügung über die Lebensmittelversorgung und deren Preise. Mit vergleichsweise hohen Löhnen waren eine Menge verelendeter Bauern-Arbeiter angelockt und verpflichtet worden, ihnen wurde das Geld aber über erhöhte Monopolpreise bei den Lebensmitteln vom Arbeitgeber sofort wieder aus der Tasche gezogen. Unter dem Strich gab es keine Möglichkeit, Ersparnisse anzusammeln, wie eigentlich erhofft. Die Aktiengesellschaft kontrollierte in diesem abgeschiedenen Gebiet die örtliche Gerichtsbarkeit, Polizei und politische Verwaltung. Ihrer Willkür waren einige tausend Menschen völlig ausgeliefert. Der nächste Bahnanschluss in Irkutsk war 400 km entfernt. Im Winter sanken die Temperaturen auf Minus 40 Grad und es gab in dieser Zeit keine Verkehrsmöglichkeit. Da die Arbeitskontrakte auf ein Jahr abgeschlossen wurden, war der Wechsel zu einem anderen Arbeitsplatz und ein Entkommen in andere Gebiete kaum möglich. Polizeiliche Passkontrollen und das Passgesetz unterbanden sowieso die freie Mobilität. Es war nicht möglich, zu kündigen und die Gegend zu verlassen.

Unter den extremen Bedingungen war es schon häufiger zu Streiks gekommen.5 Auf der anderen Seite ergaben sich exorbitante Gewinne für die Lenzoto-Goldschürfgesellschaft. Sie gehörte zwar mehrheitlich einem englischen Konzern unter der Führung der Barone Ginzburg, aber der höchste Adel bis zur Zarenfamilie war eingestiegen und schöpfte ebenfalls Gewinne ab. So kam ein gemeinsames privatkapitalistisches und staatlich-ökonomisches Interesse zustande, das örtliche Auspressungsregime nicht nur zu dulden, sondern die erklecklichen Gewinne gemeinsam abzuziehen. Die Verzinsung des eingesetzten Kapitals lag bei jährlich durchschnittlich unglaublichen 30, 40 oder sogar 70 Prozent wie im Jahr 1908/09 (Tabelle S. 770). Ab 1911 gehörten über 400 Goldminen auf einem Gebiet von 100.000 km² zur Gesellschaft, dazu kamen die Konzessionen für den Eisenbahn- und Schiffsverkehr. Es wurden 3 Prozent der Weltproduktion und ein Drittel der russischen Goldproduktion gefördert. (769)

    1. 2.2. Transuralische Migration und strategische Siedlungsplanung

Die Arbeitsmigration ins ferne Sibirien war Teil der sog. transuralischen Migration, für die Häfner für den Zeitraum von 10 Jahren zwischen 1901 und 1910 die registrierte Zahl von 2,282 Millionen Migranten_innen angibt. Knapp 99 Prozent sollen Bauern und Bäuerinnen und 1,1 Prozent Straf- oder Kriegsgefangene und Verbannte gewesen sein.6 Zur kolonialen Erschließung des riesigen Kontinents Nordasien hatte die neue Migration eine zentrale Bedeutung, ebenso wie für die Maßnahmen der Klassenkontrolle im Westen, um das soziale Pulverfass scheinbarer dörflicher Überbevölkerung dort zu entschärfen.7 Schon immer waren Menschen in die Weiten Nordasiens gewandert, „gesickert“, immer hatte es die „Sickerwanderung“ als Flucht aus Ausbeutung und Gewalt der Aristokraten gegeben. Seit 1896 hatte eine Umsiedlungsverwaltung die Fernmigration gefördert, sie bordete aber ab 1905 über, so dass mit dem Hinweis auf zu wenig freien Boden wieder gegengesteuert wurde, aber wohl eher mit dem Grund, die Fluchten in neue Freiheiten der selbstorganisierten Subsistenz zu beschneiden und unter Kontrolle zu behalten. Ähnlich wie in den USA hatten neue Eisenbahnverbindungen auch neue Siedlungsmöglichkeiten erschlossen. Irkutsk war seit 1898 mit der Eisenbahn vom Westen her erreichbar. 5000 km östlich von Moskau gelegen war es um 1900 das Paris Sibiriens. Bis zur Endstation der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok am Pazifik, sind es noch weitere knapp 4000 km (soweit wie von Moskau nach Madrid).

Bei der strategischen Siedlungsplanung zum Zweck von Industrialisierung und Wertschöpfung gingen Deportation und freiwillige Besiedlung in den Entwürfen der Planer ineinander über. Peter Holquist hat einen ersten wichtigen Beitrag zur Kontinuität der Bevölkerungsplanung unter dem Zarismus und dem Bolschewismus geschrieben, deren Kernpersonal im wesentlichen das Gleiche blieb. Ein Teil war zu den Weißen (den Anhängern des ancien regime im Bürgerkrieg) gegangen, ein anderer blieb in der nunmehr roten Verwaltung in Petrograd oder Moskau.8 Experten aus der erwähnten Umsiedlungsverwaltung bildeten schon im Zarenreich ab den 1890er Jahren diejenigen Grundvorstellungen aus, aus denen das spätere Gulagsystem und die stalinistischen Zwangsumsiedlungen, eine Kontinuität von Deportationen, stammten. Koloniale Landnahme, Kombination von freiwilliger und zwangsweiser Besiedlung, Ausbeutung von Rohstoffen, Infrastrukturplanung, kurz: staatskapitalistische Entwicklungsplanung transkontinental, aber in ein und demselben Staatsgebilde in langfristiger Perspektive.

Bekannt sind die Pläne zum strategischen Eisenbahnbau durch den Ministerpräsidenten Witte, der sich seinerseits auf das historische Vorbild Preußen und den nationalen Entwicklungsplan von Friedrich List aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stützen konnte. Nun würden wir allerdings zusätzlich die frühen Industrieplanungen für Osteuropa und Sibirien mit den im Weltkrieg 1915 massenhaft durchgeführten und späteren Deportationspraktiken in den dreißiger Jahre im Zusammenhang sehen, auch im internationalen Vergleich. Was wir hier nur andeuten können: Ein Konrad Meyer, der die nazistische Großraumplanung später als Vernichtungsplanung für Osteuropa hochwissenschaftlich betrieb9 und die sozialistische Deportationspolitik unterscheiden sich zwar in rassistischer Ausrichtung, Form und Tiefe der Mordplanung, nicht aber im systematischen Zusammenhang zwischen sozialtechnischer Gesellschaftsplanung, die Bevölkerungsplanung einschloss, und Industrialisierungspolitik. Die genozidalen Aspekte der Entwicklungsperspektiven staatlichen Kapitals im Osten und imperialistischen Kapitals im Westen sind unverkennbar, werden aber selten im Zusammenhang theoretisiert.10 Auf jeden Fall steuert die Forschung wie an den Texten von Holquist deutlich wird, verstärkt auf die materialistischen Grundlagen eines Verständnisses der Stalin-Ära zu, die nicht erst 1928 anfängt, sondern bei den Schreibtischtätern schon viel eher. (Wir kommen unten im Kap. 5 auf die Deportationen im Frontgebiet 1915 zurück.)

Es war die Folie, um den Entwicklungsrückstand – das kapitalistische Hinterherhinken Russlands als Latecomer der Industrialisierung – wettzumachen. Die – wie wir sehen, noch unvollständige – Diskussion zu dieser These Gerschenkrons kann bei Hildermeier genauer nachgelesen werden.11 Der Grundgedanke einer strategisch-effizienten Übergangsphase lag auch Lenins Entwicklungsdenken und dem der russischen Sozialdemokraten an der Spitze zugrunde, nur eben unter dem Vorzeichen einer sozialistisch sozial gerechten Aufholjagd mit dem idealen Ziel des Kommunismus. Seine eigene Ethik zog die staatskapitalistische Vision daraus, dass industrieller Fortschritt Einkommen und damit bessere Lebensbedingungen hervorbringen würde. Man wollte im Konsens mit der städtischen Arbeiterklasse „modernisieren“, eine Utopie verwirklichen ohne kapitalistische Willkür von individuellen Unternehmern, ohne Verelendung breiter Massen und ohne Privilegien und den Luxus der Bourgeoisie in Kauf zu nehmen. Den Fortschritt stellten sich die Bolschewiki als staatlich geplante Industriearbeit für alle vor, – vor allem auch in der verstaatlichten und tendenziell maschinisierten Groß-Landwirtschaft, die die vorhandene Subsistenz ersetzen sollte. An eine Beteiligung der hochgradigen Selbstorganisation der Gemeinden an der Entwicklungspolitik wurde nach der Ausschaltung der Planungen aus dem Landwirtschaftsministerium ab 1925/26 nicht mehr gedacht. Der Industrieflügel der KP wollte die ökonomische Marktmacht der Bauern so schnell wie möglich aus dem Wege räumen und die Arbeitskraftressourcen in einem einzigen Gewaltstreich in die Akkumulation einspeisen. Da herrschte nicht nur elitärer Dünkel und Sozialrassismus gegenüber den „ungebildeten und kleinbürgerlichen“ Bauernmassen vor, sondern verbrecherische Energie. Reproduktionssicherheit wäre vom Staat und nicht in traditionell selbstbestimmten bäuerlichen oder städtischen Kommunen zu gewährleisten. Umstritten ist, ob es in dieser Vision darauf ankam, dass vom Lande her Entwicklungskapital abgezogen wurde. Oder ob die zunehmenden „freien“ Arbeitskraftressourcen selbst schon der entscheidende Wertfond für den Industrieaufbau waren. Das ist hier unerheblich. Eigentlich war für das Entwicklungsland zunächst der Transfer von Entwicklungskapital aus dem Westen als Grundvoraussetzung für den Aufbau des Sozialismus angestrebt. Heiß wurde diese Debatte in den 20er Jahren, als sich die Linkskommunisten anschickten, die von Marx beschriebene Ursünde des Kapitals, die „ursprüngliche Akkumulation“, als systemnotwendig auch für den „Sozialismus in einem Lande“ zu konzipieren. Preobashenskis Buch dazu ist bekannt.12 Die Linksbolschewiki schlugen vor, die Bauern aus den Gemeinden in die Stadt zu bringen und sie in Industriearbeiter*innen zu verwandeln. Damit interpretierten sie die Geschichte der Entstehung des Kapitalismus als eine historisch unvermeidliche Etappe, gewannen ihr positive Seiten ab und lieferten für das planmäßig wachsende und akkumulierendes nationale Staatskapital die neue ideologische Grundlage. Die Kommunistische Partei ließ diesen Ansatz in Gestalt des ersten 5-Jahresplans Wirklichkeit werden. Er brachte den absehbaren sozialen Krieg im Inneren.13 Die Staatsverbrechen des sozialistischen Regimes leiten sich aus diesem planvollen Klassenkrieg gegen die Mehrheit der eigenen Bevölkerung ab, nicht aus Irrwegen, nicht aus dem Wahnsinn einer Person, sondern aus der inneren sozialen Konfliktdynamik des Nachzüglers im globalen Wettstreit der nationalen Kapitale. Die Vorgeschichte in Hinsicht auf die Bevölkerungsplanung lässt sich auf die koloniale Durchdringung Sibiriens zurückführen, einer Bevölkerungsplanung mit absichtsvollen Deportationen, an die die sozialistische Planung angeknüpft hat. In solcher Kontinuität arbeiteten die Siedlungsexperten aus dem Zarenreich nach der Revolution an den gleichen Schreibtischen weiter, in der nur die Amtsbezeichnung auf denselben Briefbögen wechselten.

Umgekehrt fand der Streik im Lena- Goldbergbau von 1912 seine Fortsetzungen im Widerstand gegen das Gulag-System bis zu den Lager-Aufständen Anfang der 50er Jahre nach Stalins Dahinscheiden. Die andere Seite des Widerstands waren unkontrollierte Migrationsströme in beide Richtungen, denen das russische Passsystem bis heute hinterherarbeitet.14 Ebenso zeigt die kleine Revolution in Kirgistan im Jahr 2010 auch heute immer wieder die Verbindungen der Kämpfe über die Migration an. Der Umsturz 2010 in Bischkek folgte den Massenentlassungen in Moskau nach dem Kriseneinbruch von 2008.15 Auch die Maidan-Revolutionen sind in den Hoffnungen auf freies Hin-und Her-Reisen und freie Arbeitsmobilität im Rahmen einer EU, die Erweiterung der schon bestehenden Wanderungsströme aus der Ukraine, mitbegründet.16

Eine Parallele anderer Art, zum Siedlerkolonialismus in den USA, bestand darin, dass auf die Belange der ortsansässigen Bevölkerung (mehr als 33 sog. indigene Völker) nicht die geringste Rücksicht genommen wurde, weder die örtliche Nahrungsmittelbasis noch die ökologischen Belange kamen auch nur ansatzweise in der Planung vor.17 Die Wanderarbeiter und Bauern aus dem Westen überfluteten und zerstörten zumindest teilweise die Lebensmöglichkeiten der örtlich ansässigen (Ur-)Bevölkerung.18

Das Massaker an Bergarbeitern im Goldbergbau im Lena Gebiet am 4. April 2012 läutete in den großen Städten Westrusslands die Wende zum großen Kampfzyklus der Arbeiterinnen gegen das Zarenregime vor dem ersten Weltkrieg ein, der dann nach der kurzen Unterbrechung von 1914/1915 in die Revolution vom Februar 1917 mündete. 19

2.3. Streikwelle 1912-1914

Erstaunlich schnell verbreitete sich im April 1912 die Nachricht von dem Massaker und es setzte eine umfassende Bewegung im ganzen Land mit hunderten von Streiks und Solidaritätsadressen ein. „Petersburg explodierte mit Streiks und Demonstrationen“, schreibt Heather Hogan, „die ununterbrochen weitergingen und mit der Mobilisierung zum 1. Mai weiter anschwollen.“20

Nach dem Massaker bei den Lena-Goldgruben hatte sich der Innenminister hinreißen lassen, das Vorgehen der Soldaten zu verteidigen und vor weiteren Streiks und Unruhen mit dem Satz zu warnen: „So war es schon immer und so wird es auch in Zukunft geschehen“.21 Das war zu viel. Es brach eine landesweite Streikwelle von Mitte April 1912 an los, die sich über den ersten Mai bis Mitte Juni verbreiterte und an der sich laut Polizeiangaben fast dreihunderttausend Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligten.22

Das ging dann fast pausenlos weiter. In den Jahren 1912 bis 1914 gab es 9000 Streiks, halb oder ganz politische, eine permanente Massenbewegung. Nach einer Unterbrechung bei Kriegsbeginn 1914 setzte sich die Bewegung ab Frühjahr 1915 in neuer Zusammensetzung – wegen des Kriegs – fort, steigerte sich Ende 1916 und mündete in die Februarstreiks 1917 und floss mit den anderen Bewegungen der Soldaten und der von Frauen angeführten Lebensmittelrevolten zusammen in die gemeinsame Großkonfrontation auf den Straßen Petersburgs. Vielfach waren es rein politische Streiks; zwischen April 1912 und Ende 1916 vor der Februarrevolution in Russland werden dreißig Streiks mit 2, 5 Millionen Teilnehmer_innen von der Polizei als politisch eingestuft. (In den Statistiken der Polizei wird nach politischen und ökonomisch begründeten Streiks unterschieden.) Das Zentrum war in St. Petersburg, wo es allein 23 größere Streiks gab.

Die soziale Streikstärke in Petersburg und die Politisierung vor Ort verstärkten sich Hand in Hand. In der Metropole bildete sich beides hochgradig konzentriert, ein neues Proletariat aus Arbeiterbauern mit einer langjährigen Erfahrung und immer neuen bäuerlichen Zuwanderungsschüben, aber auch eine hochpolitische Intelligentsia, die eine über 50-jährige kontinuierliche Kampf-, Repressions- und Theorieerfahrung seit der ersten Studentenbewegung von 1861verfügte.23 So eine Massierung von revolutionärer Aufladung, Energie und Kampfgeschichte suchte in der Welt Ihresgleichen. Wahrscheinlich lässt sich das nur mit Paris vergleichen.

Zellen von allen politischen Gruppen in den Betrieben erlebten ein Auf und Ab, ein Wechselbad, je nach dem, wie stark die Geheimpolizei, die berüchtigte Ochrana (Ochrannoje otdelenie), in die Gruppen eindringen konnte, um die Aktivisten nach Streiks in den Knast oder nach Sibirien zu schicken. Auf herrschende Politik und unternehmerische Maßnahmen reagierten die linken Gruppen schnell und sensibel, in einer Stadt, in der sich die Menschen vieles erzählten, alles auch aus den herrschenden Kreisen noch ohne Radio und Fernsehen bekannt wurde, und ein Teil der Bevölkerung analphabetisch war. In Petrograd antwortete die Linke unmittelbar auf politische Ereignisse, während es in Moskau etwas langsamer vonstatten ging.24 Unabhängig vom theoretischen Streit über die Bedeutung des historischen Subjekts „Arbeiterklasse“ seit Anfang der 1890er Jahre war es so, dass alle politische Gruppen, nicht nur die Bolschewiki/Menschewiki, also auch die Gruppen/ Narodniki der sozialrevolutionären Partei und anderer, die sich an der volkstümlerischen Vorgeschichte seit 1861 mit ihrer Hauptforderung „Land und Freiheit“ orientierten und die bäuerliche Bevölkerung strategisch obenan stellten, in die Betriebe gingen und dort Politik machten. Das war keine besondere Strategie der Bolschewiki wegen ihrer marxistischen Klassenanalyse. In manchen Großbetrieben waren mehr Bolschewiki, in anderen mehr Sozialrevolutionäre, dann wieder Bereiche, wo Menschewiki oder Anarchisten_innen dominierten. Das hing auch mit der Repression zusammen, von der die Bolschewiki wegen ihrer geradlinigen Propaganda und Perspektiven besonders betroffen waren. In den Quartieren und Textilfabriken gab es keinen Unterschied in der Politisierung, Frauen waren einbezogen und Teil der Bewegung, auch wenn sie nicht auf die Termine der Männer gehen konnten.25

2.4. Migration, Bevölkerungszunahme und Klassenkampf: Begriff der Sozialen Bewegung

1914 gab es Industrie nur in wenigen Zentren, die größten lagen rund um die Städte Petersburg und Moskau; sodann im Industriegebiet im Dongebiet (Ostukraine) mit Kohlegruben26 sowie einigen Bergbaugebieten in Sibirien, z.B. das wichtige Goldbergbaugebiet etwa 5000 km östlich von Moskau, im Lena – Gebiet in der Nähe von Irkutsk, das ich oben beschrieben habe. Das Panorama der Widerstandsformen in dieser migrantisch geprägten Welt der Arbeiterbauern und Bauern war übergreifend. Die Beziehungen zwischen den neuen Arbeitssituationen in Fabriken und dem Widerhall solcher Erfahrungen im Dorf waren eng. Das ergibt sich auch durch die Zusammenschau beim Übersprung der verschiedenen Kampfinhalte während der Revolution. Wie der Transport und die Verarbeitung der dörflichen Lebensauffassungen in der Stadt war, wie der Kulturschock in der disziplinarischen Welt der kapitalistischen Maschinerie war, darüber geben zuerst die Kämpfe selbst Auskunft. Die erste Form, dem Kulturschock Ausdruck zu geben, war der Streik, waren die Streikwellen. Hinter ihnen steht aber ein riesiger Kosmos alltäglicher Widerstandshandlungen, die sich genau so wie in der Armee zu einer gesellschaftlich ganz eigenen Kampfkultur verdichteten, die eine eigene Utopie hervorbrachte. Leider kennen wir nur ganz wenige Texte der Partei der Linken Sozialrevolutionäre, die das thematisieren (Siehe Kamkow und Spiridonova im Literaturverzeichnis.)

2.5. Streiks gegen die neue Arbeitsorganisation

Diese Streiks reagierten natürlich auf die Lebensbedingungen in der Stadt. Sie hatten sonst aber auch Forderungen für den Geldbedarf der Familien in den Dörfern zum Inhalt, wo Geld noch Mangelware war. Sie waren gleichzeitig eine Reaktion auf die neue Rationalisierungs- und Disziplinierungswelle mit den neuen Zeitmessverfahren und neuen sozialen Spaltungstechniken über den Lohn, die die Großindustrie aus dem Westen importierte. Für Bauern in der Stadt war allein schon die Arbeit unter einem Hallendach statt in der frischen Luft eine Zumutung, dann vor allem das fremdbestimmte Zeit- und Kommunikationsregime, das schockierend wirkte. Im Kapitel „Rationalizing the Metalworking Industry“ zeigt Heather Hogan drastisch, wie in den großen metallverarbeitenden Betrieben Petersburgs, im Schiffbau, in der Elektroindustrie und anderen, ein ökonomischer Boom bei gleichzeitigem Einbringen von arbeitsorganisatorischen Neuerungen lief. Der Boom wurde aber von den Arbeiterinnen in besagten massiven Streikwellen gestoppt und brachte das Industriekapital in die Krise. Neue Ausrüstungen und neue Arbeitsorganisation sollten Arbeitskräfte einsparen und gleichzeitig den Rest disziplinieren, wobei das Zeitmanagement ganz oben stand. Die neuen Techniken wurden aus Berlin, z.B. von der Firma Löwe übernommen, aber auch aus den USA.27 Mit der wissenschaftlichen Betriebsführung von Frederick Winslow Taylor sollten auch in den modernsten Großbetrieben in Russland für die Erledigung eines bestimmten sich wiederholenden Arbeitsvorganges Zeitvorgaben ausgerechnet werden.28 Dafür wurden Leute ausgewählt und neu ausgebildet, die als Planer und Aufseher eine „progressive“ (Manager-)Schicht in den Betrieben bildeten. Für sie waren die ländlichen Arbeitsgewohnheiten der Arbeiter_innen, die mit viel Spaß und Pausen den Tag gestalteten, unregelmäßig kamen und gingen, nicht „beplanbar“, rückschrittlich, und letzten Endes nur über eine neue gesellschaftliche Ordnung zu erziehen. Ein Papier der Arbeitgebervereinigung von Petersburg aus dem Jahre 1908 sah z.B. die Einführung von Stundenlöhnen, statt Tageslöhnen vor, um die Arbeiter zum ganztägigen Verbleib auf der Arbeitsstelle zu zwingen, Lohnabzüge bei Verspätungen, Lohnangleichung bei ähnlichen oder vergleichbaren Aufgaben, was es bisher nicht gab, weil Tageslöhne vor Ort ausgehandelt wurden. Auch Stücklohn wurde vorgeschlagen mit speziellen Prämien bei Akkord.29 Das Ziel dieser neuen Lohnformen war es, schreibt Hogan, die vorhandene Einwirkung der Arbeiter*innen auf die Produktivität zu brechen und gleichzeitig die Konkurrenz zwischen den Arbeiter_innen zu stimulieren. Also wehrten sich die Arbeiterinnen in dem neuen Kampfzyklus ab 1912 gegen einen in allen Industrieländern ablaufenden technologischen Angriff, der ihre traditionellen Arbeitsbedingungen stark verschlechtert hätte, wenn sie „nichts“ dagegen gemacht hätten.

Sie waren auf der Höhe der Zeit; bei den Kollegen_innen in den USA, den Wobblies zum Beispiel waren die Ziele auf der Alltagsebene nicht so anders. Im Vergleich der Streikbewegungen war die russische Arbeiterbewegung eine der militantesten und stärksten weltweit damals, in Deutschland und in den USA spielten sich ähnliche Kämpfe ab. Diese Arbeiter_innenbewegung wurde in den USA wegen der neuen Technologien als Maschinenproletariat bezeichnet, in Italien wurden sehr viel später die Kampfformen der Bandarbeiter gegen die „Rhythmen“ als Massenarbeiterkämpfe von der Kämpfen der Massenarbeiter_innen unterschieden, weil sie sich unmittelbar in direkter Aktion gegen die kapitalistische Technologie richteten; das Ziel war nicht die Übernahme der Fabrik, sondern deren Zerstörung und Abschaffung. Sie gingen von Leuten aus, die aus dem ländlichen Süden nach Norditalien gezogen waren.30 Um eben diese Inhalte wurde sehr ähnlich schon im syndikalistischen Zeitalter in Russland vor dem ersten Weltkrieg und danach gekämpft. Die Mehrheit war für die direkte Aktion. Leider sind mir keine unmittelbaren Aktionsberichte aus erster Hand bekannt, die es bräuchte, um die Stimmungslage in den Versammlungen am Arbeitsplatz wiederzugeben. Auf jeden Fall wird ebenso wie bei den Dorfversammlungen jede_r gleiches Rederecht gehabt haben, wobei sich Sprecherhierarchien nach deren Fähigkeit zur Vertretung der Belegschaftsinteressen herausgebildet haben mögen. In den Handwerker-Artels (Kollektiven) gab es schon immer traditionell gewählte Sprecher und eine Ältesten-Führung durch die Erfahrensten.31 Ansonsten war das Fabrikleben ein in die Stadt verpflanztes Dorf, was auch noch bis zum zweiten Weltkrieg – auch unter Stalin – so blieb.32 Der Punkt einer autonom gestalteten Arbeitsdisziplin stellt sich als Konstante einer lebens- und freudeorientierten Geselligkeit im russischen Betriebsalltag dar. Persönliche Beziehungen und Zusammenarbeiten wurden genauso wichtig wie die Arbeit selbst gefunden, deren fremdbestimmte Temposteigerungen nicht durchsetzbar waren. Der Stachanowismus war später der Versuch, diese Haltung zu brechen. Er blieb erfolglos.33

Nun war es schon die zweite Generation in der Stadt, die die Militanz trug. Mütter und Väter waren vielleicht schon in den 18-hundertneunziger Jahren zum ersten Mal in die Stadt und zurück aufs Land gewandert, die Kinder kannten die Entbehrungen und gleichzeitig waren sie nicht mehr rein ländlich sozialisiert.34 Sie wollten nicht mehr still dulden, wie die ehemaligen Leibeigenen. Es war das Milieu, in dem Bolschewiki, Menschewiki und die Sozialrevolutionäre Partei agierten, fernab vom Theorie-Streit der exilierten Avantgarden eines Lenin oder Trotzki. Lenin wetterte über die Tendenz zum „Liquidationismus“, einem pragmatischen Vorgehen vor Ort, bei dem die Aktivisten_innen in den Betrieben den Ton angaben und nicht die praxisfernen Berufsrevolutionäre der intellektuellen Zirkel im Exil.35 Vor Ort ergab sich der Arbeiter_innen-Radikalismus aus unmittelbarer Alltagserfahrung, der Politik nicht aussparte und in unterschiedlichen Varianten die Systemfrage in Spiel brachte. Im Ernstfall spielte die Parteizugehörigkeit eine untergeordnete Rolle, und es gab keine Dominanz einer einzigen Partei. Die Menschewiki hatten z.B. eine ganz starke Basis bei den Eisenbahnern. In vielen Betrieben wechselten die dominierenden Zellen, da viele Leute im Gefängnis verschwanden und die politische Zusammensetzung sich änderte. Es gab eine große Anzahl von politischen Streiks, die für institutionelle Rechte oder für Solidarität mit anderen Belegschaften eintraten; die Verbreitung der politischen Presse stieg seit 1912 enorm an.

Die Streiks wurden bei Kriegsbeginn zwar zunächst beendet: Sei es, dass die Arbeiter einberufen wurden, sie waren ohnehin häufig nur temporär in der Stadt, sei es durch Neueinstellungen in die boomende Kriegsindustrie v.a. in Petrograd und zur Eisenbahn, so dass wir von einer völligen neuen Zusammensetzung der Arbeiter*innenschaft im ersten Kriegshalbjahr ausgehen können. Die Unternehmer würfelten die Menschen durcheinander und zerschlugen damit die bestehenden Kampf- und Kommunikationszusammenhänge.

2.6. Krieg als Regime-Antwort auf die Streikbewegungen?

Haimson hatte in den 60er Jahren die aufregende These aufgestellt, die innerrussische Kampfdynamik der Arbeiter*innen habe die Bereitschaft der russischen Eliten für einen europäischen Krieg hervorgebracht, sei also mit ursächlich für den ersten Weltkrieg. Seine These löste die sog. Haimson-Kontroverse aus, sie war aber immer umstritten.

Im Jahr 1914 erreichte die Streikbewegung einen neuen Höhepunkt, im Juli 1914 streikten in Petersburg demnach über 100.000 Metallarbeiter in einem Generalstreik. Dieser Streik könnte ein wesentlicher Hintergrund für die Staatsspitze gewesen sein, sich eine Dämpfung im Krieg gegen Deutschland zu erwarten, also eine Lösung für die ungelösten aktuellen und strukturellen Hemmnisse im Inneren, die schon als Systemkrise offen zu Tage getreten waren, mit einer außenpolitischen Flucht nach vorn zu lösen. Haimson vermutete, dass außenpolitische Zielsetzungen vorgeschoben waren, um die Systemkrise mit einer Flucht in den Krieg zu meistern. Dass aber der Kampfzyklus in den Fabriken der Hauptstadt die Eliten in die Katastrophenstimmung trieb, steht außer Frage.

„Über eine Million Arbeiter streikten in den ersten sieben Monaten des Jahrs 1914, ein Niveau von Streikaktivitäten, das mit der Revolte von 1905 vergleichbar war. Im Juli 1914 schossen Regierungstruppen auf Arbeiter von Putilow, woraus sich ein Generalstreik entwickelte. Arbeiter errichteten Barrikaden in den Straßen von St. Petersburg….
In Reaktion auf den Generalstreik von 120.000 Arbeitern in St. Petersburg streikten die Arbeiter in Moskau und zwar umfangreicher und besser organisiert als im Frühjahr dieses Jahres. Die offizielle Fabrikinspektion teilte mit, dass in der Hälfte der 3000 Moskauer Metallbetriebe am 7. Juli gestreikt wurde. Die Briefe der Firmenleitungen bezeugen, dass am 7. Juli pünktlich um 8 Uhr alle Arbeiter den Arbeitsplatz verließen, aber am nächsten Tag dieselben Arbeiter zur üblichen Zeit wieder erschienen und die Arbeit wieder aufnahmen‘

Zwei Tage später beendeten die gleichen Arbeiter nach der Frühstückspause die Arbeit erneut, diesmal als Protest gegen die Strafgebühren wegen des ungenehmigten Fernbleibens von der Arbeit am Tag zuvor. Die Stahlgießerei, wo die Sozialrevolutionäre den Ton angaben, war wieder die einzige große Abteilung, die teilnahm. Die Teilnahme hing von Agitatoren in Abteilungen ab, nicht von ganzen Fabriken, um jeweils zum Streik zu mobilisieren.“ [was Murphy betont, um die Bedeutung der organisierten Arbeiter herauszuheben]

Der erste Weltkrieg brachte die Arbeiter*innenmilitanz praktisch zum Stillstand. Die Fabrikinspektion berichtete über 3493 Streiks, an denen sich 1.327.897 Arbeiterinnen und Arbeiter in den ersten sieben Monaten von 1914 beteiligten, aber nur 9.562 Beschäftigte beteiligten sich an 41 Streiks in den letzten fünf Monaten des Jahres.“36

Robert B. McKean hat die Geschichte der Arbeiter*innenkämpfe und der revolutionären Kräfte noch einmal grundlegend untersucht.37 Er kommt bei der Untersuchung der großen Streiks vom Juli 1914 zum Ergebnis, dass die Breite der Kampffront und Militanz der Arbeiterinnen einerseits überwältigend riesig war. Es war der größte Arbeiterinnenaufstand seit 1905. Es habe aber an Bedingungen gefehlt, die das Regime unmittelbar in Bedrängnis gebracht hätten: (1) Das Regime fühlte sich fest im Sattel und reagierte entschlossen, es konnte sich auch aus außenpolitischen Gründen keine Blöße geben (der französische Außenminister war im Rahmen der Juli-Krise zu Besuch) Ab 8.7 stand fest, dass ohne zu zögern geschossen werden würde. Truppen wurden in Alarmbereitschaft versetzt, um bei weiteren Aktionen ein Blutbad anzurichten, die Fabriken wurden von der Polizei belagert und blockiert; (2) die Streikbewegung hatte keine stadtweite Koordination, die Absprachen über Ziele und Vorgehen möglich gemacht hätte. Die politischen Gruppen hatten keine Kontrolle über die Bewegung; (3) die Kader der sozialistischen Parteien fühlten sich abhängig von Entscheidungen der Exilführer, die sie so schnell nicht befragen konnten. Keine der Gruppen war deshalb entschieden, jetzt die „zweite Revolution“ zu machen; (4) es gab keine Unterstützung durch das Bürgertum und Dumafraktionen wie 1917; es war zudem Urlaubszeit.

McKean kommt in seiner Forschung zu dem Schluss, dass neben der mangelnden Verankerung der linken Gruppen in den Belegschaften vor allem die inneren Spaltungen der Opposition ein gemeinsames Vorgehen verhinderten. Der Petersburger Generalstreik, falls er als solcher bezeichnet werden kann, sei ein isoliertes Phänomen gewesen. 38 Er sieht die Krise des Regimes in der Immobilität des Regimes und im abenteuerlichen Nationalismus bei den Eliten begründet, aber nicht in der unmittelbaren Gefahr eines Umsturzes.39 Neben der Uneinigkeit der Opposition spreche gegen eine akute Umsturzgefahr, dass die Bauern wie auch die Soldaten anders als 1917 ruhig gewesen seien. Man kann seine Ergebnisse jedoch auch anders lesen. Dann stünde nicht die politische Möglichkeit einer unmittelbaren Systemveränderung zur Diskussion, sondern das allseits geteilte Gefühl einer dramatischen Sozialkrise, das die Flucht des Regierung in den Krieg antrieb. Die Tatsache einer blockierten Entwicklung bei der Modernisierung mit seinen hysterischen Auswirkungen bestätigt McKean. Das geben seine Ergebnisse in anderer Interpretation durchaus her. Innen- und außenpolitischen Argumente und Stimmungen dürften eine komplexe Gemengelage ergeben haben, die auf eine Flucht nach vorn hinauslief, eine Flucht in die Kriegsgewalt als vorbeugende Gegenrevolution.

1Schilderung nach: Michael Melancon, The Lena Goldfields Massacre and the Crisis of the Late Tsarist State. Texas A&M University Press College Station, 2006, 78 ff. Rezension: Lutz Häfner über Michael Melancon etc. : in: http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Haefner_Melancon_The_Lena_Goldfields_Massacre.html (04.12.14) Vorangegangene Teilabdrucke: Michael Melancon, The Ninth Circle: The Lena Goldfield Workers and the Massacre of 4 April 1912, in: Slavic Review, Vol. 53, No. 3 (Autumn, 1994), pp. 766-795. M. Melancon, Unexpected Consensus: Russian Society and the Lena Massacre, April 1912, in: Revolutionary Russia, 15:2, (2002), 1-52. Zur Diskussion in der Presse: Manfred Hagen, Das Lena-Blutbad und die russische Öffentlichkeit, in: Ders., Die russische Freiheit. Wege in ein paradoxes Thema, Stuttgart, 2002, 242-277. Der Text sollte zunächst in den „Jahrbüchern für Geschichte Osteuropas“ erscheinen. Nachdem die Redaktion ohne Rücksprache einen Zensurversuch unternommen hatte, zog der Autor den Text zurück. Ebd., 277.

2Melancon, 2006, 102 f.

3Siehe den Forderungskatalog der Streikenden vom 3. März 2012 bei Melancon, 2006, 201 f. U.a. wird ein 8-Stunden Arbeitstag, transparente Führung von Arbeitszeitkonten, Abschaffung der Strafkataloge, Siezen statt Duzen (wichtiger Punkt in der Februarrevolution 17), monatliche Auszahlung des Lohns, freie Arbeitszeit für die Verhandlungsführer der Streikenden gefordert.

4Zur Kolonisierung Sibiriens: Eva-Maria Stolberg, Sibirien – Russlands “Wilder Osten”. Mythos und soziale Realität im 19. und 20. Jahrhundert, Bonn 2006. Internet. http://hss.ulb.uni-bonn.de/2006/0796/0796.pdf (02.01.14) Aus der Rezension von Moritz Florin: „Auch wenn Stolberg den Begriff ‚transnational‘ nicht ausdrücklich verwendet, ist ihre Geschichte Sibiriens ein Musterbeispiel für eine Transnationalisierung der Geschichtsschreibung: Stolberg versucht, Transfers zwischen ‚Russlands Wildem Osten‘ und China, Japan, Westeuropa oder auch den USA einzubeziehen. Sie beschreibt grenzüberschreitende Migrationen, Wirtschaftsströme, Reisen und Verflechtungen. Auch bezieht sie in ihre Arbeit außereuropäische (chinesische und japanische), sowie sibirische indigene Perspektiven ein. Nicht zuletzt vergleicht Stolberg Russlands ‚Wilden Osten‘ immer wieder mit Amerikas ‚Wildem Westen‘, teilweise auch mit Australien oder der Mandschurei. Diskussion: http://www.sehepunkte.de/2010/03/kommentar/eva-maria-stolberg-ueber-rezension-von-sibirien-russlands-wilder-osten-59/ und Susanne Frank über: Eva-Maria Stolberg: Sibirien – Russlands „Wilder Osten“. Mythos und soziale Realität im 19. und 20. Jahrhundert. Stuttgart: Franz Steiner, 2009. = Beiträge zur europäischen Überseegeschichte, 95. ISBN: 978-3-515-09248-7, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Frank_Stolberg_Sibirien.html (02.01.14)

5Melancon, 2006, widmet den vorangegangenen Unruhen und Streiks ab 1842 ein separates Kapitel.

6Lutz Häfner (2013): Russland und die Welt: Das Zarenreich in der Migrationsgeschichte des langen 19. Jahrhunderts, in: Martin Aust (Hg.)(2013): Globalisierung imperial und sozialistisch. Russland und die Sowjetunion in der Globalgeschichte 1851-1991, Ffm./New York, 64-83, hier: 73.

7Carsten Goehrke (2010): Russland. Eine Strukturgeschichte, Paderborn etc: Schöningh, 39. In diesem Kapitel auch Weiteres zur durchgehenden „Sickerwanderung“ in den Weiten Russlands und Sibiriens.

8Peter Isaac Holquist (2010): „In Accord with State Interests and the People’s Wishes”: The Technocratic Ideology of Imperial Russia’s Resettlement Administration , in: Slavic Review 69, No. 1 (Spring 2010), 151-177.

9Mechthild Rössler, Sabine Schleiermacher (Hg.), Der „Generalplan Ost“. Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Berlin (Akademie-Vlg.) 1993.

10Eine Diskussion zum Thema dokumentiert: Wolfgang Schneider (Hg.)(1991): „Vernichtungspolitik. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland.Hamburg. Junius Verlag. Karl Heinz Roth. Zusammen mit Florian Schmaltz (1998): Neue Dokumente zur Vorgeschichte des I.G.Farben-Werks in Auschwitz-Monowitz. Zugleich eine Stellungnahme zur Kontroverse zwischen Hans Deichmann und Peter Hayes, in: 1999, 13 (1998), H. 2, S. 100-116.

11Zur Rückständigkeitsdiskussion: Manfred Hildermeier (2013): Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution, München: C. H.Beck, 3. Auflage 2016, 1315-1346.

12Jewgeni Alexejewitsch Preobraschenski (1926, 1973): Die neue Ökonomik, Berlin: Neuer Kurs

13R.W. Davies; Stephen G. Wheatcroft (2009): The Years of Hunger: Soviet Agriculture, 1931-1933. The Industrialisation of Soviet Russia, Bd. 5, 2. Auflage, Houndsmill, Basingstoke Hampshire: Palgrave Macmillan.

14Mervyn Matthews (1993): The Passport Society. Controlling Movement in Russia and the USSR, Boulder, San Francisco, Oxford: Westview Press.

15Neue Zürcher Zeitung, 08.04.10, Volksaufstand in Kirgistan . Wüste Zusammenstöße in der Hauptstadt mit vielen Toten und Verletzten – Opposition spricht von Machtübernahme

16Kerstin Zimmer (2007): „Ein ständiges Kommen und Gehen“. Die Rolle der Ukraine im europäischen Migrationssystem, in: Geographische Rundschau 59 (2007) Heft 12, 40-46.

17Melancon, 2006, Vgl. die Anstrengungen zu deren Überleben: http://www.survivalinternational.de/nachrichten/9078 (19.12.13)

18Dirk Hoerder (2002): Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millenium, Durham & London, 306-330. Hoerder gibt einen Überblick über das russo-sibirische Migrationssystem seit dem 18. Jahrhundert. Eva-Maria Stolberg (2006): Sibirien – Russlands “Wilder Osten”. Mythos und soziale Realität im 19. und 20. Jahrhundert, Bonn: „Es zeigte sich …, dass der im 19. Jahrhundert geprägte Rassebegriff auch im russischen Diskurs populär war und die zivilisatorische Überlegenheit der „weißen Rasse“ gegenüber den „Wilden“ in der Kolonie demonstriert wurde. “ Ebd., 174. (Standardwerk in dt. Sprache zur Kolonialisierung Sibiriens).

19Siehe die Literaturangaben bei Alice K. Pate und Kevin Murphy in: workersoftheworld. International Journal on Strikes and Social Conflicts, Vol. 1, No. 1, June 2012. Außerdem das beste Buch dazu: Heather Hogan, Forging Revolution. Metalworkers, Managers, and the State in St. Petersburg, 1890-1914, Indiana University Press, 1993. Leopold Haimson wertet Hogan vor allem zum „American System“, den Übergang zum Taylor-System und die Antwort der Arbeiter, aus: „The Problem of Political an Social Stability in Urban Russia on the Eve of War and Revolution“ Revisited, in: Slavic Review 59, No. 4 (Winter 2000), 848-875

20Hogan, 211. (siehe Anm. 14)

21Murphy, 24.

22Murphy, 25

23Unverzichtbar zur Entstehung der sozialrevolutionären Bewegung Russlands: Abbott Gleason (1980): Young Russia. The Genesis of Russian Radicalism in the 1860s, Chicago and London: University of Chicago Press. Danach kann Franco Venturi’s „Roots of Revolution“ zum Verständnis der großen Theoretiker studiert werden. In Venturi’s Standardwerk fehlt häufig der konkrete Bewegungsablauf.

24Sämtliche Angaben hier aus Murphy, 19,20.

25Rose L. Glickman (1984): Russian Factory Women. Workplace and Society 1880 -1914. Berkeley etc..

26Zum Donezker Industriegebiet die historische Übersicht: Hiroaki Kuromiya (1998): Freedom and Terror in the Donbas: A Ukrainian- Russian Borderland, 1870s-1990s. New York and Cambridge, England: Cambridge University Press. Die Stadt Donezk hieß zuerst Jussovka nach dem britischen Gründer Hughes und dann Stalino.

27Hogan, 185 ff.

28Taylor: http://de.wikipedia.org/wiki/Frederick_Winslow_Taylor; Angelika Ebbinghaus (1984): Arbeiter und Arbeitswissenschaft: Zur Entstehung der“wissenschaftlichen Betriebsführung“. Opladen: Westdeutscher Verlag. Darin ein grundlegender Abschnitt über Russland und die Sowjetunion. Dieselbe (1994): Intelligenz und gesellschaftlicher Fortschritt. Ein Essay über die „Lost Causes“ in Russland 1861-1930, Teil I, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 9. Jg. Juli 1994, Heft 3, 69-96. Hier ebenfalls Informationen zur neuen Managerschicht und zur Widerständigkeit der Arbeiter*innen gegenüber den neuen Disziplinierungsmethoden. (83)

29Hogan, 188. Vgl. den zeitgleichen Widerstand gegen solche Rationalisierungsoffensiven in Deutschland bei: Eckhard Brockhaus (1975): Zusammensetzung und Neustrukturierung der Arbeiterklasse vor dem ersten Weltkrieg. Zur Krise der professionellen Arbeiterbewegung, München: Trikont. Für die USA: Gisela Bock (1976): Die andere Arbeiterbewegung in der USA von 1909-1922. Die I.W.W. The Industrial Workers of the World. München: Trikont.

30Zur historischen Systematisierung der Arbeiter_innenkämpfe gegen technologische Gewalt siehe den Text zu „Sabotage“ in der Zeitschrift Autonomie. Neue Folge, Nr. 13/1983. Internet: http://www.materialien.org/texte/materialien/Sabotage_Autonomie_NF_13_83.pdf (12.11.15)

31Artels sind Handwerkerkollektive unter der Leitung eines Ältesten, die man als fahrende Handwerkerbetriebe mit Solidarstruktur (der Lohn wird umverteilt) ansehen könnte. Das Standardwerk ist: Georg Staehr (1890): Ursprung, Geschichte, Wesen und Bedeutung des russischen Artels. Ein Beitrag zur Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des russischen Volkes. 1. Band, Dorpat 1890, 2. Band 1891 (Dissertation)

32David L.Hoffmann (1994): Peasant Metropolis. Social Identities in Moscow, 1929-1941, Ithaca and London: Cornell University Press.

33Ein ganz hervorragendes Buch zum Stachanovismus: Robert Maier (1990): Die Stachanov-Bewegung 1935 – 1938 . Der Stachanovismus als tragendes und verschärfendes Moment der Stalinisierung der sowjetischen Gesellschaft, Stuttgart.

34Leopold H. Haimson, „The Problem of Political and Social Stability in Urban Russia on the Eve of War and Revolution“ Revisited, in: Slavic Review 59, No. 4 (Winter 2000), 848 – 875. Hier: 853

35Empfehlenswert: Alice K Pate, The Liquidationist Controversy: Russian Social Democracy and the Quest for Unity, in: Michael Melancon & Alice K. Pate (2002): New Labor History. Worker Identity and Experience in Russia, 1840 – 1918, Bloomington, Indiana, 95-122.

36Kevin Murphy (2012): The Prerevolutionary Strike Movement in Russia, 1912-1916, in: Workers of the World, Number 1, Jun. 2012, 19-38; hier: 30.

37Robert B. McKean (1990): St Petersburg between the Revolutions. Workers and Revolutionaries, June 1907 – February 1917, New Haven and London: Yale University Press, 297-317.

38McKean, 317.

39Leopold Haimson (1964, 1965): The Problem of Social Stability in Urban Russia, 1905 – 1917 (Part one), in: Slavic Review, 23 (1964) 619-42; (Part 2) 24 (1965) 1-22. Zur Haimson-Debatte auf deutsch: Manfred Hildermeier, (2013): Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution. München: C.H. Beck 965; 1080-83; Dietrich Geyer (1977): Der russische Imperialismus, Studien über den Zusammenhang von innerer und auswärtiger Politik, 1860 – 1914, Göttingen, 230.http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0005/bsb00052433/images/index.html?id=00052433&groesser=&fip=yztswewqewqeayaxdsydensdasen&no=31&seite=230(3.3.17)