3. Soldatenbewegung im Weltkrieg

3.1. Desertion und verdeckter Militärstreik im ersten Weltkrieg in der Russischen Armee

„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“, war mal eine Parole der Friedensbewegung: angepasst für Russland würde es heißen: Stell dir vor, es ist Krieg, und alle gehen nach Haus! Es dauerte bis Ende 1917. Nach drei Jahren gingen tatsächlich alle nach Hause, eigenmächtig und gegen den Willen der Herrschenden. Zwischendurch hatten sie eine historisch überholte Monarchie und die sie tragenden Schichten in den sozialen Abgrund gestürzt.

Was war 1914 in Russland los: Hurrapatriotismus und wehende Fahnen? Wie war es genau, gab es Widerstand nach den Streiks im ersten Halbjahr? Das Kriegsende ist bekannt: Revolutionen in Russland in Deutschland und in vielen anderen Ländern, nicht denkbar ohne die Bewegungen der Soldaten, die teilweise in die Neugründung von Staaten kanalisiert wurden. Wie äußerte sich der Widerstand an der Front unmittelbar im Kriegsgeschehen? Wie war die Reaktion gleich 1914 bei den einfachen Leuten?

Eine Antwort auf die Frage nach dem sozialen Widerstand in Russland 1914 gegen den Krieg, ist nicht aus Erklärungen auf den Parteikonferenzen im Exil zu entnehmen, wie z.B. aus der Diskussion auf der Zimmerwalder Konferenz im Jahre 1915.1 Nicht die Bolschewiki haben den Krieg beendet, sondern die Militärstreiks der Soldaten selbst, sowie die Konfrontationen der Arbeiterfamilien in Petersburg und der Bauernfamilien im ganzen Lande, bei denen das sofortige Kriegsende das dringlichste Thema war. Nach der Februarrevolution 1917 waren die Menschen nicht mehr dazu bereit, weiterhin an der Front für die alten Herren zu verbluten.

In die Vorgeschichte der Revolution gehört die Geschichte der Widerstands in der russischen Bauernarmee im ersten Weltkrieg mit den antidisziplinarischen Kampfformen des verdeckten Militärstreiks, der sich vor allem in einer Desertionsbewegung von hunderttausenden von Soldaten ausdrückte. Unter den 12 bis 15 Millionen Soldaten der Zarenarmee gab es gezählte Desertionen in Höhe von 1,9 Mio. Zahlenmäßig noch mehr waren die, die in ihrer Art, sich zu verweigern, nicht aufgefallen waren. Auf jeden Fall waren mehr als 10 Prozent aller Soldaten vor 1917 aus der zaristischen Armee geflohen, in der Deutschen Armee waren es „nur“ an die 2 Prozent, in Russland also die fünffache Menge, die offiziell als Desertierende gezählt wurden.

Desertion und Gewaltverweigerung wurden massenhaft ausgeübt und werden hier zusammengenommen als Militärstreiks gegen die Gewaltstrategien der nationalen Kapitale bzw. des Imperialismus interpetiert. Sie wurdenvon den militärischen Stellen als Drückebergerei, Fahnenflucht und Verrat hart verfolgt und bestraft. Im Ergebnis war in der millionenfachen Verweigerung der einfachen Soldaten die Substanz für die nachfolgenden Politisierungsprozesse 1917 und 1918 enthalten, die zu Weichenstellungen für das folgende kurze 20. Jahrhundert führten.

Das Material zum Folgenden stammt hauptsächlich aus zwei Veröffentlichungen: dem Standardwerk zur russischen Soldatenbewegung von Allan K. Wildman und einer neueren Arbeit von Paul Simmons, die als Referat vor ein paar Jahren gehalten wurde und leicht entschärft als Buchbeitrag erschienen ist.2 Die Desertionsforschung als solche ist relativ neu. Für Deutschland hat Benjamin Ziemann eine Forschung vorgelegt, der einige Anregungen entnommen sind.

3.2. Kriegsanfang 1914 von oben

Wie war die Situation in der Arbeiter*innenbewegung in den Städten und auf dem Lande bei den Bauern im Jahre 1914 ? Wie reagierte der Mittelstand?

In den Städten gab es nationale Gefühlsbekundungen von Teilen der Mittelschicht wie Kaufleuten und Beamten, aber nicht bei den Bauern auf dem Land, die einberufen wurden. Dort entfaltete sich sofort Widerstand in allen möglichen Formen.

An sich hatte es auch bei der Mittelschicht seit 1906 so etwas wie eine Wendung hin zur Reformen weg von Untergrund und Revolution gegeben. Es war eine reformwillige Gesellschaft bis hin zu den höchsten Kapitalkreisen entstanden. Bei diesen Schichten gab es so etwas wie eine kurzfristigen Rausch, weil sie sich ihre Reform gerade durch dieses Abenteuer Krieg erhofften.

Die Presse hatte in der Mittelschicht in den großen Städten die Fremdenfeindlichkeit und teilweise auch den Antisemitismus angeheizt. Die Fremdenfeindlichkeit richtete sich stark gegen die vielen Deutschstämmigen, aber auch deutsche Weltmarktfirmen wie Siemens. Letztere wurde bei Kriegsanfang unter russische Verwaltung gestellt. Jedoch behielt die Unternehmensführung ihre Verbindungen nach Berlin bei. Krassin, ein Altbolschewik, stellte 1917 die Verbindung zwischen Siemens und Lenin her. Als Siemens-Manager war er der erste Außenhandelsminister der Bolschewiki und an der Planung der weiteren Elektrifizierung mit deutscher Ausrüstung beteiligt.3 Nicht zuletzt war die Frau des Zaren eine Deutsche, deren Nähe zu den geheimnisvollen Machenschaften des Mönches Rasputin bei Hof sich auswirken würde.

Für Mittelschicht, Großkapital und Staatsapparat waren die ersten Kriegswochen berauschend. Im Rausch von nationaler Vereinigung konnten die Sozialkonflikte und Krisen der letzten beiden Jahre überdeckt und endlich aus der Wahrnehmung verdrängt werden. Mit Einberufungen wurden die Unruheherde aufgelöst. Für die oberen Schichten erschien der Krieg der beste Ausweg aus der Gesellschaftskrise, als Chance zur gesellschaftlichen Neuordnung gegen die rebellische Klasse und unausgesprochen zur umfassenden Disziplinierung in einem Kriegsmassaker, das seine Wirkung tun würde.4Arbeiterstreiks wurden beendet, Sozialisten schlossen sich zur Verteidigung des Vaterlands zusammen, während Pazifisten und Internationalisten ins Exil gezwungen wurden. Patriotische Demonstranten griffen deutsche Geschäfte und Büros an, sie plünderten die deutsche Botschaft am Marienplatz, schlugen die Fenster ein und warfen die Möbel, Gemälde und anderes auf die Straße. Leute änderten ihre deutschen Namen, um sie russischer klingen zu lassen. Der Name von Petersburg wurde in Petrograd geändert.

3.3. Kriegsanfang 1914 von unten

Ganz anderes spielte sich im Massenwiderstand gegen die Einberufung und im Widerstand gegen den Krieg der Provinz ab. Sie lässt sich nicht von der Kampfgeschichte 1912 bis 1914 trennen. Landauf landab brachen lokale Antikriegsrevolten der frisch gezogenen Soldaten aus, der Bauernsöhne, die ihre landwirtschaftliche Eigenproduktion und die Familie verlassen mussten.5 Welchen Sinn sollte es für die Bauern machen, für die Serben in die Krieg zu ziehen, fragte ein Beobachter. Das wurde sowieso nicht verstanden. Im riesigen Land wurde in vielen Städten, überall da, wo Sammelpunkte und Einberufungsstellen waren, wurde randaliert und protestiert. Es gab massenhaft kleinere und größere Aufstände, Handgreiflichkeiten, Verweigerungen und Amokläufe. Eine spontane Protestbewegung brach los. Vor allem in den zahlreichen Orten, wo Rekruten sich einzufinden hatten, kam es zu heftigen Unruhen. Schlägereien mit den Vorgesetzten, Auseinandersetzungen mit Toten in vielen Städten. Bei den Märschen durch die Stadt gerieten die Einheiten außer Kontrolle und veranstalteten Plünderungen und Krawalle. Es wurden auch schon Herrensitze angegriffen und die Bauern wurden aufgefordert, es nachzumachen.

„Der Krieg wird uns gar nichts bringen und die Deutschen werden uns fertig machen“, war die Stimmung auf dem Lande. Zwar hatte man zwar den Kriegsbeginn auf die Zeit nach der Ernte verlegt, um solchen Ereignissen vorzubeugen und die Leute nicht aus ihrer Arbeit herauszureißen. „Wir werden euch an der Front schon zeigen, wo‘ s lang geht, – die Friedenszeiten sind vorbei“, war die Antwort an die Protestierenden. Zur Warnung schossen Offiziere und Berufssoldaten in die Luft.

In den Städten gab es großartige Zeremonien. Von Begeisterung konnte bei den paradierenden Soldaten keine Rede sein. Die Soldaten zogen auf den Paraden schweigend und mürrisch durch die Städte, wo sie verabschiedet wurden. Die einfachen Soldaten hatten von Anfang an kein Zutrauen und hielten ihre eigenen Chefs gegenüber den Deutschen für unterlegen, schlecht organisiert. Sie waren skeptisch, schwiegen und grüßten ihre eigenen Offiziere bei den Abschiedsfeiern nur unwillig.

Wegen schlechter Unterbringung, schlechtem Essen und unzureichender Ausstattung mit Kleidung und Waffen und wegen des Organisationschaos kam eine anhaltende Missstimmung auf. Dazu führte auch die unwürdige und respektlose Behandlung der „Muschiks“(Bauern). Die Grundstimmung blieb schlecht, auch wenn die offenen Revolten bald eingedämmt waren. Sie hatten nichts verhindern können. Der entscheidende Widerstand äußerte sich nun im Weglaufen, in den Desertionen.

3.4. Flucht aus dem Krieg

Die Bauernsöhne wollten auf jeden Fall so bald wie möglich nach Hause. Das war das verständliche Grundgefühl, weil nicht nur eine Familie und ein Dorf zurückgelassen wurde, sondern auch ein Stückchen Land, von dem das Überleben der Familie und auch die eigene Zukunft abhing.

Die Armee war vielsprachig, was aus der Sicht der Führung Probleme machte und den Umgang mit der Soldatenrenitenz noch verschärfte. Die Befürchtung, die eigenen Leute könnten sich im Frontgebiet mit örtlichen jiddisch sprechenden Menschen verbinden und den Kampf unterminieren, trieb zum Radikalismus des Deportationsterrors: Eine grundsätzliche Angst und ein Misstrauen verdichtete sich in der Führung, es könnten Leute mit dem Feind zusammenarbeiten oder an der Front in Weißrussland und Ostpolen könnte sich ein gemeinsamer Aufstand von Soldaten und ortsansässigen Bauern oder der Bevölkerung gegen die eigene Führung entwickeln. Das gab den Vorwand, Millionen von jüdischen Menschen aus dem in Polen gelegenen sog. Ansiedlungsrayon zu vertreiben. Das waren Gebiete im heutigen Weißrussland und Polen, in denen die Mehrheit der jüdischen Menschen lebten, die in früherer Zeit einmal aus Westeuropa vor den Pogromen geflohen waren. Die zaristische Heeresführung führte die Vertreibungsmaßnahmen in Alleinregie durch, ohne durch eine Zivilverwaltung irgendwie gemäßigt zu werden. Offiziell wurde von der Gefahr der feindlichen Spionage gesprochen, wahrscheinlich ging es jedoch um präventive Aufstandsbekämpfung, auch schon gegen die eigenen Soldaten wahrscheinlich. (siehe weitere Bemerkungen zum Thema im Kap.5 )

Gegen Kriegsende gab es an die 7 Millionen Flüchtlinge im Zarenreich, die aus den frontnahen Gebieten mit äußerster Brutalität vertrieben oder deportiert worden waren.6 In den Flüchtlingsströmen konnten jedoch auch Desertierende untertauchen und sich ein Incognito zulegen.

Viele Soldaten waren Analphabeten, konnten nicht nach Hause schreiben und machten sich Sorgen ohne Informationen. Sie misstrauten der eigenen Führung nicht nur, sondern wussten, dass sie von ihr nichts zu erwarten hatten, weder militärische Glanzleistungen noch irgendeine Schonung oder Fürsorge gegenüber den Mannschaften. Der Abstand zu den Offizieren war unüberwindlich, diese mussten gesiezt werden, während umgekehrt der einfache Soldat geduzt wurde. Offiziere entwürdigten die einfachen Menschen wie im Dorf, an der Front wurde die Kluft mit Elend und Blut sinnentleert erfahren. Als später die elitären Berufsoffiziere meist tot waren und der Nachwuchs kam, änderte sich einiges; da gab es ein Aufeinanderzugehen, vor allem ab 1916/17.

Erfahrungen der Soldaten

Von Anfang an war die Ernährung katastrophal schlecht. Kleidung, Schuhwerk und Unterbringung waren erbärmlich. Ärger bereiteten das Organisationschaos und Stillstand, Züge kamen nicht durch, man musste endlos warten, nichts klappte. Im August 1915 besaß ein Drittel der russischen Soldaten keine Gewehre, allenthalben mangelte es an Munition. Riesig waren die Verluste an gestorbenen Offizieren und Unteroffizieren. Junge, unerfahrene Offiziere führten Truppen, die zu 80 Prozent aus Bauernsöhnen bestanden, häufig Analphabeten. Bis Ende 1914 verlor die Armee des Zaren 1,2 Millionen Menschen – Tote, Verwundete und Gefangene. Die Soldaten sprachen vom Fleischwolf. Nach der deutschen Frühjahrsoffensive 1915 waren insgesamt schon 2 Millionen tot oder verwundet. Die deutschen Truppen waren weit ins Land vorgedrungen, hatten Warschau eingenommen. Ab Sommer 1915 nahm die Verzweiflung zu. Das einzig Positive waren Freundschaften und die solidarische Verständigung mit vielen neuen Kameraden, mit denen man das Kriegsleid teilen und sich austauschen konnte. Aus ganz verschiedenen Gegenden, auch in unterschiedlichen Sprachen und Religionen. Es wurde nicht nur Russisch, sondern auch Lettisch, Kirgisisch und Ukrainisch und andere Sprachen gesprochen.

Hunderttausende fragten sich: Wie komme ich hier weg?

Desertion ist eine Kampfform gegen Gewalt. Zu dieser Art von Widerstand gehören alle Formen, sich individuell zu verweigern, wegzulaufen und nicht wiederzukommen oder auch sich selbst zu verstümmeln oder krank zu sein: Dazu kommen ungewollte Formen der seelischen Erschütterung, die Kriegsneurosen, Traumatisierungen, die nicht anerkannt werden und von oben wie Widerstand wahrgenommen werden. Damals, und heute auch.

Diese vielfältigen Formen verdichteten sich bis 1916 zu einer massenhaften Kultur des Desertierens weiter, den man als verdeckten Militärstreik bezeichnet hat.7 Aus tausendfacher individueller Verweigerung entstand ein immer dichteres Netz, eine Sozialbewegung der Verweigerung mit unzähligen Facetten. Wie sah das im Einzelnen aus?

Abhauen auf dem Transport

Die ersten Gelegenheiten zur Flucht boten sich auf dem Transport zur Front. Als im Herbst 1915 Teenager einberufen wurden, zwei Jahre vor dem regulären Termin der Einberufung, gab es punktuell die meisten Desertionen. Bei den Zügen an die Front fehlte oft die Hälfte der Soldaten, die abgesprungen waren, wenn der Zug langsam oder durch große Städte wie Kiew fuhr. Bei einem Bataillon fehlten 80 Prozent der Passagiere, die an der Front ankommen sollten. Es seien einfach nicht genug Aufpasser da, um die Massenflucht zu verhindern. Natürlich gab es auch viele Schwerverletzte durch den Absprung vom Zug. Die jungen Leute wurden wegen Selbstverstümmlung angeklagt, wenn sie gefasst wurden.

Andere, die unterwegs verloren gingen, traten meist nicht als Fahnenflüchtige in Erscheinung. Sie gaben an, die Abfahrt verpasst zu haben, sich im Getümmel nicht zurecht gefunden zu haben. Sie wirkten desorientiert, was häufig für Landmenschen zutraf, die sich z.B. die Nummer ihrer Einheit nicht merken konnten oder wollten.

Während des Transports verloren gehen, war ein Phänomen. Häufig sagten Soldaten, der Zug war weg, ich wollte grade aufsteigen, aber dann ging es nicht, weil ich ihn gerade verpasst habe. Sie hatten tausenderlei Ausreden, teilweise wahr, teilweise erfunden. Auf jeden Fall war der Betreffende seiner Einheit abhanden gekommen.

Daraus ergab sich die weitere Erscheinung des Versprengten, der sich herumtreibt, seine Einheit nicht finden kann, der ohne gültige Papiere vagabundiert. Die Figur des Papierlosen war allgegenwärtig. Normalerweise gibt es irgendein Papier, einen schriftlichen Auftrag, wenn jemand irgendwohin geschickt wird. Einen Marschbefehl. Wird dann jemand von der Polizei aufgegriffen oder von der Militärpolizei, die es zunächst noch gar nicht gegeben zu haben scheint, dann musste er ein Papier haben. Wenn er das nicht hatte, musste er sich herausreden. Dafür gab es dann allerdings die wildesten Geschichten.

Eine verbreitete Form sich zu entfernen war, aus dem Urlaub nicht zurückzukommen. Man konnte einfach nicht, weil das und das gemacht werden musste. Oder der Zug war ausgefallen, weil irgendein Reiseanschluss nicht funktionierte. Solche und weitere Gründe waren nachvollziehbar.

Im Herbst 1915 gingen Massen flüchtiger Soldaten dazu über, sich auf der Flucht auch durch Diebstahl bei den Bauern und Plünderung von Läden zu ernähren. Die Disziplin im Lande bröckelte in Wirklichkeit schon 1915 nach den Niederlagen an der Front nicht nur, sogar brach de facto schon teilweise zusammen oder war dabei, sich aufzulösen.

Krank waren alle – sowieso im Krieg: bei normalem Heimweh angefangen, von Mangelernährung, über unzureichender Unterkünfte und Kälte bis zu wenig Schlaf; vor allem waren die meisten in irgendeiner Form unsichtbar traumatisiert, wenn sie an der Front mitkämpfen mussten, weil sie die Ohnmachtserlebnisse bei dem Ansehen des Sterbens von Kameraden, ohne Hilfe leisten zu können, genau so wenig verarbeiten konnten wie das passive und ohnmächtige Erdulden des Artilleriebeschusses.

Die Kriegsneurose, heute Posttraumatische Belastungsstörung genannt, das Zittern und die unmittelbaren Schocks, dürften alltägliche Erscheinungen gewesen sein.

Die Kriegsneurose verlief individuell höchst unterschiedlich. Gemeinsam hatten aber alle Betroffenen, dass es – häufig durch Granateinschläge – zu einem akuten Psychotrauma kam. Die betroffenen Soldaten blieben dabei körperlich aber meist unverletzt.

Neben physischen Symptomen, wie Zittern, traten auch psychische Beschwerden wie Bindungsverlust, Alkoholismus, Angstattacken, eine verstärkte Drogenneigung oder gewalttätiges Verhalten auf. Auch Jahre später reagiert der Körper bei einem Trigger: ‚Wenn ein bestimmtes Geräusch auftritt, kommt die Erinnerung an ein solches Ereignis zurück, ohne dass das den Betroffenen bewusst wird‘,….“8

Sich krankmelden wurde diffamiert, psychisch Kranke wurden als Drückeberger diffamiert. Leichtverletzte und Traumatisierte liefen ziellos herum, verstümmelten sich selbst.

Das Überlaufen zum Feind war gefährlich, es brauchte schon gewisse Kenntnisse, um sicher auf die andere Seite zu kommen und sich zu ergeben.

Papiere wurden gefälscht: Im Herbst 14 treiben sich viele Soldaten in Frontnähe herum, sind aber nicht bei ihren Einheiten, sondern versuchen, Wege zum Absetzen zu finden. Beispielsweise wurden auf den Bahnhöfen im Südwestabschnitt im Zeitraum Ende September bis 15. Dezember 3.394 Soldaten allein auf den Bahnhöfen und in Ortschaften in der Nähe dieses Frontabschnitts aufgegriffen, die irgendwie unterwegs waren. In einem kleinen Bahnhof Kazatin wurden täglich an die 40 reisende Soldaten ergriffen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Kultur des Fälschens von Marschbefehlen, Urlaubsscheinen und ähnlichem, die auch gehandelt wurden, es gab dann immer mehr Spezialisten, die das für andere besorgten.

Die Einfühlung in den einfachen Soldaten auf der anderen Seite führte zum gemeinsamen Singen von Weihnachtsliedern, so gab es die bekannten Verbrüderungsszenen nach der Februarrevolution zu Ostern 1917. Im Stellungskrieg entwickelte sich ein „Leben- und-Lebenlassen-System”. Dazwischen gab es häufiger Begebenheiten wie die folgende:

One such episode, which happened at the start of December 1914 between the men of the 5th Finnish Rifle Regiment and their German adversaries, is recounted by B.N.Sergeevskii, Chief of Staff of the 3rd Finnish Rifle Brigade. According to him, several days after an unsuccessful raid, in which 30 enemy soldiers were killed and left to rot in No Man’s Land, a white flag was raised in the German trenches and an officer accompanied by an armed soldier came out. The Russians sent a company commander to see what he wanted. They met halfway in No Man’s Land, introduced each other and shook hands. The German officer offered his Russian counterpart a cigarette and the soldier gave a cigar to his Russian opposite number. Then the German conveyed a request from his commander to bury the dead. The Russian officer said that he would pass on the message and if allowed they should meet in 24 hours. They then parted courteously. The next day they met again and the Russian officer explained that his superiors refused to allow the Germans to bury their dead but permitted the Russian soldiers to carry out this duty under the condition that they would not be fired upon. One German officer and soldier were allowed to be present during the burial. The next day at 8 am the Russians raised the white flag and gave a trumpet signal, the Germans did the same. A team of men carried the bodies to one place and lay them side by side. When everything was ready the Russian officer came out with a priest and a platoon of riflemen with a trumpeter. The Germans sent the same officer and a soldier in parade uniform. Both the Russian and German soldiers who were not involved in the burial came out onto the parapet. (Grabenbrüstung). The priest recited the Lord’s Prayer. The platoon saluted the fallen and when the bodies were lowered into the ground fired three rounds into the air. The German officer cried. Once everything was over and everyone returned to the trenches the sides resumed firing on each other. Several days later the same German officer appeared again and invited the Russian officers to dinner in the German trenches to celebrate Christmas, guaranteeing their absolute safety. This time the Russian officer thanked him but refused.”9

Das “Leben-und-Lebenlassen-System” sah so aus:

…‘live and let live system’, where infantry units in close proximity to each other would stop overtly aggressive behaviour, and often engage in small-scale fraternization, conversing or bartering for cigarettes. In some sectors there would be occasional ceasefires to go between the lines and recover wounded or dead soldiers, whilst in others there would be a tacit agreement not to shoot while men rested, exercised, or worked in full view of the enemy. In essence, the term live and let live represented a “process of reciprocal exchange among antagonists, where each diminished the other’s risk of death, discomfort and injury by a deliberate restriction of aggressive activity, but only on condition that the other requited the restraint. Truces were usually tacit, but always unofficial and illicit.”10

Maßnahmen zur Disziplinierung gegen die Massendesertion

Kriegsgerichte waren einerseits wegen der Fallzahlen überfordert, andererseits aus inhaltlichen Gründen. Es musste etwas bewiesen werden. Es wurde nicht gleich zur Todesstrafe gegriffen, also kurzer Prozess gemacht, obwohl es dafür auch zahlreiche Befürworter gab. Dann hätte man aber wie schon gesagt eine massenhafte Maschinerie in Gang setzen müssen, die es nicht gab. Dafür fehlte das Personal und auch der entsprechende Vernichtungswille von oben. Dennoch verschärfte man die Strafmaßnahmen, vor allem, wenn der gleiche zum zweiten mal erwischt wurde. Dann verhängten die Richter bis zu 20 Jahre Lagerhaft und beim dritten Mal die Todesstrafe. Der vorgesetzte Offizier hatte ohne Gerichtsprozedur freies Ermessen. Im Laufe der Zeit wurden Kriegsgerichte direkt an der Front eingerichtet, die schneller aburteilen sollten, zur Abschreckung mit harten Urteilen, also mit der Todesstrafe.

Im Vorfeld sollten schon um die Transportzüge extra Bewachungsringe gezogen werden, weil sich auf dem Transport an die Front durchschnittlich 20 Prozent der Soldaten verflüchtigten. Ein ernstes Problem für die Militäraufsicht. Da für die Bestrafung zu Anfang „nur“ Lagerhaft oder Gefängnis oder interne Disziplinierungen vorgesehen waren, zogen viele Soldaten diese der Schlächterei vor. Teilweise verzichteten die entsprechenden Stellen ganz auf Bestrafung, weil sonst die Lücken an der Front zu groß geworden wären. Die Militärgerichte waren von der reinen Zahl einfach überfordert. Dazu kamen die Entfernungen, weil nicht schnell überall Militärgerichte eingerichtet werden konnten.

Dennoch änderte sich am Fluchtverhalten seit Anfang 1915 nicht viel. Zehntausende wurden unterwegs festgenommen. Jede Menge Ausreden wie „Anschluss verloren beim Austreten“ waren gebräuchlich.

Das Hauptquartier plädierte für die Wiedereinführung der Körperstrafen, ein Vorschlag von Oberbefehlshaber Michail Wassiljewitsch Alexejew.11Sofort nach Ergreifung sollte ohne Urteil durchgegriffen und dies weit herum zur Abschreckung bekannt gegeben werden. Offiziere sollten die Prügelstrafe bei kleineren Verstößen anwenden und sie zur Selbstverständlichkeit machen: 5 bis 50 Schläge , durchschnittlich 25 – mit dem Effekt, dass die sozialistische Propaganda bei den Geschlagenen sehr erfolgreich war, die Empörung stieg und Fahnenflucht, Unlust zu Kämpfen oder frühzeitiges „Aufgeben“ des Kampfes sich erst recht verbreiteten.

Dann sollten die Familien durch Senken von Ernährungsrationen und öffentliche Bekanntgabe in die Sanktionen einbezogen werden, um die Familie zu beschämen. (Später in der Roten Armee wurde der umgekehrte Ansatz verfolgt, indem man den Ehefrauen und Kindern besseren Zugang zur Versorgung verschaffte.) Ebenso sollte die Kirche das Disziplinierungswerk unterstützen. Während des Großen Rückzuges Frühjahr 1915 wurde die Erlaubnis für Verwundete für 10 Tage auf Heimaturlaub zu gehen, aufgehoben, weil viele nicht zurück kamen.

Weitere Maßnahmen waren Spezialeinheiten, in denen Disziplin geschult wurde. Arbeiten aller Art wurden angeordnet: Häuser reparieren, Kleidung wiederherstellen, Schuhe flicken usw. Disziplin unter ständiger Aufsicht neu einüben bedeutete 25 Peitschenhiebe bei Ungehorsam und einen Monat Spezialgefängnis. Ein spezielles Disziplinarkomitee, dem auch ein Priester angehörte, entschied direkt bei der Einheit über Bestrafungen,. Das Komitee befand dann später, ob der Soldat wieder zu seiner regulären Einheit zurückkehren durfte.

Polizeimaßnahmen wie Hilfe von Dorfältesten und ländlicher Polizei wurden im Dezember 1915 vorgeschlagen. Mit einer neu organisierten Militärpolizei aus den Einheiten selbst sollten besondere Patrouillen durchgeführt und mobile Einheiten an Bahnhöfen, bei Verpflegungsstellen und Hilfsorganisationen gebildet werden.

Die Desertionen nahmen im Frühjahr 1916 weiter zu. Immer häufiger zeigten die Soldaten gefälschte Urlaubspapiere vor. Im Sommer der großen und erfolgreichen Brussilow Offensive, gingen den Einheiten 69.000 Mann als vermisst verloren, von denen die meisten geflohen sein dürften.

Im Laufe des Jahres 1916 hatte sich ein Desertions-Lifestyle herausgebildet. Leuten waren ständig unterwegs, verdienten Geld und berieten andere dabei, wie sie weiter kamen. Standardausrede war anscheinend, man sei gerade auf dem Weg zur Front. Ausreden mit denen ein Verdacht beruhigt werden konnte, da die Aussagen meist nicht aktenmäßig festgehalten wurden. So kam es, dass Deserteure Sammelpunkte und Transportknoten für sich nutzen konnten, um sich dort zu verpflegen zu lassen und bei der riesigen Anzahl von Soldaten, die kamen und gingen, nicht auffielen, wenn sie ebenfalls Essportionen unter den regulären Soldaten in Anspruch nahmen. Allmählich wurde die reguläre Armee von der Verweigerung und den überall im Heer selbst untergetauchten Deserteuren unterwandert. Auch zivile Leute gerieten nun ins Fadenkreuz. Sie wurden streng bestraft, wenn sie Deserteure unterstützten. Im Sommer war das Untertauchen in den Wäldern möglich, im Winter wurde es schwierig.

Angeblich gingen viele Soldaten auch deshalb verloren, weil sie einiges nicht verstanden hatten und einfachen Gemüts und Analphabeten waren. Beispielweise waren sie bei einem Halt ausgestiegen, um sich Teewasser zu holen, kamen zurück und der Zug war weg, sie wussten aber nicht, welches ihr Zug und die Nummer ihrer Einheit war. Dann waren sie hilflos, obwohl sie gar nicht weglaufen wollten. Viele wollten nur ihre Lieben daheim besuchen und dann wieder zurückkehren. Tief aus dem Landesinneren wurden Gegenden gemeldet, wo sich massenhaft Soldaten aufhalten würden und die lokalen Behörden machtlos dagegen seien. Gegen das freie Herumreisen und den verlängerten Aufenthalt bei den Familien konnte kaum eingeschritten werden, weil die Kontrollmöglichkeiten nicht vorhanden waren oder nicht ausgeübt wurden.

Den lokalen Polizeieinheiten waren die Deserteure häufig bedeutungslos, sie halfen sogar einzelnen. Ab Dezember 1916 war vielen Wachposten die Ordnung gleichgültig geworden, weil die Auflösung der Armee um sich griff. In einer Brückenbau-Einheit wurden 133 Leute statt der eigentlichen 98 beschäftigt, die sich mit Papieren ausgestattet hatten, um dort zu überleben. Ähnlich in anderen Einheiten, die z.B. mit Straßenbau beauftragt waren.

Immer mehr griff Gleichgültigkeit um sich. Die Führung schickte Reserveeinheiten mit vormaligen Deserteuren an die Front, um die riesigen Verluste während der Brussilow-Offensive auszugleichen.

Zuletzt noch: Es wurden natürlich falsche Namen gesagt, wenn man aufgegriffen wurde. Mit einer sagenhaften Geschichte schmückten die Deserteure aus, warum sie genau an diesem Punkt gelandet waren. Die Leute wurden dann speziellen Einheiten zugeteilt, die wiederum nach ein paar Wochen an die Front geschickt wurden. Die Falschen Namen ermöglichten es nun, wieder sofort von einem Zug abzuspringen oder auch bei den Ankunft bei der Einheit erzählen, hier sei ein Irrtum passiert. So kam es in einem langwierigen Hin und Her zur einer Figur des „verirrten Soldaten“, der in Wirklichkeit Deserteur war, sich aber mit den Gebräuchen schon so gut auskannte, dass er mit dem sich Hin-und Her-Schicken-Lassen zwischen den Einheiten für lange Zeit von der Front entfernt war.

Die Risikoabwägung zwischen Todesgefahr an der Front durch Artilleriebeschuss und der Wahrscheinlichkeit, einer Polizeikontrolle in der Großstadt aufzufallen, fiel gegen die Front aus.

Revolutionäre Stimmung

Die Briefe der Soldaten wurden systematisch erforscht. Die Hauptfrage in den Briefen war: wann ist das alles endlich vorbei?12 Da aber das Hauptquartier verkündete, der Feind müsse erst von der russische Erde vertrieben werden, zog sich das Warten unerträglich lange hin. Die Ungeduld steigerte sich. Nachrichten aus der Heimat waren bedrückend: Inflation, Schlangen vor den Läden, sinkende Löhne. Ab Oktober 1916 spätestens gärte es landesweit, zu Hause und an der Front. Es verbreitete sich das Gerücht, dass die Landbesitzer die Muschiks an die Front schicken würden, um sie dort sterben zu lassen, damit sie das Land nicht übernähmen.

Die Versorgungskrise traf die Front genauso wie das Hinterland. Das Essen bestand immer wieder nur aus Bohnensuppe; Brotrationen wurden um ein Drittel gekürzt, dann noch mal um ein Drittel also von drei Pfund pro Tag auf ein Pfund. Und auch das fiel noch häufig aus, was von der unterschiedlichen Transportsituation in verschiedenen Frontabschnitten abhing. Einige Einheiten hatten mehr als andere, so dass es zu Verkäufen untereinander kam. Das Essen sei so schlecht, dass auch Pferde davon krank würden, hieß es. Februar 17 näherte sich die Situation einer realen Hungersnot. (siehe dazu auch das Kapitel 9.2. zu den Meschotschniki).

Ab Sommer 1916 kamen die Stellen organisatorisch nicht mehr hinterher. Die Gefängnisse waren zu voll, genügend Bewachungspersonal war nicht vorhanden; die Richter fanden die Anklagepunkte zu schwach; Gefangene mussten schon zu lange irgendwie auf die nächste Prozedur warten, so dass es man sie frei ließ, egal wo, und wie: Die Verwaltungen wurden der Flut nicht Herr. Die meisten Gefangenen hatten keine Papiere und verweigerten die Auskunft, woher sie kamen. Also konnte man ihren Fall auch nicht richtig bearbeiten und sie zurückschicken in die Stammeinheit. Andererseits konnte man sie auch nicht überall zwangsweise an der Front einsetzen, denn es grassierte die Furcht, es könnten Verräter sein. Dann gab es die verpassten Ausbildungen, viele hatten – angeblich? – auch vergessen, wie Befehle auszuführen waren. Sie waren aus der Sicht von oben nur faul und undiszipliniert. So kam man zu dem Schluss, dass sie noch andere Soldaten mit ihrer Haltung anstecken könnten. Außerdem desertierten die an die Front gebrachten bei nächster Gelegenheit schon wieder. Aus dieser allgemeinen Verweigerungsstimmung entwickelten sich ab Februar 1917 die Bewegungen der Soldatenräte. In der verbreiteten Militärstreik-Vorerfahrung hatten die Soldatenräte an der Front ihre soziale Basis.

 

3.5. Desertion als Teil der sozialen Revolution

Nach der Oktoberrevolution löste sich die Armee wegen der restlos gelähmten Befehlsketten und Militärstrukturen auf. Jegliche Disziplin der einfachen Bauernsoldaten hatte sich zuerst schleichend aufgelöst und dann zum massenhaften Militärstreik verdichtet. Die Gesamtzahl der Deserteure wird bis Kriegsende wie gesagt mit 1,9 Mio. angegeben, davon 500.000 allein im ersten Jahr.13 Wenn man die Selbstauflösung der zaristischen Heeres mitberücksichtigt, werden es noch viel mehr gewesen sein.In den Desertionszahlen wie auch bei der Disziplin unterschieden sich Russland und Deutschland enorm. Von den erfassten Zahlen her waren es in Russland mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. Desertion und Flucht aus der Armee waren wesentliche Erscheinungen, die die sozialrevolutionäre Stimmung 1917 ausmachten. So stellte sich im Jahr 1918 das Problem, wie eine neue Rote Armee zustande kommen sollte: als reine Freiwilligenarmee aus den vorhandenen Arbeitermilizen in Form eines großen Milizen- und Partisanenverband; oder in Form eines von Grund auf neuen stehenden Heeres. Letzteres wurde dann mit Hilfe von wechselbereiten Offizieren des alten Offizierskorps zustande gebracht.

Am Ersten Weltkrieg nahmen rund 72 Millionen Soldaten teil, von denen ca. 9,5 Millionen fielen und 21,5 Millionen verwundet wurden. Ungefähr 8 Millionen Zivilisten verloren ihr Leben. Zahlen aus den Kolonien sind bei diesen Werten nicht enthalten. Allein in Verdun fielen ca. 320.000 Soldaten und 500.000 wurden verwundet. In den 12 Isonzoschlachten von 1915 bis 1918 hatten Italiener und Österreicher ca. 1,4 Millionen Soldaten als Verlust zu melden (gefallen, verwundet, desertiert). Russland hatte mindestens 12 bis 15 Millionen Männer mobilisiert. Deutschland über 13 Mio. von denen über 1,8 Millionen getötet wurden dazu kamen noch mindestens eine Million Zivilisten durch Hunger und Krankheit. Danach war der Krieg in Russland nicht zu Ende. Es kam der Bürgerkrieg. Anhand von Bevölkerungszählungen, die bis 1923 durchgeführt wurden, lässt sich feststellen, dass im Russland des Jahres 1920 neun bis zehn Millionen Menschen weniger lebten, als im selben Gebiet zum Ende des Weltkrieges. Nach der Berücksichtigung der Emigrationvon ca. zwei Millionen Menschen und der Hungersnot von 1921 führt dies zu einer Zahl von rund acht Millionen zivilen Opfern. Dies entspricht dem Vierfachen der Verluste des Zarenreichs im Weltkrieg. Nach dem Krieg und den Hungersnöten lebten auf sowjetischem Territorium rund sieben Million Waisenkinder auf der Straße.

Todesopfer in Krieg, Hungerkrisen, Epidemien, Bürgerkrieg 14

Erster Weltkrieg und Bürgerkrieg forderten in Rußland schätzungsweise 13 Mio. Opfer. Hinzu kamen die Verluste durch die Hungerkatastrophe von 1921/22.[schätzungsweise weitere 5 Mio. Hungertote.] Die inzwischen differenzierten statistischen Angaben sind umstritten, schwanken erheblich und bleiben aufgrund kaum noch schließbarer Datenlücken vorbehaltlich. Besonders dramatisch war demnach der Aderlaß unter der Arbeiterschaft, die bis 1922 auf die Hälfte ihrer Stärke von 1917 sank. Ebenso einschneidend waren die Verluste unter den alten Eliten. Die spezifischen Angaben für die Jahre 1918 bis 1922: 2,1 Mio. unmittelbare Bürgerkriegsopfer und 5,1 Mio. Epidemietote; 8 Mio. Zivilopfer; 940.000 Gefallene der Roten Armee; 1,3 Mio. Opfer von Terror, Bandenkriegen und der Unterdrückung von Aufständen; Roter Terror: von mehreren hunderttausend bis 1,7 Mio.; Weißer Terror: 112.000 bis 200.000 . Zu den Problemen der demographischen Forschung: [es folgt eine russische Quellenangabe]“.

 

1„Die Konferenz von Zimmerwald fand während des Ersten Weltkrieges vom 5. bis 8. September 1915 im schweizerischen Ort Zimmerwald in der Nähe von Bern im Hotel «Beau Séjour» statt. Die Konferenz wurde vom Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm mit dem Ziel organisiert, die Sozialistische Internationale neu zu organisieren. Die 37 Teilnehmer aus zwölf Ländern verabschiedeten als Resultat das Zimmerwalder Manifest. Die antimilitaristische, revolutionäre sozialistische Bewegung, die sich um Lenin an dieser Konferenz bildete, wurde als «Zimmerwalder Linke» bezeichnet. Damit begann die Spaltung der Arbeiterbewegung in revolutionäre und reformistische Sozialisten bzw. Kommunisten und Sozialdemokraten.“
Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Zimmerwalder_Konferenz

2Standardwerk: Allan K. Wildman, The End of the Russian Imperial Army. The Old Army and the Soldiers Revolt (March-April 1917) Princeton/New Jersey 1980. Paul Simmons, Desertion in the Russian Army, 1914-1917, Refererat auf der Konferenz: Other fronts, other wars? Innsbruck, September 2011. Buchbeitrag: Ders., Combating Desertion and Voluntary Surrender in the Russion Army during the First World War, in: Joachim Bürgschwentner; Mathias Egger; Gunda Barth-Scalmani (Ed.)(2014): Other Fronts, Other Wars? First World War Studies on the Eve of the Centennial, Leiden etc.: Brill, 41-61. Paul Simmons (2011): Discipline in the Russian Army in the First World War, Diss: University of Oxford. Benjamin Ziemann (2013): Gewalt im Ersten Weltkrieg. Töten – Überleben – Verweigern, Essen: Klartext-Verl.

3Heiko Haumann (1974): Beginn der Planwirtschaft. Elektrifizierung. Wirtschaftsplanung und gesellschaftliche Entwicklung Sowjetrusslands 1917 -1921, Düsseldorf: Bertelsmann. Martin Lutz (2011): Siemens im Sowjetgeschäft. Eine Institutionengeschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen 1917-1933, Stuttgart: Steiner, 83-86, 108-113. Zum Arbeiter_innen im Kampf gegen die Taylorisierung bei Siemens, siehe das Stichwort „Siemens“ bei: Heather Hogan (1993): Forging Revolution. Metalworkers, Managers, and the State in St. Petersburg, 1890-1914, Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press.

4Figes, Tragödie, 273 f.

5Alle Angaben nach Wildman, 76 ff.

6Vgl. Peter Gatrell,, A whole Empire walking. Refugees during World War I, Bloomington and Indianapolis 1999 (Paperback 2005)

7Wilhelm Deist (1992): Verdeckter Militärstreik im Kriegsjahr 1918?, in: Wolfram Wette (Hrsg.) (1992): Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München: Piper, 146-167.

8Franziska Zoidl (2014): Kriegsneurosen: Das große Zittern an der Front, in: derStandard.at, 10.2.2014, http://derstandard.at/1389858893075/Kriegsneurosen-Das-grosse-Zittern-an-der-Front

9Simmons, Discipline, 122.

10Simmons, Discipline, 125.

12Wildman, 189.

13Joshua A. Sanborn (2003): Drafting the Russian Nation. Military Conscription, Total War and Mass Politics, 1995 -1925, DeKalb: Northern Illinois University Press, 49.

14Aus: Nikolaus Katzer (2006): Räume des Schreckens. Leben und Überleben im russischen Bürgerkrieg, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 10. Jg., 2006, H.1, 55-90