4. Aufstände im Krieg

4.1. Lebensmittel- und Preisrevolten während des Krieges

Während die Soldaten des russischen Reichs zu Hunderttausenden dem Gemetzel an der Front entflohen, empörten sich deren Frauen in der Provinz, aber auch in größeren Städten, z.B. in der Metropole Moskau.

Allgemeine Wut und Empörung sowohl an der Front als auch in den Gemeinden kamen nicht erst spontan 1917 oder nur im stillen Murren oder im heimlichen Verlassen des Kriegsgeschehens an der Front zum Vorschein. In der kurzen Klassenkampfpause zwischen Spätsommer 1914 und Frühjahr 1915 war die Arbeiterbevölkerung umgeschichtet, um neue ungelernte Kräfte aus den Dörfern vermehrt und neue Hierarchien waren etabliert worden. Viele Menschen fehlten in den Widerstandsnetzen. Die sozialen Verhältnisse hatten sich geändert, weil wegen der Einberufung die Hälfte der männlichen Arbeitskräfte aus dem Dorf an die Front gehen mussten und nun vielen Lücken in der Arbeit der bäuerlichen Selbstversorgung klafften. Das brachte einen Schub für die Frauen, die viele Aufgaben mit erledigen mussten und dementsprechend ihre Männer auf den Dorfversammlung vertraten. Die Zurückgebliebenen entwickelten neue Kämpfe, weil sie über die Toten verzweifelten und einen Zorn über Mehrarbeit und unverdienten Mangel entwickelten, der bis ins letzte Dörfchen der Zarentreue den Garaus machten.

Spekulationsvorwürfe gegen die Kaufleute stehen im Folgenden im Mittelpunkt der Einstellungen der Frauen in ihren Kämpfen. In Russland hatten die Aristokraten im Rahmen der Ausbeutung der Leibeigenen den Mindeststandard des Überlebens durch eigener Hände Arbeit für die Selbstversorgung einschließlich der lokalen Märkte zur Versorgung lange respektiert. Obwohl diese Ordnung in der beginnenden kapitalistischen Transformation ungeheuer unter Druck geriet, war das alte Gleichgewicht viel länger selbstverständlich als in Westeuropa, mindestens bis zur Abschaffung der Leibeigenschaft 1861. Es war nicht von heute auf morgen aus den russischen Einstellungen verschwunden, wie denn überhaupt die Praxis der Selbstversorgung anders gelagert und viel tiefer begründet war als in den komplexen Feudal- und Geldbeziehungen des Westens.1 (Das macht die Übertragung des Ansatzes der Moral Economy problematisch.) In Westeuropa war schon im 17. Jahrhundert der soziale Ausgleich in den vielen Kriegen im Prinzip aus den Angeln gehoben worden, und in der frühneuzeitlichen Kriegslogistik war etwas Neues entstanden: Das zentralistische Regime des Merkantilismus hatte dort der Handelsbourgoisie und den auf sie gestützten staatlichen Steuereinnahmen schon das Vorrecht über die Reproduktion des Massen eingeräumt, bis es im Vorlauf zur französischen Revolution auf die Einkreisung der neuen Armen hinauslief. Der Pauperismus als neues Proletariat bäumte sich ein letztes Mal im europäischen Westen auf und wurde 1848 von der bürgerlichen Elite im Bündnis mit den alten Eliten niedergeschossen und gewaltsam in das Maschinenzeitalter hineingezwungen.

Aufstände

Im Folgenden möchte ich einige dieser Aufstände skizzieren, wie sie in der Literatur vorgestellt werden. Die Beispiele folgen den Texten von Barbara Alpern Engel, Mark Baker und Eric Lohr.2

Am 1. Oktober 1915, einem Markttag brach eine Rebellion im Städtchen Bogorodsk (heute Noginsk) aus. Es lag im Moskauer Umland und war schon lange Jahre ein Zentrum der Textilindustrie, auch Standort der Baumwollspinnereien der bekannten Fabrikantenfamilie Morosow3, und beschäftigte ungefähr fünfzehntausend Arbeiter_innen. Dreißig Arbeiterinnen wollten auf dem Marktplatz Zucker kaufen, bekamen aber gesagt, dass dieser ausverkauft sei. Sie wurden wütend und beschuldigten die Händler, sie würden Schwarzhandel betreiben und mit dem Zucker Spekulationsgeschäfte machen.

Ziemlich schnell erschien die Polizei und bugsierte die Frauen von den Läden und Verkaufsständen weg, aber die Frauen kamen kurz danach wieder auf dem Platz zusammen, wo sie ihren Protest gegen die Händler verstärkt fortsetzten. Schnell sammelten sich ein paar tausend Leute, meist Frauen und Jugendliche, aber auch Arbeiter und auch Bauern aus den Dörfern des Umlands, die wegen des Markttags da waren. Die Masse ging zu den Läden, um ihrem Ärger Luft zu machen. Nun wurden Steine auf die Schaufenster geworfen und dann stürmte man den Laden und beförderte alle Lebensmittel auf die Straße, von wo sie schnell aufgesammelt und weggetragen wurden. Die Polizei war in der Unterzahl, wollte auch keine Waffen einsetzen und konnte nichts machen. An den folgenden Tagen ging es weiter mit dem Aufstand, weitere Lebensmittelläden wurden geplündert, dazu kamen die Textilläden und weitere Geschäfte für Fabrikwaren dran. Am vierten Tag erschienen berittene Kosaken und stoppten den Aufruhr – sie schossen in die Menge, wobei zwei Menschen ihren Verletzungen erlagen und drei weitere schwer verletzt wurden. In der Zwischenzeit hatte sich die Unruhe schon auf die nahegelegene Fabrik ausgeweitet. Am zweiten Tag des Aufruhrs verließen die Arbeiter ihre Arbeitsplätze und gingen mit tausenden von Kollegen und Kolleginnen auf die Straße, ebenso schlossen sich einige zehntausend aus den benachbarten Fabrikstandorten von Pavlovsk, Obuchow und Orechow an. Auf dem Höhepunkt der Bewegung streikten nach Polizeiangaben 80.000 Arbeiter_innen. Die Streikenden verlangten höhere Löhne wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Bis zum 7. Oktober streikten sie und bekamen dann eine 20-prozentige Lohnerhöhung. Im Städtchen Bogorodsk brodelte es weiter unter den Frauen und Ende Oktober fingen 12.000 Arbeiterinnen einen Streik an, der mehrere Wochen andauerte.

Das Ganze hört sich wie eine Parallelgeschichte zur Februarrevolution an,— so war es auch, eines von vielen kleineren Vorspielen dieser Art. Frauen, die die Preisrevolte trugen und einen Aufstand initiierten, wurden von Fabrikbeschäftigten und allerlei anderen Anwesenden unterstützt. In den ersten beiden Jahren des Krieges waren die Lebensmittelpreise in Moskau um 131 Prozent und in Petersburg um mehr als 150 Prozent gestiegen.4

Weitere Beispiele aus dem Text von Alpern Engel:5

Im Juli 1915 entrüsteten sich Frauen beim Einkauf über die hohen Preise der neuen Kartoffeln und starteten eine Lebensmittelrevolte (food riot) auf dem Taganskii Markt in Moskau. Die Wortschlacht zog eine ansehnliche Menge an, die nicht auseinandergehen wollte bis der Kartoffelpreis auf einen der Menge angemessen erscheinenden Preis gesenkt worden wäre, in diesem Fall einen Rubel für ein Maß. Etwas verunsichert durch die bedrohliche Menschenmenge stimmten die Kaufleute zu.

Ein weiteres Beispiel: eine Lebensmittelrevolte ereignete sich in der Stadt Maneyi Zavod. In der Provinz Perm im Dezember 1915 nach dem gleichen Muster. Während ca. 200 Soldatenfrauen aus den umliegenden Dörfern auf ihr Unterstützungsgeld warteten, kamen sie ins Gespräch und tauschten ihren Ärger über die steigenden Lebenshaltungskosten aus. Sie beschlossen kurzerhand, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie begaben sich zum nächsten Laden und verlangten, der Mehlpreis möge um 60 Kopeken pro Pud (36 Pfund) gesenkt werden. Falls der Kaufmann etwas dagegen hätte, würden sie sich das Mehl ganz ohne Bezahlung nehmen. Eine Frau nahm einen Mehlsack und rief: „Greift zu, Mädels!“ und sofort willigte der Kaufmann in die Preissenkung ein. Das Vorgehen wiederholten sie in noch einigen weiteren Läden.

Weiter: Aufständische Soldatenfrauen in Morshansk in der Samara Province verschafften sich Zutritt in einem Laden und nahmen überteuerte Stoff-Ballen mit, gingen in das Haus einer Frau und teilten alles gleichmäßig unter sich auf. Im Text steht „sie stahlen“.

Barbara Alpern Engel: „In diesen und vielen weiteren Fällen zeigten die Frauen aus den unteren Klassen ihre Fähigkeit, kollektive Beziehungen (wieder-) herzustellen, nicht nur in kleinen Städtchen , sondern auch in einer Umgebung größerer Städte wie Moskau.“ (703)

Sie geht dann im weiteren auf die Frage der Gewaltanwendung ein und führt weitere Beispiele an, die ebenfalls durch die klassische Verbindung von Stadt und Land gekennzeichnet waren. Arbeiter in der Fabrik kamen aus nahe gelegenen Dörfern, wo sie zu dortigen Verwandten und Bekannten weiterhin ihre Beziehungen pflegten. Dies galt z.B. für die Industrieregion rund um Moskau herum bis zum russischen Manchester, der Stadt Iwanowo, die ca. 300km von Moskau entfernt liegt. Aber auch die weiteren Städtchen, wie z.B. Jaroslawl und Kostroma, die noch weiter entfernt von Moskau sind und jeweils mit ihrem Umland durch Arbeitsmigranten_innen aus den Dörfern verbunden waren. Zur Fernwanderung bis nach Sibirien, oder zu saisonalen Wanderung zu Erntezeiten in die großen Getreideanbaugebiete in der Ukraine hatte ich oben im Text zum Streik der Bergarbeiter aufden Lena-Goldfeldern schon etwas zusammengetragen.

Am 30. Mai 1915 sammelte sich eine Frauengruppe und schmiss die Verkaufsstände auf einem Markt in Orechovo um, weil sie sauer auf die hohen Eierpreise und andere Preiserhöhungen waren.6

Ganz ähnliches passierte, als eine Ansammlung von ungefähr eintausend Frauen in dem Städtchen Gordeevka in der Provinz von Nijnij Novgorod randalierten. Sie waren wütend wegen der steigenden Preise für Grundnahrungsmitteln wie Milch und Salz. Sie kamen zu Fuss von der Stadt Kanavin nach Gordeevka. Sie sagten, sie wollten die Behauptung von Kaufleuten überprüfen, dass Zucker ausverkauft sei. So gingen sie von Laden zu Laden mit der Aufforderung, die Lagerräume zur Kontrolle zu öffnen. Im Laufe des Tages schwoll die Menge auf 10.000 Leute an, nach Polizeiberichten fast alles Frauen. Die Polizei konnte wieder einmal nicht einschreiten, weil sie zu gering an Zahl war, aber durch deren Gegenwart stieg der Pegel der Erregung. Die Leute warfen Steine und Bretter auf sie, stürmte die Läden und plünderte Zucker und anderes. In einem anderen Städtchen der gleichen Provinz passierte ähnliches, dort wurden Läden zerstört und der örtliche Polizist entwaffnet und geschlagen, nicht zu schlimm, wie es heißt, als er sich der Menge entgegenstellen wollte. (704) Im Laufe des Julis setzte sich solches in anderen Städtchen der Provinz fort, mit einigem Sachschaden aber keinen Körperverletzungen. Alpern Engel meint, in Russland sei die Bereitschaft, auch Gewalt anzuwenden größer als in den Lebensmittelrevolten im Übergang der vorindustriellen Phase in Westeuropa gewesen. (705) Der Unterschied habe auch darin gelegen, dass um 1914 herum Russland aufgehört habe, eine „vorindustrielle“ Gesellschaft zu sein und beides, Fabrikkämpfe und Frauenkämpfe um die Lebensmittel, nebeneinander bestanden hätten und es die Erfahrung von beginnender Auflösung der ländlichen Lebensweise gegeben habe.7

Manchmal waren Industriearbeiter und die Beteiligten am Lebensmittel-Aufruhr dieselben Personen: 8 Am 7. August 1915 passierte folgendes in Kolpino einem Vorort von Petrograd und Standort der Izhorks Werke, der riesigen Schiffswerft des Marineministeriums. Zunächst regten sich Frauen beim Einkauf über die steigenden Preise auf, sie waren die Frauen von Arbeitern und Soldaten. Ihre Unterredung mit dem Manager der Werft führte nur zu leeren Versprechungen. So gingen die Frauen zur direkten Aktion über, liefen durch die Stadt und sorgten mit Gewalt dafür, dass die Läden dicht machten. An die zweitausend Männer stießen hinzu, als deren Schicht zu Ende war, – und nun wurde die Menge erst richtig wild. Aus der Masse heraus griffen sie Läden an und warfen Steine, als die Polizei sie zurückhalten wollte. Als am Abend um 22 Uhr der Aufstand endete, waren 15 Läden geplündert.

Am 19. Januar 1916 sollen laut Polizeibericht ungefähr 6500 Arbeiter des Presnia-Viertels und der anliegenden Textilfabriken vorgehabt haben, die örtlichen Läden anzugreifen, weil sie wegen steigender Preise wütend waren. Wegen dieser Meldungen drängte der Gouverneur die Fabrikverwaltung, die Versorgung mit Waren zu vernünftigen Preisen zu verbessern und außerdem ein Fleischgeschäft im Presnia Viertel zu eröffnen.

Und so gab es auch in Rodniki, einem Industriedörfchen in der Nähe von Kostroma, Proteste wegen der Zuckerpreise mit der Forderung, sie müssten gesenkt werden, anderenfalls würde man sich den Zucker für umsonst holen. Die Polizei kam und brachte die Händler dazu, die Preise zu senken, um Ausschreitungen vorzubeugen.9

Soldatki

Mark Baker hat die Lebensmittelrevolten in der Gegend von Charkov in der Ukraine untersucht, um hat dort exakt das gleiche Muster festgestellt.10 Hervorzuheben wäre die besondere Rolle der Ehefrauen von Soldaten, sie wurden „soldatki“ genannt. Ihre Männer waren einberufen worden, was die Frauen der Soldaten in eine besonders schwere Lage brachte. Seelisch ohnehin durch die Trennung belastet, in Sorge um das Überleben oder wegen einer Verletzung oder sogar dessen Tod hatten sie allen Grund, ihre Betroffenheit und ihren Zorn kundzutun.

Der Stand einer Soldatenfrauen war bis ins 19. Jahrhundert besonders randständig und diskriminiert gewesen, weil Soldaten bis 1874 für 25 Jahre dienen mussten. Das blieb auch nach 1874 so, als es nur noch 6 Jahre waren, die gedient werden mussten, mit anschließender Reservistendienstpflicht. Im Rahmen der Familienökonomie wurden die Frauen als zusätzliche Esserinnen ohne „Ernährer“ verzeichnet und mussten wohl meist von Angehörigen mitversorgt werden, wegen kleiner Kindern konnten sie nicht auch noch einen Acker umfänglich nebenbei bestellen. 11

Baker bringt Zahlen über die Folgen der Mobilisierung. Während auf 10 Haushalte vor dem Krieg jeweils 14 Männer im arbeitsfähigen Alter kamen, waren es 1917 noch die Hälfte, nämlich sieben. So stellten dann Mitte 1917 die Frauen, alte Leute und Kinder 64,3 Prozent der einigermaßen gesunden arbeitsfähigen Leute dar. (Zahlen aus der Provinz Charkiv). 12 Real waren in der untersuchten Provinz Charkiw 36,4 Prozent der ländlichen Haushalte ohne männliche Arbeitskraft. Das war besonders ägerlich, weil die Einberufungen nicht gleichmäßig alle trafen, sondern z.B. Kaufleute sich und ihre Söhne durch Beziehungen freikaufen konnten.

Die Zahl der Soldatki ging in die Millionen, wo doch an die 15 Millionen junger Männer an die Front als Kanonenfutter weggeholt worden waren. Außerdem waren die Pferde weggenommen worden. Das hatte zur Folge, dass eine Menge Land gar nicht bestellt wurde, und damit die Ernährungslage auch vom Angebot her knapp wurde. Damit drängte es die Männer an der Front ungeheuerlich, endlich nach Hause zu kommen, je länger die Kriegskatastrophe andauerte. Über die Massendesertion hatte ich oben berichtet.

Nun stellten sich deren Frauen an die Spitze der Proteste auf der Straße, während Männer desertierten, sich irgendwo versteckten und keine Lust hatten, an die Front nach einem Urlaub zurückzukehren. Die Frauen unterhielten sich auf dem Markt oder in Warteschlangen über die Preise und das Leben , aber auch das Sterben im Krieg. Die Warteschlangen waren später in der Stadt der klassische Ort, in denen die Leute sich über alles mögliche austauschen konnten. Alpern Engel weist darauf hin, dass die Soldatenfrauen keinen Trost darin fanden, dass ihre Männer für eine höhere Sache starben. Die Kriegspropaganda beeindruckte die ländlichen Massen nicht. Sie sahen sich nicht als loyale Staatsangehörige, sondern einer Region oder einem Dorf zugehörig.13

Dann spielten enttäuschte Erwartungen eine Rolle, weil zu Kriegsbeginn großartige Versprechungen in die Welt gesetzt worden waren, die Frauen würden für alle Verluste auf Grund des Weggangs der Männer an die Front großzügig entschädigt werden, also z.B. mit Geldern für Lebensmittel unterstützt werden. Das passierte aber nicht.14 In der Folge war das Missverhältnis zwischen Hilfsgeldern für Frauen, die allein standen, und den vorherigen Ankündigungen, Grund für militante Proteste, die sich besonders 1916 weiter verbreiteten. Der Ablauf war überall ähnlich, indem die Frauen wie oben dargestellt Preissenkungen in den Läden verlangten und bei Nichterfüllung ihrer Forderungen unmittelbar zur Tat schritten. Meist wurden die Läden dann ausgeräumt und die beschlagnahmten Güter nach Hause gebracht. Alpern Engel bringt noch eine ganze Reihe von Einzelbeispielen aus verschiedenen Regionen. Dabei weist sie auf den Unterschied zur Revolution von 1905 hin, als es den Frauen noch um den reinen Schutz von Familie und Kindern ging, und die Frauenrolle betont wurde, als Hüterin der familiären Werte. Jetzt im Weltkrieg war nicht die Frauenrolle als solche ausschlaggebend, es reichte darauf hinzuweisen, dass der Mann an der Front stand.15

Ein weiteres Beispiel aus der Ukraine, in dem es umgekehrt zuging, nämlich um den Verkauf von Lebensmitteln aus der Subsistenz von Bauern, für die staatliche Höchstpreise festgesetzt waren:16

Am frühen Morgen des 30. Mai 1916 wollte die Frau des Amtmanns der Gemeinde Starobilsk auf dem Wochenmarkt 10 Eier von einer Bauersfrau namens Ekaterina Grigorenko aus Chmyrovka kaufen. Und zwar zu dem amtlich festgelegten Preis von 25 Kopeken. Die Bäuerin verlangte aber 35 Kopeken. Diese Frau, sie hieß Matrena Syrovatkina, holte den Polizisten, der den Marktplatz überwachte. Polizist Iasenko hielt dann fest, Grigorenko habe nicht an die Existenz der Preisordnung glauben wollen, und wurde daher auf die Wache „eingeladen“. Die Festnahme der Bauersfrau rief jedoch augenblicklich eine große Erregung auf dem Markt hervor, und eine Masse von ungefähr eintausend Menschen, meist Frauen aus den umliegenden Dörfern, begab sich sofort zusammen auf den Weg zur Polizeiwache. Als dort der Polizeibeamte mit den beiden uneinigen Frauen eintrafen, griffen zwei Bauern aus Chmyrovka den Polizisten an, hielten ihn fest und schlugen ihn. Er konnte sich jedoch losreißen und die Frau Grigorenko mitschleifen. Nun schrie die Menge den Polizeihauptmann Kronatskii an, der herausgekommen war, um sie zu wegzuschicken. Die Menge verlangte die Freilassung der Frau und die Herausgabe des Polizisten Iasenko. Die Frau wurde freigelassen, der Polizist aber erschien zum Ärger der Masse nicht. Dann verbreitete die Frau, dass Iasenko sie in der Wache geschlagen habe. Die Leute bedrängten Koronatskii, da erschienen dreizehn berittene Polizisten und jagten die Menschen auseinander. Sobald Koronatskii im Gebäude war, kamen die Leute wieder an. Sie warfen Steine in die Fenster seines Büros, aber als Polizei wieder einschreiten wollte, musste sie sich zurückziehen, da sie ihre Waffen nicht einsetzen durfte. Die Frauen riefen: „Schlagt die Polizei und die Läden. Die Herrschaften (pany= Grundherren) legen Preise auf unsere Sachen fest, die wir verkaufen, aber sie selbst verkaufen ihre Waren zu Preisen, wie s ihnen passt.“17 Dann schwärmten sie in den Ort aus, warfen die Scheiben der Läden ein, brachen in private Wohnungen des Marktältesten und des Polizisten Iasenko ein. Zum Schluß ging es wieder zur Polizeiwache, wo nach vielem guten Zureden es dem Polizeichef Koronatskii gelang, die Menge zu beruhigen und sie allmählich zum Nachhausegehen zu bewegen.

Baker hebt hervor, dass es keine Anzeichen von ethnischen Spaltungen oder Gründen für die Unruhen in dem Ukrainischen Gebiet von Charkow gab, welches er untersucht hat. Auch da, wo Bauern gegen Kaufleute standen, und diese manchmal Juden waren, gibt es keinerlei Hinweise auf ethnische Begründungen bei diesen „Preisrandalen“. Durchgängig im ersten Weltkrieg waren dort Vertreter der staatlichen Macht des ancien régime und spekulationsverdächtige Kaufleute die Aggressionsobjekte.18

Das ist wichtig hervorzuheben, weil andere Untersuchungen zum Ausgang des ersten Weltkrieges den jeweiligen Nationalstaatsbildungen nachspüren, und die staatlich-geheimpolizeiliche Aufstachelungen für die nationale Sache gegen Fremde, Ausländer oder die jeweiligen Minderheiten aufgearbeitet haben. Demzufolge ist für die Zeit des Krieges die Frage, ob in den Aufständen zu Nahrungsmittelpreisen ethnische Spaltungen eine Rolle gespielt hätten, nicht ganz nebensächlich, wie gleich das Moskauer Bespiel zeigen wird. Solches konnte Baker in den Aufständen, die er in mehreren Städten der Ukraine untersucht hatte nicht feststellen.

4.2. Moskau 1915

Anders war es bei dem großen Aufstand in Moskau Ende Mai 1915, als ein antideutscher Pogrom sich zu einer riesigen Lebensmittelrevolte ausweitete.19 In diesem Aufstand wurden offiziell mindestens 8 Menschen getötet und 40 schwerverletzt. Ein Schaden von 70 Millionen Rubel entstand durch Plünderungen und Zerstörungen von 300 Firmen, Läden, Datschen und Privathäusern.

Am frühen Nachmittag des 26. Mai 1915 versammelten sich ungefähr 100 Frauen, meist Ehefrauen einfacher Soldaten (soldatki, s.o.), auf der Twer-Straße vor dem Verwaltungsgebäude des Komitees der Großherzogin Elizaveta Fedorovna. Wie üblich kamen sie einmal die Woche dorthin, um textile Heimarbeit für die Armee in Empfang zu nehmen. Diesmal gab es aber keine Arbeit, weil das Material nicht geliefert worden war. Einige Frauen brachen in Tränen aus, andere schrien die Amtsperson an, und behaupteten, die deutschstämmige Großherzogin hätte alle Arbeiten an die deutsche Textilfirma Mandl vergeben.20 Es dauerte nicht lange, da waren schon ein paar hundert Leute zusammen, die dem Angestellten sehr bedrohlich erschienen. So begab er sich ins Gebäude und schloss sich ein. Einige schlugen vor, das Haus zu stürmen, aber die Polizei kam gerade an. Sie sprach ruhig mit den Leuten und riet ihnen, sie sollten zum gerade neu ernannten Militärgouverneur von Moskau Felix Felixowitsch Jussupow gehen und sich dort beschweren. Jussupow war das Familienoberhaupt der reichsten Familie Russlands, Vater des Attentäters, der Rasputin getötet hatte, und Vertreter der radikalen Kampagne gegen feindliche Ausländer, also deutsche Geschäftsleute zum Beispiel, aber auch für die Deportation deutschstämmiger Arbeiter.21 Er empfing die Leute persönlich und versicherte ihnen, er würde die Sache untersuchen, worauf sich die Menge auflöste.

Am gleichen Nachmittag waren Arbeiter der Giubner-Druckerei in den Streik getreten und hatten die Entlassung elsässischer Arbeiter verlangt, die von den Deportationen der deutschen Arbeiter ausgenommen und unter den Schutz der französischen Regierung gestellt worden waren. Die 1500 Arbeiter verlangten die Entlassung aller feindlichen Ausländer, nicht nur der Deutschen, sondern auch der Elsässer. Wie diese Stimmung unter der Arbeitern zustande gekommen war, wird nicht näher untersucht. Vermutlich war in der Großstadt der Einfluss der staatlichen Propaganda erheblich, während dagegen auf dem Land außerhalb der Frontgebiete keine Ethnisierung festzustellen war, sondern die klassische Lebensmittelrevolte ohne ethnische Spaltungen ablief. Wahrscheinlich zog ein Teil der Arbeiter wohl auch die Sicherheit eines städtischen Arbeitsplatzes dem Fronteinsatz vor. Gegen 6 Uhr abends versammelten sie sich vor den Werkstoren mit den russischen Nationalflaggen, Bildern des Zaren, sangen die Nationalhymne und riefen: „Nieder mit den Deutschen!“ und marschierten zu der nahe gelegenen Prochorov- Munitionsfabrik. Dort war die Stimmung angeheizt, weil es vor einigen Tagen zu einem Explosionsunfall gekommen und dann auch noch die Cholera ausgebrochen war. Polizeiberichte zitierten Gerüchte, die Explosion sei das Werk deutscher Saboteure gewesen und der Cholera-Ausbruch sei ebenfalls durch von Deutschen vergiftetes Wasser verursacht. Die Drucker von Giubner versuchten auf das Werksgelände zu den Prochorow-Arbeitern zu gelangen, wurden aber von der Polizei aufgehalten. Die Menge löste sich auf und beendete die Aktionen des Tages.

Am Morgen des nächsten Tages, des 27. Mai versammelten sich die Arbeiter von Giubner erneut mit Fahnen und Portraits und marschierten wieder zur Prochorow Fabrik. Nun kamen auch noch Arbeiter der Riabov Fabrik hinzu und sie änderten die Route und gingen stattdessen zur Tsindel-Fabrik. Sie forderten, auf das Fabrikgelände gelassen zu werden, um zu schauen, ob dort noch Deutsche beschäftigt würden, die schon hätten ausgewiesen werden sollen. Manager Karlsen, ein Russe schwedischer Abstammung, weigerte sich, sie hereinzulassen, aber die Arbeiter brachen das Tor auf, strömten in die Fabrik, zerstörten alles und schlugen den Manager heftig zusammen. Dann trugen sie ihn zum Fluss, warfen ihn hinein und die Menge rief dabei: „Schlagt die Deutschen!“. Die Menge warf Steine auf den Mann im Wasser. Zwei Polizisten zogen Karlsen auf ein nahe gelegenes Segelboot, stießen es in Richtung auf das Wasser, in der Absicht, ihn vor der Menge zu schützen. Trotz der Aufforderungen der Polizei warf die Menge weiter Steine bis sich das Boot mit Wasser füllte. Manager Karlsen ertrank.

Inzwischen war ein Großteil der Demonstration zu einer Schuhcreme-Fabrik namens Zacho & Co. weitergezogen, hatte viel dort zerstört einschließlich der Wohnungen der beiden Direktoren, die als Staatsangehörige Frankreichs abwesend waren, weil sie in der französischen Armee kämpften. Vier Arbeiter deutscher Abstammung waren dort, die von der Polizei so gerade eben gerettet werden konnten, indem sie vorgab, sie würden verhaftet und ins Gefängnis kommen. Die gleiche Methode wandte die Polizei gleich noch mal, an um den deutschstämmigen Eigentümer einer Wollfabrik und des Stahlwerkes Vinter zu retten. Berittene Polizei hatte eingegriffen und schlug mit Peitschen, um die Menge auseinanderzutreiben.

Weiter ging es noch, als eine Masse von Leuten die Wohnung eines Direktors der Firma Schrader stürmte, den aber nicht antraf, aber dafür in der Nachbarwohnung auf drei Frauen stieß, die mit ihm verwandt oder bekannt waren; zwei Frauen wurden in einen Kanal geworfen, wo sie ertranken; eine ältere Frau erlag den Verletzungen, die sie durch die Schläge erlitten hatte. Deren Wohnung wurde angezündet. Als die Feuerwehr eintraf, wurde sie an den Löscharbeiten behindert und die Polizei wurde ebenfalls zurückgeschlagen, als sie die Leichname bergen wollte.

Am Abend fand eine Debatte zur weiteren Polizeistrategie zwischen den höchsten Verwaltungs- und Polizeibeamten im Haus von Jussupow statt. Außer dem Militärkommandeur Jussupow nahmen der Stadtgouverneur Adrianov, der Vizegouverneur Ustinov und Prokurator Twerskij an der Diskussion teil. Sie stellten eine patriotische Stimmung bei den Unruhen fest, die man im Griff behalten könne. Wichtig sei es, den Patriotismus zu stärken und die Menge zu beruhigen, indem man alle Deutschen in den Fabriken entlassen und gleichzeitig die Polizei in den Arbeiter- und Industriegegenden verstärken würde. Ein Schusswaffengebrauch wurde von Adrianov abgelehnt, solange die Demonstrationen patriotisch seien.22

Am nächsten Morgen, dem 28. Mai versammelten sich die Massen im Industrieviertel auf der anderen Seite der Moskwa gegenüber dem Kreml. Arbeiter_innen aus einigen Fabriken kamen dazu und bildeten einen Demonstrationszug, der sich über die Brücke in Richtung auf den Roten Platz bewegte. Wieder trugen sie russische Fahnen und Bilder des Zaren mit, sangen die Nationalhymne und verwüsteten sämtliche deutsch klingenden Firmen und Häuser, die am Wege lagen. Arbeiter_innen, Soldatenfrauen, Jugendliche aus ganz Moskau strömten auf den Roten Platz. (1917 waren 43 Prozent der Arbeiter_innenschaft weiblich.) Um zwei Uhr mittags hatte sich der gesamte Rote Platz gefüllt und nun begann der wirkliche Tumult.

Die ersten Läden, die dran glauben mussten, waren dieselben, die schon im Oktober 1914 bei Kriegsausbruch die Ziele der Wut auf den „Feind“ waren, ein Süßigkeitsladen „Einem“ und der Tsindel-Einzelhandelsmarkt. Binnen einer Stunde, die man historisch nennen könnte, schlug der antideutsche Pogrom jedoch in einen Aufstand gegen die Macht in Form einer breiten Lebensmittelrevolte um. Nun wurden nicht nur deutsche, sondern zunächst alle Läden mit ausländischen Namen angegriffen. Zuerst fragte man noch nach Papieren, und wenn der Eigentümer russisch war, wurde er in Ruhe gelassen. Dann aber explodierte innerhalb der besagten ersten Stunde zwischen zwei und drei Uhr das soziale Geschehen – und an diesem Nachtmittag ging die gesamte Innenstadt im Aufstand gegen die Preise und die Spekulation unter.23 Alle Läden wurden geplündert, auch die russischen. Die Revolte griff auf die anderen Stadtteile über und schließlich gegen 7 Uhr am Abend wurde der Ausnahmezustand verhängt. Läden und bessere Wohnungen wurden stadtweit geplündert, dann in Brand gesetzt. Schnell wurde ein improvisierter Markt auf dem Roten Platz eingerichtet, wo man Fabergé-Eier (teure Schmuckstücke in Form von Ostereiern) und goldene Armband Uhren für 5 Rubel erstehen konnte. Karren und Wagen mit geplündertem Gut bewegten sich durch die Stadt. Die geplünderten Waren tauchten am nächsten Tag in den umliegenden Dörfern auf, sogar in entfernteren Gegenden wie Riazan und Tula.

Abends um 11 Uhr verlangten Vertreter der Stadtduma eine Erklärung von Adrianov und Jussupow, warum die Polizei nicht früher eingeschritten sei. Mit unterschiedlichen Erklärungen, er sei noch nicht so lange im Amt, oder die Polizei sei zu schwach und die Soldaten in der Garnison seien zu unzuverlässig, versuchten sie sich zu rechtfertigen. Der verantwortliche Offizier Oboleschew wies solche Schutzbehauptungen zurück. Er habe einfach keinen Einsatzbefehl von den zuständigen Politikern bekommen. Als Meldungen eintrafen, es seien an dreißig Stadtteilen von Moskau unkontrollierbare Feuer ausgebrochen, wurde der Einsatz von Schusswaffen bei Polizei und Militär angeordnet. Es dauerte noch einige Zeit mit der Umsetzung, während in der ganzen Nacht weiter geplündert wurde. An nächsten Morgen wurde an drei Stellen in die Menge geschossen. Bald kehrte Ruhe in der Stadt ein, aber dort, wo keine Soldaten auftauchten, ging die Revolte weiter bis zum Abend. An den nächsten Tagen dehnte sich das Geschehen noch auf das Umland von Moskau aus, wo es bis zum 5. Juni bei Datschen und Landsitzen weitere Aktionen gab.

Beim Aufstand kamen offiziell acht Zivilpersonen als Opfer der Revolte ums Leben; weiter wurden mindestens sieben Soldaten getötet; wie viele Menschen von Polizei und Militär bei der Gegenattacke getötet wurden und wie viele Verletzte und Schwerverletzte es bei den Aufständischen gab, bleibt unklar.

Sicher gab es bei früheren Pogromen gegen Juden schon mehr Opfer in der russischen Geschichte. Dies war aber derjenige Aufstand mit dem höchsten Sachschaden in der russischen Geschichte, schreibt Lohr. Die staatlich hochgeputschte Stimmung gegen feindliche Spione, den deutschen Feind im eigenen Land, wurde im Verlauf der Aktionen von unten her umgedreht und richtete sich nun gegen die die Propagandisten selbst, u. a. das russische Geschäftskapital und sicher viele Kleinhandelsleute. Diesen Verlauf des Aufstands wird man zweifellos dem landesweit um sich greifenden Typus der klassischen Subsistenzrevolte zum Erhalt des traditionell garantierten Existenzminimums zuordnen, den Thompson und Meyer für das 19. Jahrhundert und James Scott im Transfer auf die trikontinentalen Revolten und Bauernkriege herausgearbeitet haben.24 Die kommerziellen Verluste durch den Aufstand sollen bei über 32 Millionen Rubeln gelegen haben. Diese Stadtrevolte brachte ihren entscheidenden sozialen Inhalt, den praktischen Protest gegen die katastrophale Lebensmittelversorgung und die Verletzung des traditionellen Existenzrechts an die Oberfläche, der ab diesem Zeitpunkt in zahlreichen dezentralen Revolten artikuliert wurde und den Weg für die große Februarrevolution bahnte.

Lohr fragt danach, wie es zum Aufstand kam, wenn es denn nicht der Staat selbst war, der den anfänglichen Pogrom organisiert hatte. Er meint, die aktuelle Kriegslage habe dazu beigetragen: das Vordringen der Deutschen, die Niederlagen der russischen Armee an der Front mit vielen Opfern, die Angehörigen der revoltierenden Menschen waren. Das Vorgehen im deutschen U-Bootkrieg. Auch in England habe es zeitgleich antideutsche Ausschreitungen gegeben. Diese kriegsbedingten Deutungen mögen in Hinsicht auf das gebildete Publikum überzeugend gewesen sein:Sicherlich konnte in der Großstadt ohne Gegenpropaganda der Linken ein Teil der Massen aufgestachelt werden. Gerüchte um Privilegierungen deutscher Arbeiter und Firmen, ein Halbwissen spielten wie immer in Russland eine wesentliche Rolle bei Menschen, die die mündliche Kommunikation an die erste Stelle setzten. Aber ebenso stark ist das für alle überzeugende Recht auf die Nahrungsmittelsicherheit, das absolute inhaltliche Zentrum: es waren die Privilegierten, die dies Recht gebrochen hatten. Der Elite ging es darum den Krieg zu gewinnen, der Bevölkerung darum, ihr soziales und physisches Überleben zu sichern. In den zahlreichen Revolten vertieften sich die antagonistischen Erfahrungen gegenüber den besitzenden Schichten. Damit markiert der Moskauer Aufstand das Scheitern der „Mobilisierungs-Aufstände“, jener Inszenierungen, die den lokalen Patriotismus und die volkstümliche moralische Ökonomie gegen die Geschäftswelt zu ethnifizieren versuchten. Das waren jene Versuche eines frühen Faschismus, die von Staatsseite her den sozialen Protest mit moderner Projektion auf ausgesuchte innere Feinde kombinierten, um mittels Sündenböcken den sozialen Konflikt zu entschärfen.

1Rodney Bohac (1991): Everyday Forms of Resistance: Serf Oppostion to Gentry Exactions, 1800 – 1861, in: Esther Kingston-Mann and Timothy Mixter (Ed.). With the Assistance of Jeffrey Burds (1991): Peasant economy, Culture, and Politics of European Russia, 1800-1921. Princeton, NJ: Princeton Univ. Press, 236-260.

2Barbara Alpern Engel, Not by Bread Alone: Subsistence Riots in Russia during World War I, in: Journal of Modern History, 69, No. 4 (December 1997), 696-721. Internet: http://libcom.org/history/subsistence-riots-russia-during-world-war-i-barbara-engel (03.02.15). Mark Baker (2001): Rampaging Soldatki, Cowering Police, Bazaar Riots and Moral Economy: the Social Impact of the Great War in Kharkiv Province, in: Canadian-American Slavic Studies, 35 (2001), Nos. 2-3, 137-155 (http://dx.doi.org/10.1163/221023901X00334 ). Eric Lohr (2003): Patriotic Violence and the State: The Moscow Riots of May 1915, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 4, Number 3, Summer 2003, 607-626.

3Die Familie Morosow gehörte zu den Großkapitalisten der Textilindustrie. Sie waren Kunstliebhaber und Mäzene. Iwan Morosow und Sergei Schtschukin werden meist zusammen genannt. Sie sammelten Kunstwerke der damaligen Avantgarde, die heute zu den attraktivsten Stücken der Eremitage in Petersburg und des Puschkin-Museums in Moskau gehören.

4Alpern Engel, 698.

5Alpern Engel, 703.

6Alpern Engel, 704.

7Vgl. Edward P. Thompson (1980): Die „moralische Ökonomie“ der englischen Unterschichten im 18. Jahrhundert, in: Edward P. Thompson (1980): Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Ausgewählt und eingeleitet von Dieter Groh, Frankfurt/M. usw.: Ullstein. 67- 130, hier z.B. 83, 85, 118, 121. Die Diskussion zur Moralischen Ökonomie wurde in Deutschland 1978 von Ahlrich Meyer in der Zeitschrift AUTONOMIE [alte Folge] Nr. 12 (9/1978) unter der Überschrift „Moralische Ökonomie“ eröffnet, und dann von ihm fortgesetzt: Ahlrich Meyer, Massenarmut und Existenzrecht. Geschichte der sozialen Bewegungen 1789/1848, in: AUTONOMIE. Neue Folge Nr. 14, 3. Auflage 1988, 15-145. Internet: http://www.materialien.org/texte/history/Massenarmut.pdf (22.02.2015) Vgl. die Diskussion in der Internationalen Sozialgeschichte beginnend mit: James C. Scott (1976): The Moral Economy of the Peasant. Rebellion and Subsistence in South East Asia, New Haven and London: Yale University Press.

8Alpern Engel, S. 707.

9Alpern Engel, 707.

10Mark Baker (2001): Rampaging Soldatki, Cowering Police, Bazaar Riots and Moral Economy: the Social Impact of the Great War in Kharkiv Province, in: Canadian-American Slavic Studies, 35 (2001), Nos. 2-3, 137-155.(http://dx.doi.org/10.1163/221023901X00334 )

11Alpern Engel, 708.

12Baker, 138.

13Alpern Engel, 709.

14Alpern Engel, 710, 711. Sie bringt auch Literaturhinweise zu Deutschland, wo es etwas anders ablief..

15Alpern Engel, 712.

16Baker, 151 f.

17Baker, 152.

18Baker, 153.

19Die nachfolgenden Ereignisse entnehme und übersetze ich aus: Eric Lohr (2003): Patriotic Violence and the State: The Moscow Riots of May 1915, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History No. 4, Jg.3: 607–26, Summer 2003. Die Details besser in: Ders. (2003): Nationalizing the Russian Empire. The Campaign against Enemy Aliens during World War I. Cambridge, Mass. [u.a.]: Harvard University Press. Buchtext im Netz: http://august-1914.over.ru/lohr.pdf (16.02.2015)

20Freie Übersetzung des Berichts bei Lohr, Nationalizing, 31 ff.

21Von der Kampagne gegen feindliche Ausländer handelt das Buch von Lohr, Nationalizing, das den Gesamtzusammenhang herstellt: die Bedeutung einer neuen nationalen „Einheit“ analog zum „totalen Krieg“ eines Ludendorff in Deutschland. Zur Bedeutung der Kampagne für das einheimische russische Kapital, siehe Lohr, 27 ff. Im vorliegenden Text geht es nicht um das „Making“ von Herrschaftsseite aus, sondern die soziale Konstituierung von unten. Zu den ethnischen Säuberungen und zu den Kampagnen gegen ausländische Spione, mit denen die Deportationen legitimiert wurden, siehe Lohr, 121 ff.

22Lohr, Nationalizing, 34.

23Ebenda, 34.

24Trotz einigem Diskussionsbedarf zur Einschätzung in der Einleitung war die Übertragung der Moralischen Ökonomie Thompsons wie bei James Scott der Ausgangspunkt dieses Heftes: AUTONOMIE. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft. Neue Folge, Nr. 1 (1979): Der Iran. Tübingen, Bremen: verlag bernd polke,