5. Flucht und Vertreibung der jüdischen und deutschen Bevölkerung

Dieses Kapitel ist dazu gedacht, noch einmal das Thema von Flucht und Vertreibung aus den Kriegsgebieten durch die russische Armee anzusprechen. Zum militärischen und sozialen Kriegsgebiet entwickelten sich Gegenden in Ostpolen und Weißrussland, die einen hohen jüdischen und auch deutschen Bevölkerungsanteil hatten. Dort war nicht nur die ethnische Herkunft, sondern schon länger die sog. Überbevölkerung als sozialer Sprengstoff klassifiziert worden, den es zu entschärfen gälte. Millionen Menschen wurden in Frontnähe als „gefährlich“ eingestuft, weil sie jiddisch sprachen, was dem Deutschen verwandt ist. Aber die Probleme lagen strukturell viel tiefer in der schmalen Existenzbasis der meisten Menschen. Das machte sie neben ihrer angenommenen religiösen Unzuverlässigkeit auch aus sozialen und nationalen Gründen zur Zielscheibe rassistischer Projektionen und einer neuen Gewaltpolitik der Vertreibung.

Dies umfangreiche Thema und seine Interpretation gehören zwar nicht in direkt in das Thema Revolution, aber vielleicht doch: Wie sehr haben die Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen überall in Russland zur Umwälzung der sozialen Verhältnisse beitragen oder sie sogar maßgeblich geprägt? Dazu habe ich keine Forschungsergebenisse gefunden, wohl aber über ihre Anwesenheit als Arbeitskräfte in den Dörfern und als Thema in den Dorfversammlungen, als es um ihre Befreiung aus der Arbeitspflicht und aus den Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen nach der Revolution ging.

Die Inhalte habe ich nicht aufgearbeitet. Das liegt hauptsächlich am noch frühen Stand der Forschung für die Kriegszeit, was die Migrationen betrifft. Bei Peter Gatrell, Nick Baron und Eric Lohr finden wir schon eine Menge über den Widerspruch zwischen der überkommenen imperialen Art des Vielvölkerregimes und einer neuen russisch-nationalistischen Orientierung von Teilen des Offizierskorps, der jungen Elite an der Front und in Heimatzirkeln, derem militaristisch-nationalistischem Denken das antideutsche Pogrom entsprang, das wir eben dargestellt hatten. In der Peripherie, an der Front, ordnete die russische Generalität ethnische Säuberungen an, die dem Nationalismus in der Hauptstadt entsprachen. Nicht ganz klar ist, inwieweit die Vertreibungen an der Front als präventive Aufstandsbekämpfung verstanden werden müssen, nicht nur Ausdruck von Nationalismus oder von Angst vor Unterwanderung durch angebliche Spione sind. Weiterhin sind die Deportationen noch nicht darufhin untersucht, inwieweit sie in die längerfristigen Kontinuitäten der Bevölkerungsplanung unter der Stalin-Führung einzuordnen sind, also als frühe Formen gewaltförmiger Neuordnung.

Hier die wesentlichen Titel, die wir zum Einstieg in das Thema gefunden haben:

Peter Gatrell (1999): A whole Empire walking. Refugees during World War I, Bloomington and Indianapolis (Paperback 2005).

Eric Lohr (2001): The Russian Army and the Jews: Mass Deportation, Hostages, and Violence during World War I, in: Russian Review, Vol. 60, No. 3 (Jul., 2001), 404-419.

Nick Baron; Peter Gatrell (2003): Population Displacement, State-Building, and Social Identity in the Lands of the Former Russian Empire, 1917-23, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 4, Number 1, Winter 2003 (New Series), pp. 51-100.

Nick Baron; Peter Gatrell, eds. (2004): Homelands: War, Population and Statehood in Eastern Europe and Russia, 1918-1924, London: Anthem Press.

Peter Gatrell (2005): Prisoners of War on the Eastern Front during World War I,, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 6, Number 3, Summer 2005 (New Series), pp. 557-566.

An der Front wurden hunderttausende, gar Millionen von verdächtigen Personen, vor allem die jüdische Bevölkerung mit ihrem deutsch klingenden Jiddisch deportiert und vertrieben.1 Wir vermuten, dass diese Deportationen auch dazu dienten, einer Gefahr der Solidarisierung zwischen Soldaten und Bevölkerung für einen gemeinsamen Aufstand vorzubeugen, wie es das obige Kapitel zur Desertion nahelegt. Wenn es so wäre, dann ist hier der Übergang zu den Katastrophen im 20. Jahrhundert zu den Bloodlands weiterführend interessant. Der Zusammenhang zwischen Deportation von Bevölkerungsgruppen im Frontgebiet, deren Behandlung, die pogromartigen Ausschreitungen, die vom militärischem Oberkommando ausgingen, und der Mobilisierung in der Hauptstadt, der inneren Mobilisierung gegen den äußeren Feind, wird sichtbar. Da ist einerseits die junge Generation der Eliten aktiv, aber verbunden mit einer Sozialtechnik rassistischer Gewalt, die modern und Teil neuer Sozialstrategien ist, nicht mehr eine der alten lokalen Aufstachelung. Möglicherweise wird eine Kontinuität personell zu späteren bolschewistischer Staatsverbrechen herzustellen sein, parallel zur Kontinuität, die von deutschen Tätern in Belgien an der Westfront zur nazistischen Zeit nachweisbar ist.

Jedoch sind solche Betrachtungen hier nicht das Thema, da es in diesem Text wesentlich um die sozialen Bewegungen geht, nicht so sehr um Beschreibungen der staatlichen Seite.2

Die Anwesenheit von Flüchtlingen und Umgesetzten oder Deportierten überall im Lande ist im Verlauf der sozialen Revolution an diversen Orten von Bedeutung. Auf dem Lande wurden Geflüchtete und Vertriebene auf den Dörfern aufgenommen und als Ersatz für fehlende Arbeitskräfte beschäftigt. Sie waren Teilnehmerinnen des antipatriarchalen Umbruchs.

In der Fabriken Petersburg machten Migranten_innen Anfang 1917 mindestens 10 Prozent der Arbeiter_innenbevölkerung aus. Wade spricht allerdings hauptsächlich von Arbeitern, die aus den baltischen Ländern stammten.

1Eric Lohr (2001): The Russian Army and the Jews: Mass Deportation, Hostages, and Violence during World War I, in: Russian Review, Vol. 60, No. 3 (Jul., 2001), 404-419.

2Zur Einführung in die aktuelle Diskussion vgl.: Anika Walke (2017). Introduction, in: Anika Walke; Jan Musekamp; Nicole Svobodny (Ed.) (2017): Migration and Mobility in the Modern Age. Refugees, Travelers, and Traffickers in Europe and Eurasia, Bloomington & Indianapolis: Indiana University Press, 1-31.