9. Oktoberrevolution und Wende 1917/18

Bis zum Dezember 1917 hatten sich die revolutionären Bewegungen auf drei verschiedenen Gebieten durchgesetzt, sichtbar an den Dekreten zum Frieden (26.10.17), zum Land (26.10.17) und zur Arbeiterkontrolle (14.11.17) und – nicht zu vergessen – der erneuten Abschaffung der Todesstrafe.1 Die Oktoberrevolution entsprach einer schon länger bestehenden Herausforderung, den politischen Stillstand zu beenden und der gewachsenen sozialrevolutionären Gegenmacht eine neue politische Form zu geben; für die Bolschewiki ging es darum, die historische Gelegenheit zu einem grundsätzlichen Politikwechsel zu nutzen, um die Hauptforderungen der Bewegungen nun mit der Staatsmacht durchzusetzen.

Mit der durchgeplanten Aktion für den Machtwechsel konnte man sich auf eine Aktion von ArbeiterInnen und Soldaten berufen, die dem ohnehin anstehenden Regierungswechsel per Sowjet-Abstimmung zuvorkommen sollte, und genau auf diesen abgestimmt war.2 Die Bolschewiki hatten in Petrograd kurz zuvor durch Nachwahlen eine Mehrheit im Stadtsowjet erhalten. Ohne die hochmotivierte Beteiligung der Roten Garden wäre die Nachtaktion auf den 25.10. allerdings schlecht ausgegangen, weil es kein militärisches Kommando gab, das sie genau kommandiert hätte. Die Sicherungsaktionen an den Brücken über die Newa und an strategischen Punkten hatten die Roten Garden informell unter sich ausgemacht, also per Absprache von Verbindungsleuten. Sie hatten sie schnell aus der Situation heraus flexibel organisiert. Obwohl die Kerenskij- Regierung vorher ziemlich sicher wusste, was kommen würde, war sie nicht mehr zu stärkerer Ansammlung von Gegenkräften in der Lage.3 Taktisch war sie schon durch die Sowjetbeschlüsse über die neuen Befugnisse des Militär-Revolutionären-Komitees matt gesetzt, weil sie damit die Befehlsgewalt für die Petrograder Kasernen verloren hatte, zumindest eingeschränkt worden war. Die freiwilligen umfassenden Arbeitermilizen-Sicherungsmaßnahmen sorgten für einen weitgehend unblutigen und unspektakulären Verlauf, der auch etwas über die soziale Verankerung und die Vorgeschichte des Umsturzes aussagt.4 Hinter den Milizen standen einige hunderttausend Fabrikarbeiter*innen und Soldaten, die inzwischen schon alle Hände mit den Ernährungsproblemen zu tun hatten.

Mit der Beteiligung der Fabrikmilitanten und durch die sorgfältige Einbeziehung der Kasernen hatte die Aktion eine Basis, die von „Revolution“ zu sprechen erlaubt, als die sie ohnehin jahrzehntelang verstanden und propagiert worden ist. Der Gesamtprozess seit Februar ist jedoch entscheidend: das war der Prozess einer übergreifenden Sozialrevolution, der sämtliche Strukturen von Staat und Kapital und alten Eliten lahmgelegt hatte und dabei war, sich die Produktionsmittel in Stadt und Land für eine Neugestaltung anzueignen. Wir sprechen hier nicht von „Verstaatlichung“ wohlgemerkt. Der Oktober für sich allein genommen war eine politische Aktion, die aus der sozialrevolutionären Entwicklung als solche zu rechtfertigen gewesen wäre, wenn sich alle Kräfte über das Ziel wirklicher Sowjetdemokratie einig gewesen wären. Leider hatten die Verantwortlichen ein ganz anderes Programm im Sinn. Aus ihrem Horizont heraus stellten sie sich proletarische Staatsmacht nicht nur als „sozialen Staat“ (=Sozialismus) vor, sondern als neuen Staat, den sie herrschaftsförmig für eine sehr eigene Konzeption anzueignen gedachten.

Die neue Führung unter Lenin machte sich umgehend daran, gegen die verschiedenen konkurrierenden Akteure, wie z.B. auch die eigene Basis in der Fabriken, mit politischen Spaltungen und repressiven Mitteln vorzugehen. Der neuen Staatsspitze ging es darum, die Autonomie der Aktionen zum Stillstand zu bringen, und überhaupt zu neuen Konventionen über Disziplin, Arbeitsproduktivität, Verteilungsfragen, Außenpolitik usw. zu kommen. Das konnte nach dem Oktober nur aus dem Inneren der Bewegungen heraus vorangetrieben werden. Unter den Bedingungen von Diktatur konnten herrschaftstechnische Spaltungen und Manipulationen bzw. Verhinderung von demokratischen Prozessen eingesetzt werden, die nicht dem äußeren Kriegsdruck allein zuzuschreiben sind.

Alle relevanten radikalen Kräfte hatten sich unter Trotzkis Anleitung verabredet, die Bolschewiki als politischen Akteur nicht als Putschisten dastehen zu lassen und die Abstimmungsprozedur auf der obere Bühne der Politik zu umgehen. Es musste so aussehen, dass das Militär-Revolutionäre-Komitee als Organ des Sowjets sich gegen mögliche Einsatzbefehle der Provisorischen Regierung zu Wehr setzen, und keine Gegenmobilisierung die Armee vorher spalten konnte. Dieser Ernstfall war auf jeden Fall zu befürchten bzw. war schon im vollen Gang.5 Politisch und sicherheitstechnisch war die Oktober-Aktion heikel, und es war insgesamt fraglich, wie die Lähmung im herrschenden Apparat und der geopolitische Dissens ohne großes Blutvergießen zu beenden war. Das war also weniger fraglich wegen der Lenin‘schen Machtallüren, sondern wegen des inhaltlichen Grundkonflikts der schnellstmöglichen Kriegsbeendigung und der weltpolitischen Positionierung, deren Akteur Russland hier „nebenbei“ neu aufgestellt wurde. Dazu hatte ich oben begründet, warum die Provisorische Regierung bei Strafe des Untergangs nicht aus dem Bündnis mit den Alliierten aussteigen konnte.

Eine Abstimmung am folgenden Tag auf dem Sowjet abzuwarten, hätte die Konfrontation zwischen der „Massenfraktion“, die Lenin hier mehrschichtig und doppelbödig vertrat, und den rechten Institutionalisten*innen (also alle Parteien einschließlich des gemäßigten Bolschewiki-Flügels) in eine chaotische Streitsituation hineingebracht, die im Ergebnis eine weitere Vertiefung des revolutionären Prozesses, einen vorgezogenen Bürgerkrieg und wahrscheinlich eine Ausweitung hin zum Partisanen-/Massenkrieg im Rahmen eines realen revolutionären Kriegs gegen Deutschland mit sich gebracht hätte.

Der Grund für den Verlauf im Oktober liegt u.E. wahrscheinlich nicht allein im Lenin‘schen Machtanspruch, sondern tiefer in der Logik, die Autonomie der antagonistischen Massenprozesse von innen her unterbrechen zu müssen, wenn der russische Staat wieder handlungsfähig werden sollte. Mag sein, dass die deutsche Armee ohne den Oktober-Umsturz versucht hätte, einen vollen militärischen Sieg einzufahren und ein Massaker an den ArbeiterInnen zu organisieren. Das wäre mit vielen Unwägbarkeiten verbunden, militärisch kaum sinnvoll und wahrscheinlich ebenso wenig erfolgreich gewesen, wie der gerade zuvor gescheiterte Kerenskij-Kornilow-Putsch. Dieses Szenario zu vermeiden, dafür stand das Lenin‘sche Drängen auf den Coup, die Oktoberrevolution. Sie wird sich im Nachhinein als eine Eindämmungsoperation entpuppen, mit Teilzugeständnissen und Reformen aller Art, mit einer zielgerichteten Wende zum wirtschaftsstrategisch ausgerichteten Neuaufbau des längst handlungsunfähigen und überholten alten Staatsapparates; sie war zugleich orientiert an den Prämissen modernster kapitalistischer Technologien und sozialtechnokratischer Verfahren à la russe.6 Ohne den Coup als Wende verstanden wäre es für den Gesamtimperialismus in Ost und West sehr viel teurer geworden, eine viel größere Katastrophe als das ordnungs- und machtbewusste Sozialdemokraten-Regime unter Lenin. Wenn man sich die Herkunft und die Essenz der wirtschaftspolitischen Strategien und die Versuche zielstrebiger – allerdings äußerst bürokratischer Umsetzung – anschaut, bilden sie die Wahrheitskriterien, galt trotzdem damals schon die Konvergenz in der Aufstandsbekämpfung und in dem Umsetzung der technologischen Zukunftsanforderungen.

Zur technologischen Zukunft könnten die Hauptquellen unserer Beurteilung kurz genannt werden. Schon in den siebziger Jahren wurde der zweite Band von Carr breit in der Linken rezipiert, in dem er über die Übernahme der deutschen kriegsökonomischen Strategien von Rathenau/Hindenburg/Ludendorf als Vorlage für den Kriegskommunismus schreibt. Und seit Anfang der 70er wurde sehr ertragreich in Deutschland dazu geforscht. Besonders interessant sind die Details bei Heiko Haumann, der die Belegstellen für die Übernahme der deutschen Vorlagen im Rahmen der kriegskommunistischen Debatte lieferte.7 Auch die frühe Forschung von Angelika Ebbinghaus zu „Taylor in Russland“ übte damals in der radikalen Linken eine große, will sagen: orientierende Funktion aus.8 Die Forschungen legten frei, wie hinter dem marxistischen Verbalradikalismus eine ganz anderen neue Ordnung, staatskapitalistische Modernität, aber auch veralteter Bürokratismus in den Behörden und deren traditionelle Gewaltsamkeit und Umständlichkeit aus der Zarenzeit durchgesetzt wurden.

Der relativ reibungslose Ablauf des Coups führte zu unberechtigt hämischen Kommentaren bei Historikern, die Opern seien weiterhin besucht worden und die große sozialistische Oktoberrevolution sei ja gar nichts besonders Spektakuläres gewesen,- das stimmt: spektakulär war die zurückliegende Massenaktion gegen den rechten Putschversuch des Duos Kerenskij/ Kornilow im August gewesen, der Oktober war eigentlich nur der politisch-soziale Nachvollzug einer schon zuvor geschaffenen Lähmung des Staatsapparates und der entstandenen Erwartungshaltung.9 Das Szenario bedurfte dennoch überwältigender kollektiver Anstrengung in der Planung. Jedenfalls war die militante Basis in den Fabriken als Grundbasis einbezogen, immerhin war es im Wesentlichen eine Nachtaktion, und so konnten den Rechten in der Regierung gleich die Gewaltmittel aufgezeigt werden, auf die man sich ggf. zu stützen gedachte.

Nach dieser absoluten Zuspitzung im revolutionären Prozess trennten sich aber schon die Wege zwischen verschiedenen Revolutionsverständnissen: Mit dem Übergang von „revolutionärem Prozess“ in „staatliche Politik“ war die mehrmonatige Parallelität von Bewegung und Politik beendet. Es war nicht nur ein anderes Terrain betreten worden, sondern gleichzeitig die strategische und auch tragische Alternative für die Staatsakteure gegeben, sich zwischen dem Beginn eines schwierigen staatlichen Einfangmanövers gegen die Bewegungen oder umgekehrt für deren Ausweitung in eine neue weltweite solidarische Gesellschaftlichkeit zu entscheiden, wozu die kämpferischen Anknüpfungspunkte in allen Kontinenten zeitgleich vorlagen. Zwischen den Alternativen wählen zu müssen, vollzog sich in ein paar Monaten in einer spezifischen Kriegs- und sozialen Katastrophensituation zwischen überlegenen Großmächten.

Mit den eiligst verkündeten Dekreten vom 26.10. und vom November wurden Kampfinhalte, die schon vorher halbwegs durchgesetzt und Realität waren, in Textform gebracht und zum Gesetz gemacht. Sicher war es geschickt von den Bolschewiki, einen scheinbaren Strategiewechsel vorzutäuschen, sich für eine kleine Phase mit den programmatischen Federn der linken Sozialrevolutionäre zu schmücken und so Soldaten, Bauernarbeiter*innen und Bauern mit den neuen Hauptverordnungen auf die Seite der neuen Regierung zu bringen.10 Das bedarf keiner besonderen Beweisführung. Zur Erinnerung: die Millionen Bäuerinnen und Bauern hatten schon nach der Februar/ März-Revolution begonnen, das Agrarland zunächst in der Form „stillen Vordringens“ („quiet encroachment“ heißt dies Vorgehen heute bei Asef Bayat in anderen Kontexten 11) zu übernehmen und über die Institution „Dorfversammlung“ die Selbstermächtigung zur Gestaltung der sozialen Beziehungen auf dem Lande zu reklamieren. Dabei wurden in den Kämpfen die revolutionär modernisierten Wertmaßstäbe für einen gerechten Stadt-Land-Tausch, für den gleichberechtigten Handel, verbreitet.12 Das alles geschah auf egalitärer Grundlage, ohne eine Reichtumsakkumulation weniger Reicher zu konzipieren, sondern umgekehrt, mit dem Ziel, Arbeit und Erträge mit revolutionärer Gerechtigkeit auf alle zu verteilen, gestützt auf individuellen und kleinteiligen Tausch: aus staatskapitalistisch-kommunistischer Sicht war das kleinbürgerliches Denken. Wie schon mehrfach betont, knüpften diese Entwicklungen an ein jahrhundertealtes Gemeinrecht an; die russische Seele vergesellschaftete sich selbst zur zukünftigen Gesellschaft, wogegen sich die Gestalter des „neuen Menschen“ mit roter Sozialtechnik von oben abmühen würden.13 Konzeptionell sollten später Vordenker wie Alexander Vasilievich

Chayanov und Nikolai Dmitriyevich Kondratiev im Landwirtschaftsministerium 1924/25 noch einmal Gelegenheit bekommen, die Visionen in Planungen für eine Transformation zur Industriegesellschaft einzubeziehen; dabei bezogen sie die bäuerlichen Interessen und Verständnisse anscheinend ein. Der Plan wurde 1925 vorgelegt, auch von anderen Instanzen zur Grundlage genommen, aber in sein Gegenteil verkehrt, was die Gewichte, das Tempo und die Prioritäten betraf.14 Das geschah in den 20er Jahren, nachdem das Regime mit seinem staatlichen Getreidemonopol und der räuberischen Requisitionspolitik am Massenwiderstand im Alltag wie auch an Aufständen gescheitert war. Der riesige Massenaufstand von Tambow (Antonowtschina) und die Aufstände im Uralgebiet sind anders als die in Kronstadt und in der Ukraine in der Linken wenig bekannt.15

Wie steht es um die zentrale Frage, wann und wie das „erste Jahr“ (Rabinowitch) zu beurteilen ist? Wie hat sich schon ab Ende 1917/Anfang 1918 in Keimform ein neuer Antagonismus zwischen revolutionärer Klasse und Regime herausgebildet, dessen Zuspitzung später grundlegend für den Terror unter Stalin wurde? Wie hat sich die Partei zur staatskapitalistischen Diktatur, zur neuen Staatsbourgeoisie kristallisiert? Wie haben sich die revolutionären Bewegungen in Fabriken, Städten, auf dem Land und im Militär weiterentwickelt? Haben sie sich aufgelöst, sind sie zerschlagen worden, sind Sowjets und Basisbewegungen einfach entmachtet worden durch die Partei?

Wir gehen von der These aus, dass die revolutionären Bewegungen die Neuordnung sämtlicher Klassenbeziehungen erzwangen; die neue Gesellschaft samt neuer herrschender Staatsklasse ist natürlich auch ein Ergebnis der revolutionären Kämpfe; sie stellt eine spezifische Mischung eigener Art dar:

  • die Praxis von Umverteilung und sozialer Gleichheit, die aus der Bauerngesellschaft kam und mit den sozialistische Theorien vom Marx zusammen eine Art von neuer sozialistisch-kommunistischer Grundauffassung und Legitimation aller staatlichen Politik darstellte;
  • den forcierte Fortschrittsimport aus dem Westen, der doppelbödig war, weil er als Angriffsraum gegen die Traditionen der autonomen Reproduktion in der Subsistenz und als Sozialtechnik der technologischen Unterwerfung fungierte; mit dem von oben planmäßig organisierten Angriff auf die alte Reproduktionsstrukturen und Sicherheiten verwoben waren alle sozialistischen Aufstiegs- und Entwicklungskonzepte, die in modifizierter Form mit den westlichen Aufstiegs- und Konsummodellen konform gingen; zu dieser Fortschrittsseite kann wird man alle Techniken staatlicher Gesellschaftsplanung zählen;
  • die sofort im Bürgerkrieg wieder aufgenommenen zaristischen Disziplinartechniken der Todesstrafe, der politischen Zensur, der Geheimdienstausforschung, der Körperstrafen durch Deportationen in sibirische Lager; von Ernährungshierarchien (wer nicht arbeitet,soll auch nicht essen), der Gefängnisse und der Vernichtung politischer Opposition;
  • eine beständige Kriegswirtschaft und Militarisierung mit der entsprechenden Ressourcenverteilung wegen des geopolitischen Einkreisungsdrucks durch westliche Kapitalherrschaft.

Die Bolschewiki standen zwischen westlichem Imperialismus und den sozialen (weltrevolutionären) Gegenbewegungen, mit deren sehr unterschiedlichen und gegensätzlichen Interessenlagen. Dennoch wird man den Parlamentarismus wohl kaum als sinnvolle Vertretung für die revolutionierte Bauerngesellschaft sehen; es stellte sich ganz real die Frage nach einem anderen als dem bolschewistischen Antikapitalismus. Im Prozess des Bürgerkriegs kristallisierten sich die Formen des sozialistischen Entwicklungsregimes wie auch die seiner neuen sozialen Gegenspieler von unten heraus. Ein Verständnis über die inneren „Klassenkampf“ im ersten sozialistischen Staat ist dadurch erschwert, dass die Dokumente über den sozialen Widerstand gegen die Bolschewiki jahrzehntelang zensiert und unter Verschluss gehalten wurden und erst neues Wissen allmählich neue Einsichten ermöglicht. Besonders für die Anfangsphase ist eine Deutung nicht leicht, weil der Zeitfaktor eine große Rolle spielte: Die beschleunigte Dynamik von sozialen Aneignungsaktionen Ende 1917 und fast im gleichen Zug die anlaufenden Maßnahmen zur Eindämmung einen Monat später, und dann die im Hunger- und im Kriegskontext ungeheuer beschleunigte Massenmigration aus den alten Bewegungskontexten in den Städten und der Armee. Es ging alles ungemein schnell, weil die Bolschewiki-Spitze innerhalb von 8 bis 9 Monaten die Weichen im Zwei-Monats-Takt umstellte von Unterstützung von Aktionen auf Integration, Umpolung und Spaltung bis zum Bürgerkrieg – und das von November bis Ende Januar, bis zum Frieden von Brest-Litowsk (3.3.18) und dann bis zu den Juli-Kämpfen. Wegen des Tempos der Umpolung unter der Regie der gleichen Führung ist es so schwer zu glauben, dass sich unter Lenins Anleitung sehr schnell die Gegenrevolution formierte, dass sich die Eindämmungspolitik halbwegs zum Staatsterrorismus radikalisierte und damit das wahre Gesicht des neuen Regimes zeigte.

Was war das für ein Sozialismus oder zunächst Kriegskommunismus zwischen 1917/18 und 1921? Die Eckdaten können in allen Geschichtsbüchern leicht gefunden werden kann, also Tscheka-Gründung, Ein-Parteien-Regime, das „Auseinanderjagen“ der Verfassungsgebenden Versammlung, Raubfrieden und die Niederschlagung des Kronstadt-Aufstands. Uns interessieren besonders der Gegenpol zur staatlichen Politik, also die Fortsetzung von sozialen Kämpfen, und die Migration in ihrer Breite und Kontinuität. Aus ihnen kann spiegelbildlich das Herrschaftsproblem oder die „Not“ des Regimes abgelesen werden, das hier seine Grunderfahrung mit der Klasse machte. Wir beurteilen die Not der Bolschewiki-Spitze als ihr Problem, nicht als unseres als Linke, da wir uns noch nie mit den Herrschaftsproblemen einer diktatorischen Spitze identifiziert haben, sondern aus der Sicht der sozialen Ansprüche, Forderungen, Kämpfe und Utopien fragen, eben aus der Sicht einer sozialrevolutionären Massenperspektive, nicht aus der Sicht des sozialistischen/ kommunistischen „Experiments“ an der Macht.

Damit ist gleichzeitig die Frage aufgeworfen, welche Begriffe sich für beide Seiten, das Regime und die „Klasse“, aus dem empirisch nachweisbaren antagonistischen Zusammenprall ergeben. Lässt sich ein bestimmtes Klassensubjekt aus den Konfrontationen mit dem bolschewistischen Regime und dessen Unterwerfung unter Akkumulations- und Kontrollzwänge erkennen? Oder ist es in der Kontinuität der Kämpfe und der migratorischen Verschränkung diverser Kampfplätze und heterogener Inhalte auszumachen? Dass hier die Marx‘sche werttheoretische Ableitung für eine antagonistische Arbeiterklasse nicht greift, ist evident, aber was stattdessen?

Die bolschewistisch intendierte Abschaffung von Markt und Waren16 liefert keinen wirklichen Zugang zum Klassenkampf; sie führt sogar auf die theoretisch falsche Spur, da der kapitalistische Markt und seine Produktivitätszwänge auch vorher schon in Russland keinen guten Stand hatten. Russland war schon immer eine Gesellschaft, die vom Staat her alles dachte und „entwickelte“. Die Unterdrückung von Marktkräften oder der fehlende „Raum“ dafür wegen später Stadtentwicklung steht in einer alten Tradition. Das Entwicklungsproblem des Kapitalmangels bei einem neuen Verhältnis zwischen hergebrachter autonomer Selbstversorgung und neuem kapitalistischem Markt wäre „revolutionär“ gedacht erst dann ein Thema, wenn über die Option einer ausgreifenden sozialrevolutionären Perspektive diskutiert würde, also über die Perspektiven für den Fall, dass sich die Bolschewiki gegen den Frieden mit Deutschland entschieden hätten und in der revolutionären Offensive geblieben wären, statt scheinbare „Atempause“ und Gegenrevolution zu veranstalten. So lief es alles auf eine nachholende staatskapitalistische Akkumulation hinaus, die das gleiche für das Riesenland organisieren musste, wofür in westlichen Ländern die kaufmännischen Strukturen einmal ausgereicht hatten, aber ebenfalls nur in Kriegen und mit Gewalt.

Uns geht es darum, die soziale, nicht politische Gegnerschaft zum frühen leninistischen Staat zu begreifen und die vielgestaltige Existenzkämpfe und Überlebensstrategien als Klassenkämpfe einfach wahr- und ernst zu nehmen. Dabei zeigt sich, dass ein Augenmerk auf die Mobilität von Bauern, Arbeiter*innen und Soldaten zu richten, neue Verständnisse für sozialen Alltags-Kampf ermöglicht und sehr ergiebig ist, um die Breite des Widerstands zu sehen; ebenso wird deutlich, wie der Theorie-Krampf (mit „r“) abzulehnen ist, aus dem Dorf eine Oberschicht der Kulaken als Klassengegner herausschneiden zu wollen. Nicht die zahlenmäßig kleine Kulakenschicht, sondern das Dorf als Ganzes war der Klassengegner des Regimes, aber mit umgekehrter Bewertung, nämlich als dörflicher Antikapitalismus und antistaatlicher Kampf gleichermaßen. Das Dorf mit seinen revolutionär gewendeten Traditionen ist als epochaler und global wirksamer Widerstandsort zu betrachten, der Vergleichsmaßstäbe für antikoloniale Bewegungen im 20. Jahrhundert liefert.

Die Linken Sozialrevolutionäre sprachen von der „werktätigen Klasse“ womit sie die Bauern und Arbeiter*innen gleichberechtigt einbezogen, und alle, die von ihrer Hände Arbeit lebten. Sie hatten einen anderen Begriff für die Klasse, der auch andere Perspektiven der Umverteilung nach sich zog, ähnlich wie syndikalistische Gewerkschaften, aber breiter als diese angelegt.

Die Oberbegriffe „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ sind bei näherer Betrachtung schon ab 1918 für Strategien der sozialen Befreiung desavouiert, weil die staatliche Usurpation der Begriffe die Differenzierung zwischen antagonistischen Klassen bis zur Unkenntlichkeit verwischt hat und sie weitergehend heute mit Staatsverbrechen assoziiert werden.17 Was hatten die Staatsdoktrinen der KPdSU mit der Theorie von Marx zu tun? Soviel wie die Inquisition mit dem historischen Jesus, würde ich sagen (ein Vergleich mit der Kirche, der Bulgakow schon 1937 beim Schreiben von „Meister und Margarita“ inspirierte). Die Umkehrung der Begriffsbedeutungen zielen im Marxismus-Leninismus darauf, soziale Bewegung unter Kontrolle zu bringen und dann später für Herrschaftszwecke zu „verstaaten“, nicht dazu, an die Autonomie der Sozialprozesse und Kampfformen der Basis anzuknüpfen. Bei letzterer möchten wir zunächst bleiben und schauen, was sich über sie sagen lässt, als Klassenkampf von Anfang an gegen das Verstaatungs-Regime der Bolschewiki.

 

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In der wissenschaftlichen Literatur wird seit langem die Antwort auf eine andere Frage gesucht, nämlich auf die Frage nach der Schwäche demokratischer Kräfte, nach den taktischen Fehlern von Menschewiki und rechten Sozialrevolutionären. Es geht um die Frage nach Alternativen, aber nicht nach weitergehenden revolutionären Alternativen zu einem anderen als dem Einparteienregime der Bolschewiki, sondern nach einem kapitalistischen Regime, wie es rechte Sozialrevolutionäre und Menschewiki als unvermeidlich ansahen. Wie und in welcher Situation hätten letztere eine demokratische Entwicklung nach westlichen Maßstäben durchsetzen oder einen parlamentarischen Neu-Gründungsprozess Russlands retten können? Die Suche fängt unter dem Regime von Nikolaus schon an, ob es eine Zivilgesellschaft vor dem ersten Weltkrieg gegeben habe, und endet dann bei der Einschätzung von Fehlern, wie dem, dass die Vertreter der oppositionellen Organisationen im falschen Moment aus Protest aus dem Saal gelaufen sind, weil sie keine Beleidigungen anhören mochten, wie am 25. 10. bei der ersten Sitzung des II. Allrussischen Sowjetkongresses, als die Machtübernahme zur Diskussion stand; oder bei den Viksel-Gesprächen, als sie falsche Maximalbedingungen stellten (gemeinsame Regierung ja, aber nicht mit Lenin an einem Tisch); oder beim II. Allrussischen Sowjetkongress der Bauerndeputierten (Häfner, 298), bei denen es nach heutigem Verständnis auch darum hätte gehen müssen, sich inhaltlich mit der stärkeren Fraktion der Bolschewiki auf Kompromisse in einer Koalition zu einigen und die institutionellen Positionen heftiger zu verteidigen, statt „eingeschnappt“ zu sein und vergeblich zu protestieren.

Immerhin hatten die gemäßigten Kräfte seit dem Februar mehr als ein halbes Jahr Zeit gehabt, sich aus dem Bündnis mit dem internationalen Kapital zu entfernen, dann sofort Friedensverhandlungen mit Deutschland zu beginnen, und sich mit den sozialen Realitäten auf dem Lande eingehender als geschehen zu befassen. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, wird übereinstimmend meist als Hauptfehler gesehen; gemeint ist, also zu spät die Konstituante einzuberufen und damit rechtzeitig eine Stabilisierung des Regimes der Prov. Regierung hinzubekommen.18 Aber wie groß war der Handlungsspielraum wirklich? Wir setzen uns hier in diesem Text mit einer anderen Ebene auseinander, die allerdings auch Rückschlüsse auf das institutionell Mögliche liefert, nämlich mit den Reaktionen der Bevölkerung auf die Fortdauer des Kriegs, die Abwärtsspirale der unerträglichen Lebensbedingungen und der Neuerfindung der Gesellschaft in den Kämpfen der Fabrikarbeiter*innen und bei den Bauernfamilien in der Gemeinde.

Zur Frage des Spielraums für Alternativen in der Politik der republikanischen Parteien hatte ich oben betont, dass das globale Kräfteverhältnis und die Kriegsrealität mit den Bündnisverpflichtungen für sie zwingend erschien. Wenn dieser Rahmen als gegeben für die rechten Parteien vorausgesetzt wird, dann war die Autonomie der Kämpfe, die Autonomie der russischen Revolution, die entscheidende Gegenkraft gegen das globale Szenario. Sie sind Akteure auf Weltebene gewesen und darin liegt auch die weiter anhaltende befreiungstheoretische Bedeutung der russischen Revolution. Soweit es die revolutionären Sozialbewegungen von 1917 betraf, war mit dem Oktober vorerst das Maximum durchgesetzt:

  1. Die Bauernsoldaten hatten die zaristische Armee das ganze Jahr 1917 über zunächst schleichend und dann ab dem Oktober rapide aufgelöst und sich selbst ab Oktober demobilisiert; der erste richtungweisende revolutionäre Beschluss (im Kapitel oben wörtlich wiedergegeben) war die Ermächtigung in der Februarrevolution, die Aktionen der Offiziere zu kontrollieren, zu begrenzen und von der Zustimmung der Soldatenräte abhängig zu machen; schon damit war die Fortsetzung des inner-imperialistischen Kriegs real von unten gestoppt worden; das sagt aber noch nichts darüber aus, zu welcher neuen Mobilisierung zur Verteidigung der sozialen Revolution die Massen bereit waren, um die soziale Revolution zu verteidigen; die totale Sofortmobilisierung zur Abwehr des Putsches von Kornilow zeigte, was im Falle eines äußeren Angriffs gegen die vereinigten Kräfte von unten stattfinden würde, ganz außerhalb eines traditionellen Staatenkriegs; das Dekret über den Frieden vom 26.10. setzte die Massenforderungen gegen den Krieg um.19
  2. Das Land der Aristokraten und Gutsbesitzer wie auch die Flächen der aus der Dorfgemeinde (unter Stolypin) ausgezogenen Einzelwirtschaften waren in die Gemeinde eingezogen worden und wurden neu umverteilt; die Macht lag in der Hand der Bauerndörfer und ihrer Versammlungen; damit war das Überlebensrecht in einer kollektiven Grundversorgung im Prinzip durchgesetzt, und vom Lande her war der entscheidende Ausgangszustand für die gesellschaftliche Reorganisation hergestellt, von dem die Bauern seit Jahrhunderten träumten, – eine herrschaftslose „akephale“ Gesellschaft in der Tradition der frühen Slawen*innen im ersten Jahrtausend, Land und Freiheit; dem Hunger konnte in den Überschussgebieten in weiten Teilen des Landes Einhalt geboten werden; das galt jedoch nicht für die Versorgung der Soldaten und Städte.20
  3. Vom Oktober bis Dezember 1917 hatten die Fach- und Bauernarbeiter*innen über ihre Fabrikkomitees in den Großbetrieben die Macht von unten in diversen Formen der nun institutionalisierten „Arbeiterkontrolle“ durchgesetzt, – analog zu den Dorfversammlungen und an deren Vorgehensweise orientiert; in den Komitees fanden sehr unterschiedliche politische Orientierungsprozesse statt, auf die gleich etwas genauer eingegangen werden muss: hier fand die erste große Transformation in Herzen der revolutionären Metropole statt.

Welche Strukturen haben sich ab Oktober durchgesetzt, sich neu in Stellung gebracht und die Bewegungen eingeschränkt oder bekämpft, statt ihnen den Raum für weitere Entfaltung zu geben und eine Humanisierung der Verkehrsformen durchzusetzen? Erforderte der Hunger oder erforderten die Rechten und die Kriegssituation von außen die Repression in der Form, in der sie zur Entfaltung gebracht wurde?

Wenn man die drei genannten Bewegungsstränge voraussetzt und nach der weiteren Entwicklung auf den sozialen Kampfterrains fragt, ergeben sich auseinanderlaufende Prozesse. Während sich die Soldatenbewegung durch Selbstauflösung der Armee erledigte – die Soldaten setzten nach dem Friedensdekret eigenmächtig den Waffenstillstand jeweils vor Ort durch und gingen dann nach Hause; das Hauptquartier wurde mit ein paar Schachzügen (unter Lenins Anleitung natürlich) mattgesetzt und unter die Kontrolle der neuen Regierung gebracht21 Mit welchen Methoden und Inhalten war es dann dem neuen Regime gelungen, eine neue Armee, die Rote Armee, aufzubauen? Die Rekrutierung setzte voraus, die kriegsmüden Bauernsoldaten oder Bauernarbeiter entsprechend zu disziplinieren.

Auf dem Lande hatten sich unabhängige befreite Zonen gebildet; kleine freie Bauernrepubliken waren ohne Staatsanwesenheit entstanden, die darauf schauten, welche administrativen Maßnahmen in den kleineren und größeren Städten eingeführt wurden, denen gegenüber sie skeptisch gewesen waren, zu denen sie aber durch die heimkehrenden Soldaten in Verbindung standen. Der selbstorganisierte Handel mit Lebensmitteln, ohne Firmen selbstredend, stand im Zentrum (Kriegskommunismus) und wurde durch die Militarisierung dieses Bereichs durch die Politik des staatlichen Getreidemonopols und Requisitionen überformt und bekämpft.

Von daher kommen wir darauf, den existenziellen Kampf vieler einzelner um das physische Überleben an die erste Stelle zu setzen (volkstümlich als „Recht auf Leben“, als Existenzrecht ausgedrückt), um von daher das Schicksal der Revolution zu begreifen. Darin werden wir eine Kontinuität zu den Kampfzyklen der Zeit davor entdecken, an deren Inhalten sich auffällig wenig geändert hatte. Schon im Kampf gegen den Zarismus und gegen provisorische Regierung hatte der „Überlebenskampf“ gegen das Morden an der Front sowie gegen die erbärmlichen Ernährungsverhältnisse in den Heimatorten die sozialen Bewegungen zusammengeführt; ganz verschiedenartige Solidarisierungen hatten sich quer durch die Massen an ihren Lebens- und Arbeitsorten, an den sozialen Kampffronten ergeben und zu großartigen Durchbrüchen gegen die herrschende Klasse geführt.

In der Rückschau auf die sich spätestens Ende Januar 1918 deutlich abzeichnende gegenrevolutionäre Politik der Bolschewiki – nimmt man die Berichte der unabhängigen Zeitzeugen*innen aller Richtungen zur Kenntnis – gab es bereits im halben Jahr von Januar bis Anfang Juli 1918 die klare Erkenntnis sowohl an der Basis wie auch bei den ehemaligen Koalitionspartner*innen der Linken Sozialrevolutionäre, dass die repressive und staatszentrierte Machtpolitik mit den Perspektiven einer wirklichen Sozialrevolution unvereinbar war. Die Sozial- und Systemkritik von der Basis und von links ist nicht mit der Verzweiflung aller vermögenden Schichten zu verwechseln, wohlhabender Bürgern*innen und Adligen, die ihren Schmuck, Gemälde, schöne Möbel, Weinkeller, Vermögen und große Wohnungen verloren hatten und zu Hunderttausenden in scheinbar sichere Gebiete Südrusslands, der Ukraine oder ins Ausland flohen.

Diese sind aber als Bewegung hier nicht das Thema, ebenso wenig wie die fehlende Unabhängigkeit der Justiz und Gewaltenteilung, die es überhaupt noch nie in Russland gegeben hat (Das Gerichtswesen Russlands bzw. der SU war und ist verfassungsrechtlich der Exekutive untergeordnet, es gibt keine Gewaltenteilung; die Staatsanwaltschaft ist weisungsgebunden.) Zum Ablauf der Revolution in der Provinz gibt es einen Überblick bei Novikova (siehe Anm. 1.).

 

 

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Todesopfer in Krieg, Hungerkrisen, Epidemien, Bürgerkrieg 22

Erster Weltkrieg und Bürgerkrieg forderten in Rußland schätzungsweise 13 Mio. Opfer. Hinzu kamen die Verluste durch die Hungerkatastrophe von 1921/22.[schätzungsweise weitere 5 Mio. Hungertote.] Die inzwischen differenzierten statistischen Angaben sind umstritten, schwanken erheblich und bleiben aufgrund kaum noch schließbarer Datenlücken vorbehaltlich. Besonders dramatisch war demnach der Aderlaß unter der Arbeiterschaft, die bis 1922 auf die Hälfte ihrer Stärke von 1917 sank. Ebenso einschneidend waren die Verluste unter den alten Eliten. Die spezifischen Angaben für die Jahre 1918 bis 1922: 2,1 Mio. unmittelbare Bürgerkriegsopfer und 5,1 Mio. Epidemietote; 8 Mio. Zivilopfer; 940.000 Gefallene der Roten Armee; 1,3 Mio. Opfer von Terror, Bandenkriegen und der Unterdrückung von Aufständen; Roter Terror: von mehreren hunderttausend bis 1,7 Mio.; Weißer Terror: 112.000 bis 200.000 . Zu den Problemen der demographischen Forschung: [es folgt eine russische Quellenangabe]“.

 

1Auf die Bewegungen zur nationalen und religiösen Unabhängigkeit gehe ich hier nicht ein, auch nicht auf die Aufhebung des Zwangsaufenthalts im „Ansiedlungsrayon“ für Juden und Jüdinnen im Februar 17. Zu den Entwicklungen in der „Provinz“, siehe: Liudmila Novikova (2015): The Russian Revolution from a Provincial Perspektive, in: Kritika, Vol. 16, Number 4, Fall 2015, 769-785.

2z.B. Figes, Tragödie, 508. Figes‘ Einschätzung über die Naivität der linken Sozialrevolutionäre halte ichfür linksliberal-arrogant so dahingeschrieben, was will er uns damit sagen? Sie hätten die schlimmen Folgen von Lenins Machtrausch rechtzeitig erkennen müssen? Und dann? Die Linken Sozialrevolutionäre standen in der revolutionären Mehrheitstradition Russlands, waren keine sozialdemokratischen Modernisierer. Ihnen ging es zunächst um die rechtliche Absicherung der revolutionären Kampfergebnisse auf dem Land, zusammen mit den Bolschewiki, die auch erfolgte; auch beim großen Bauernkongress im Januar 1918 setzten sich die Linken Sozialrevolutionäre durch, was bei der erzwungenen Unterordnung der Fabrikkomitees unter Gewerkschaften und Partei der Bolschewiki nicht der Fall war.Wegen Brest-Litowsk verließen die Linken Sozialrevolutionäre die Koalition und gingen dann sofort zum Widerstand über (in Petrograd gab es eine Sonderentwicklung), weil der Kurs der Bolschewiki nun anders als vor 3 Monaten konfrontativ gegen die Massen und gegen die soziale Revolution umgepolt worden war. Sie waren maßgeblich an den frühen Kämpfen gegen die Diktatur beteiligt. In der Koalition stoppten sie die Todesurteile und sorgten für Haftentlassungen. Ihre Aktionen gegen die unheilvolle Taktiererei mit dem Deutschen Reich/ gegen die Hinnahme der Einzingelung von außen kamen von ihnen in einer Situation, in der sie mehrheitsfähig wurden, und die Bolschewiki darauf reagierten, indem sie Wahlen fälschten und mit Gewalt gegen die eigene ehemalige Basis vorgingen. (Belege zum Juli 18 bei Häfner.) Was außer Massenwiderstand und Rückkehr zu spektakulären Aktionen schlägt Herr Figes vor?

3Vgl. S.A. Smith (2017): Russia in Revolution. An Empire in Crisis, 1890 to 1928, Oxford: Oxford University Press, 150, 151. Rex A. Wade (2017): The Russian Revolution, 1917, Third Edition, Cambridge, U.K.: Cambridge University Press, 232-239. Alfred Schröder/Heiner Karuscheit (2017): Dass Revolutionsjahr 1917. Bolschewiki, Bauern und die proletarische Revolution, Hamburg,136-138. Die Autoren versuchen eine Neubewertung bei der Bewertung des Bündnisses zwischen Proletariat und Bauernschaft. Leider machen sie sich unter dem Strich doch wieder den Standpunkt (staats-)kapitalistischer Produktivität zu eigen, der für die Subjektivität der Bauern nicht passt und diffamatorisch wird: Sie verkennen das gesellschaftspolitische Programm aus der Bauernwelt (die Sowjets, Umverteilung, soziale Gleichheit und Sicherheit) und damit die Herkunft der revolutionären Inhalte.

4Wade, Red Guards, 196 ff.

5In Moskau forderte der Machtkampf in den nächsten Tagen ca. 700 Tote. Chr. Read, 126.

6Vgl. die Bewertung der Lenin‘schen Überzeugung über die Transformation und ihre Inhalte bei: Christopher Read (2013): War and Revolution in Russia, 1914-22. The Collapse of Tsarism and the Establishment of Soviet Power, Houndsmill, Basingstoke: palgrave macmillan, 131-133. Interessant ist, dass Lenin klar äußerte, dass nur die Übernahme des Staats durch die Sowjetmacht das Land vor dem Abgleiten ins totale Chaos bewahren würde und sich selbst damit als Ordnungsfaktor empfahl, der die Gesellschaft dann ins Reich der Zukunft geleiten würde. Das Vorantreiben des Terrors gegen Andersdenkende und soziale Bewegungen wurde als zweckdienlich in diesem Sinne verstanden. Unter dem Strich ist das keine linke, sondern eine ganz rechte Auffassung.

7E. H. Carr (1952, 1966): The Bolshevik Revolution 1917-1923, Bd.2, Penguin Books, 62-120; 176-229; Weitere Belege bei Haumann, Gatrell, Kirstein, Ebbinghaus. Wiederaufnahme der Diskussion in den Materialien, Nr. 4, a.a.O.

8Ihr Text zur Übernahme westlicher Sozialtechniken zur Unterwerfung in der Fabrik erschien in der ersten Nummer der Theoriezeitschrift „Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft“ im Jahr 1975. Damit war auch die theoretische Abkopplung von der leninistischen Verklärung der frühen Sowjetunion geleistet. Der Text wurde in ihrer Dissertation weiterausgeführt: Angelika Ebbinghaus (1984): Arbeiter und Arbeitswissenschaft, Opladen: Westdeutscher Verlag.

9Auch Figes stimmt in diesen Chor der hämischen Kommentatoren ein. Der Coup sei ein „unbedeutendes Ereignis“ gewesen, „letztlich nicht mehr als ein militärischer Staatsstreich.“( 512) Zwei Seiten zuvor betont er genau das Gegenteil (510): dass Lenin von den selbstorganisiert ins Zentrum strömenden Massen überrascht worden sei, die ihn nun überhaupt erst für die sofortigen Machtübernahme „gestärkt“ hätten. Ja, was denn nun? unbedeutende Militäraktion oder Überschuss an revolutionärer Energie von unten, angesichts derer sich die Bolschewiki Leitung wie im Juli nun dranhängen musste. Figes weiß nicht, was er sagen will. Es ginge an dieser Stelle doch darum, die Wechselwirkung zwischen hoher Politik-Taktiererei und sozialer Massenaktion etwas reflektierter auszuarbeiten. Die Massenbeteiligungwird jedoch im Gesichtsfeldder Historiker*innen minimiert.Die Bezeichnung „Putsch“ bei Altrichter (230) und die Betonung einer hierarchischen Befehlskette beim Aufstand wird der Gesamtlage schon gar nicht gerecht, vor allem gibt sie den falschen Eindruck, als hätte das Militärische Revolutionskomitee so funktioniert, wie eine organisierte militärische Kommando-Hierarchie. So funktionieren militante Sozialbewegungen nicht, es gibt informelle Verabredungen, aber keine Befehle. Das ist für die Roten Garden an diversen Stellen durchgängig belegt, vom Februar bis zu den Massenaktionen gegen Kornilow. Und hier war es auch nicht anders.

10Vgl. zum Plagiat der sozialrevolutionären Forderungen für die Agrarreform: Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion, 122. Dort auch Reflexionen über den Charakter des Umsturzes und die Gründe für den Behauptung der Regierungsgewalt.

11Asef Bayat (2012): Leben als Politik. Wie ganz normale Leute den Nahen Osten verändern. Berlin/ Hamburg: Verlag Assozation A.

12Dorf- oder Gemeindeversammlung ist russisch сход=s|chod; das Wort „Dorfräte“ bei Figes‘ ist falsch ins Deutsche übersetzt, weil es an eine linke Versammlung aus bolschewistischem Siegeszugheraus denken lässt. Die Dorf- bzw. Gemeindeversammlungen und ihr Anspruch auf die „schwarze Umteilung“ waren jedoch eine Art von uralter Bauerndemokratie, auf denen auch die Umverteilungen des Bodens seit jeher beruhten, die als Anspruch in die Stadt exportiert wurden, aber nicht umgekehrt: die städtischen Räte stammten, was schon an ihrer breiten Akzeptanz erkennbar ist, aus ländlicher Überlieferung und Erfahrung. Die späteren ländlichen Sowjets wiederum ersetzten die alten Landstände (zemstva), die nach 1861 als Zivilverwaltung staatlich eingesetzt worden waren.

13Manfred Hildermeier (2007): Die Symbolik der russischen Revolution und des frühen Sowjetstaates, in: Oexle/Bojcov (Hg.) (2007): Bilder der Macht in Mittelalter und Neuzeit. Byzanz-Okzident-Rußland, Vandenhoeck: Göttingen, 569-582.

14Markus Wehner (1998): Bauernpolitik im Proletarischen Staat. Die Bauernfrage als zentrales Problem der sowjetischen Innenpolitik 1921-1928, Köln, Weimar, Wien: Böhlau-Verlag, 243 ff.

15https://de.wikipedia.org/wiki/Bauernaufstand_von_Tambow;
Krispin, Martin (2010): „Für ein freies Rußland…“. Die Bauernaufstände in den Gouvernements Tambov und Tjumen 1920–1922, Heidelberg: Universitätsverlag Winter ( Diss. 2008).

16Charles Bettelheim (2016): Klassenkämpfe in der UdSSR, Berlin: Die Buchmacherei.

17Angesichts der aktuellen Diskussion über „Das Kommunistische“ wäre zu fragen, wie tief die Abgrenzung vom Traditionsbestand des Leninismus und vom Erbe der 3. Internationale reicht. Und was eine konsequente Abkehr von der traditionellen Verharmlosung der kolonialen russischen bzw. sowjetischen Geopolitik in der Praxis bedeuten würde. Der aktuelle Stand der sozialistischen Diskussion überzeugt uns nicht.

18Beispielsweise: Jonathan Frankel (1992): 1917: the problem of alternatives, in: Edith Rogovin Frankel; Jonathan Frankel; Baruch Knei-Paz (Ed.) (1992): Revolution in Russia. Reassessment of 1917, Cambridge etc.: Cambridge University Press, 3-13.

21Präzise Schilderung bei Allan Wildman im II. Band.

22Aus: Nikolaus Katzer (2006): Räume des Schreckens. Leben und Überleben im russischen Bürgerkrieg, in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 10. Jg., 2006, H.1, 55-90