6. Februarrevolution in Petrograd

6.1. Bedingungen

Anfang 1917 waren in Petrograd selbst etwas über 180.000 Soldaten stationiert und in den Vorstädten noch einmal über 150.000 Soldaten, zusammen also ca. 330.000 Soldaten. Die Militäreinheiten schlugen die Revolten auf der Straße und die Streiks nicht nieder, sondern stellten sich im entscheidenden Moment im Februar 1917 auf die Seite der Demonstrantinnen und Demonstranten, schlugen die Polizei in die Flucht und leiteten damit diesen welthistorischen Einschnitt, die russische Revolution, ein.1 Es waren Bauernsoldaten, keine Elitesoldaten, die gab es schon gar nicht mehr, die nur ein Ziel hatten, so schnell wie möglich nach Hause in die Dörfer zu kommen, ihr eigenes kleines Stückchen Land zu bestellen und den „Fleischwolf“ zu beenden. Sie waren Teil einer das ganze Land umfassenden Massenbewegung, an deren Spitze sich im Verlauf des Jahres die Arbeiter*innenkomitees, die Arbeiter*innenmilizen (Roten Garden) und die radikale bolschewistische Propaganda setzen konnten. Eine andere Geschichte beginnt im Oktober 1917, in der Deutschland den Bolschewiki den Machterhalt sicherte. Es griff nach der Revolution vorläufig nicht an und hielt die für Deutschland sehr viel günstigere Fraktion an der Macht. Damit konnte sich Deutschland mittels einer Truppenverstärkung an der Westfront noch Hoffnungen auf den Sieg im Weltkrieg machen. Die Entscheidung fiel 1918 allerdings nicht mit dem vom Kaiserreich erhofften Ergebnis aus – auch die deutschen Soldaten und die Arbeiterinnen revoltierten und stürzten das eigene Regime.

6.2. Die Konstellation am Anfang

Vor dem internationalen Frauentag am 23.2.1917 (8. März im neuen Kalender) sprachen die Frauen und auch ihre Männer im Arbeiterstadtteil Wyborg über die nächsten politischen Aktionen. Vyborg liegt auf der anderen Seite der Newa, schräg gegenüber dem Zarenpalast, und ist mit einer Brücke mit der Innenstadt verbunden. Was sollten sie am Frauentag machen: streiken und demonstrieren? Parolen auf die Straße tragen, weil sie wegen der Teuerung am Verzweifeln waren? War der Zeitpunkt der Richtige? In den Putilow-Werken waren gerade Tausende von Arbeitern wegen eines Streiks ausgesperrt worden und saßen nun erst recht ohne eine Kopeke da. Was also tun?2 Am schlimmsten war für die Frauen, dass sie sich nicht um die Kinder kümmern konnten und sie auch nicht satt bekamen. Viele Babys verhungerten oder gingen an mangelnder Fürsorge zu Grunde, weil die Mütter mitarbeiten mussten, um die Mieten zahlen und um die ins Horrende verteuerten Lebensmittel kaufen zu können – – wenn es denn welche gab. Es gab sie eben nicht mehr. Jedenfalls nicht für die Arbeiterfamilien in Vyborg, während sie auf der anderen Seite der Newa, da wo der Zarenpalast stand, wo die gut bezahlten Bürokraten arbeiteten und wohnten, wo die neue Bourgeoisie sich Luxus leistete, erhältlich waren; alles war eine Geldfrage. In den Arbeiterquartieren grassierte der Hunger, Mehl und anderes kamen nicht mehr an. Mitten im dritten Kriegswinter war es immer schlimmer geworden, und kein Ende war absehbar.3

Die revolutionären Parteien, da waren eine ganze Reihe im Stadtteil aktiv, hatten einen Plan, aber er war noch nicht fertig, sie wollten – gemeinsam – etwas Großes machen: aber erst später. In örtlichen Versammlungen hatten die Männer entschieden, am Frauentag noch nichts zu unternehmen, sondern erst die Losungen und Bündnisverhandlungen zu Ende zu bringen, um – richtig organisiert – einen großen Streik aller Fabriken zu beginnen. Dafür sollte eine vereinte Führung der sozialistischen Gruppen gebildet werden, auf der Grundlage verabredeter Ziele und Inhalte für einen Regimesturz. Seit den Streiks im Januar zum Jahrestag des Blutsonntags von 1905 brodelte es stimmungsmäßig, immer wieder wurde gestreikt, so dass der nächste Schritt auf der Hand lag, aber nicht spontan und eruptiv: es war nur noch eine Frage des organisierten Zeitpunkts. Die Forderung nach Kriegsende und Sturz des Regimes war für die Militanten klar. Doch die Selbstorganisation der Frauen aus den Warteschlangen vor den Läden und in den Textilfabriken kam den Männerplanungen und -strukturen zuvor. Es war die seit langem herbeigesehnte Antwort der Petersburger Menschen auf eine unerträgliche Lage. Gegen die Anweisung der bolschewistischen Funktionäre entschieden sich die Arbeiterinnen am Frauentag, den Streik zu organisieren und gemeinsam auf die Straße zu gehen.4 Das brachte die Parteien dann zu Anfang in Schwierigkeiten, – aber auch die alles entscheidende Soldatenrevolte ein paar Tage später war ohne Parteibeschluss von Unteroffizieren am 5. Tag nach den Massaker vom Sonntag begonnen worden. 

6.3. Gesellschaftliche Verhältnisse im Umbruch

Das bisherige Muster unter dem Zaren war es gewesen, die Bauernarbeiterinnen mit Passgesetzen im Dorf festzuhalten und nur für begrenzte Zeit in die Stadt zu lassen. Diese Regelung war im Krieg aufgebrochen und sollte ganz neue soziale Energien freisetzen.

Im Krieg waren auf dem Land riesige Flächen der Gutsbesitzer für Getreide und Gemüse nicht mehr bestellt worden, hauptsächlich, weil dort die Bauern fehlten, die an der Front waren. Flüchtlinge und Kriegsgefangene konnten diesen Ausfall auch nicht ersetzen; gleichzeitig mussten demnach 15 Millionen Menschen an der Front zusätzlich aus der Ferne versorgt werden, die sich sonst zu Hause im Dorf selbst ernährt und Überschüsse produziert hätten. Dazu kamen zehntausende neue Arbeiter_innen in den Rüstungsbetrieben Petrograds und anderswo, aber auch Millionen von Flüchtlingen (zusammen 7 Millionen im Jahre 1917), die auch aus landwirtschaftlichen Erzeugergegenden vertrieben worden waren und nun für ihre Lebensmittel sorgen mussten.

Die gesamte Nahrungsmittel-Selbstversorgung war in Russland durch den Krieg aus den Fugen geraten. Dazu kam, dass das komplexe und kaum erfassbare Handelsnetz administrativ kontrolliert werden sollte, um der Spekulation vorzubeugen. Keine der zahlreichen Verordnungen zur Regulierung des Preisgefüges hatte geholfen. Das Transportsystem war langsam und für einen großen Krieg unbrauchbar. Es basierte weitgehend auf Pferd und Wagen, und beim Eisenbahntransport hatte die Front Vorrang. Maschinenschäden an den Lokomotiven wurden nicht repariert, sei es, weil es zu wenig Facharbeiter gab, sei es aus Mangel an Ersatzteilen. So waren Tausende von Lokomotiven im Kriegsverlauf ohne Ersatz ausgefallen.5 Wenn etwas produziert wurde, kam es oft nicht an. Die Versorgungskrise bekamen alle, aber die Arbeiter*innen in den Großstädten besonders schmerzlich zu spüren. Russland, dieses Bauernland, war selbstverständlich gewohnt, genügend Nahrungsmittel selbst herzustellen. Lebensbedrohlichen Hunger gab es nur in Kriegen, in denen die Bauern als Heereslieferanten geplündert wurden, oder bei außergewöhnlichen seltenen Klimaextremen (wie 1891/92). Für Vorsorge bei normalen Ernteschwankungen und sonstigen naturbedingten Ausfällen gab es schon seit ewigen Zeiten genügend Erfahrung. Im Ernstfall mussten Adlige und Gutsbesitzer ihre Speicher öffnen und Nahrungsmittel wurden ausgegeben, teilweise als Vorschuss, der später ausgeglichen werden musste.


Kein Plan?

Für die neue Ansammlung von Problemen gab es keinen funktionierenden Plan: wie sollten die zentralen Stellen die Lebensmittelversorgung sicherstellen, wenn sie die Bauern an die Front geschickt hatten und nun diese Millionen Menschen an der Front per aufwändiger Logistik versorgen mussten, aber gleichzeitig den Bedarf von hunderttausenden Arbeiter*innen in der Rüstungsproduktion sicherstellten mussten? Zusätzlich zur Versorgungsnot verschärften neue Zwangsmethoden in der kriegsindustriellen Serienfertigung den Druck in der Stadt. In dieser Situation war Deutschland in Sachen Staatseingriffen in die Ökonomie das Vorbild. Dessen gemischtwirtschaftliche Kriegsökonomie mit einem nie dagewesenen Staatsmonopol für die Getreideversorgung wurde ab 1915 versucht zu übertragen. In Russland funktionierte das Modell wegen der fehlenden mittleren Verwaltungsebenen nicht. Ständig wurden ständig neue Sündenböcke gesucht, Spekulanten angeprangert, dazu gab es wegen des Transports dauerhaft Probleme. Im Laufe des Krieges stellte sich die alte feingliedrige Kombination von dorfautonomer Selbstversorgung und einem vorindustriellen Handels- und Transportnetz als transporttechnisches, ökonomisches und vor allem gesellschaftspolitisches Kernproblem heraus.6 Die alten Eliten konnten in ihrer starren Ordnung die Gesellschaft nicht von oben reorganisieren, es fehlten die notwendigen Vermittlungsglieder für einen verwaltungstechnischen Durchgriff, die im Westen durch eine andere Ökonomie- und Verwaltungsgeschichte gegeben waren. Auch politisch war die städtische Basis zu schmal, um den Unmut patriotisch aufzufangen. Am Engpass der Lebensmittelversorgung wurde das gesellschaftliche Verteilungs-, Ordnungs- und auch Produktionsproblem am deutlichsten, wenn man vom Sterben an der Front absieht.7 Waren nicht spätestens jetzt eine demokratisch-gleichberechtigte Verhandlung aller gesellschaftlichen Gruppen und der völlige Verzicht auf hergebrachte Privilegien notwendig geworden? Solche Fragen ließen sich nicht mehr in der alten Regierungsform bearbeiten und lösen, waren aber in allen Diskussionen präsent und schoben sich während der Kriegszeit ins Problembewusstsein der Bevölkerung. Sie politisierte sich zunehmen, Die Erfordernisse der kapitalistischen Umstrukturierung im epochalen technologisch-ökonomischen Umbruch traten in der Kriegssituation verschärft hervor und verwandelte sich in sozialrevolutionäre Gärungen und Aufbrüche.8

6.4. Szene eins: Frauen machen den Anfang

(23.2. nach alter, am 8.3. nach neuer Zeitrechnung, Nacherzählung nach Hasegawa, Wildman u.a.)

Die Frauen in den drei großen Textilfabriken Vyborgs handelten autonom, sie versammelten sich in der Frühstückspause, gingen dann am Morgen des 23. Februar (alter Zeitrechnung) auf die Straße und zogen durch den Stadtteil zu den anderen Fabriken. Ihr Ruf war einfach „Brot“!! Auch ohne dass politische Bündnisverhandlungen dafür nötig gewesen wären, schrien sie, was sie brauchten. Die Frauen hatten sich im Alltag in den Warteschlangen und der gemeinsamen Arbeit in den Textilfabriken verabredet, in übereinstimmender Erfahrung der Lage, von Frau zu Frau. Nach Streikbeginn in den drei Textilfabriken, wo fast nur Frauen arbeiteten, gingen sie zu den nächstgelegenen metallverarbeitenden Männerfabriken und forderten die Kollegen auf, sofort mitzukommen. Die anwesenden Bolschewiki traf es wie ein Schlag, weil sie entgegengesetzte Order hatten. Aber jetzt nicht mitmachen, ging nicht mehr. Die Aktivisten stritten sich und waren sauer, gerade am Abend vorher hatten sie zur Disziplin gemahnt. Es gab ja keine genauen Ziele, was nun erreicht werden sollte. Die Genossen trafen sich mit den Sprechern der beiden anderen Parteien, der Menschewisten und Sozialrevolutionäre, unmittelbar in der Erikson-Fabrik und diskutierten, was sie machen sollten. Ausnahmsweise einigte man sich sehr schnell trotz aller Bedenken. Jetzt gebe es kein Zurück und man müsse alle Arbeiter zum Streik aufrufen. Egal, ob nun alle mitmachen würden, habe man jetzt keine Wahl als zu handeln. Dazu ergänzten sie die Forderungen nach Brot um die Parolen: „Nieder mit der Autokratie, nieder mit dem Krieg!“ 9 Während die Maschinen noch liefen, rannten Jungarbeiter von Abteilung zu Abteilung: „Los, auf zur Versammlung, sofort!“

Sie pfiffen laut dabei, um sofort alle zu erreichen und aufmerksam zu machen. „Raus auf den Hof!“. Vorarbeiter schauten verdutzt aus ihren Buden, Ingenieure beobachteten schweigend, was das nun werden sollte, und waren gespannt. Die Sprecher erklärten in kurzen Ansprachen, dass man demonstrieren wolle, dass es um den Sturz des Zaren ginge, und dass sie alle Plünderungen und Übergriffe auf die Bürger sein lassen sollten. Die Kollegen waren begeistert. Raus ging es auf den Samsonievskii Prospekt, die lange Hauptstraße in Vyborg, an der entlang eine Reihe von Fabriken lag. In den benachbarten Fabriken spielten sich ähnliche Szenen ab, auch dort kam man zum gleichen Schluss, auf die Straße zu gehen, um zu demonstrieren. Gegen 10 Uhr morgens waren geschätzt allein in Vyborg schon an die 27.000 Arbeiter_innen im Streik. Die herrschende Macht war überrascht, da für diesen Zeitpunkt war keine unmittelbare Massenrepression großen Stils vorbereitet war, obwohl es natürlich Notfallpläne gab, die aber nach heutigen Maßstäben recht stümperhaft waren. Auch wundert man sich, wie es sein konnte, dass in unmittelbarer Nähe der Regierungsinstitutionen derart viele Fabriken angesiedelt worden waren, die größte Ansammlung von Rüstungsfabriken in ganz Russland; dazu waren noch, wie oben gesagt, mehrere hunderttausend Bauern in Soldatenuniformen, ebenfalls gut über die Stadt verteilt. Die herrschende Macht fühlte sich sicher.

In den nächsten drei Tagen vom Donnerstag bis zum Samstag weiteten die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Streiks aus, so dass die Streikwelle ungeheuerlich anwuchs, ganz Sankt Petersburg erfasste und am Samstag, 25.2. praktisch alle Räder still standen. Damit herrschte Generalstreik. Am Freitag streikten unvorstellbare 158.000 Arbeiterinnen in der Stadt und am Samstag über 200.000.10 Der zweite Kampfschritt waren Demonstrationen, mit denen die streikenden Arbeiter_innen die Stadtmitte erreichen wollten, um dort massiv klar zu machen, was anstand; sie forderten eine Regierungswechsel, mehr noch, Schluss mit dem alten Regime, der Autokratie überhaupt, und dem Krieg, den es zu verantworten hatte. Ohne Wechsel an der allerobersten Spitze war kein Politikwechsel zu erwarten, da hatte sich seit Jahrzehnten politisch nichts wirklich verändert, im Gegenteil war seit der Stolypinschen Reaktion auf die erste Revolution von 1905 die Repression weiterhin brutal vorgegangen, keinerlei Zugeständnisse, kein Abgehen von der Herrschaft einer einzigen Familie, Ausbeutung für die Goldschätze der Alt- und Neureichen; [Das Gold und der Reichtum in Petersburg ist heute wieder in alter Pracht außen und in den herrschaftlichen Gebäuden zu bewundern.]; zudem wurde die Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung durch das Kriegsende erhofft; sie hing damit unmittelbar zusammen. Heimkehr der Männer von der Front und aus den Kriegsbetrieben ins Dorf, das war das eigentliche Ziel Nummer 1.

Nun der Zusammenstoß: über die Brücken zu kommen, auf den Plätzen sich zu versammeln und vor allem auf die Haupt- und Prachtstraße vorzustoßen, den Nevskij-Prospekt vom unteren Ende her zu besetzen, von einem riesigen Bahnhofsvorplatz aus, der damals Snamenskaja-Platz hieß und heute Platz des Aufstandes heißt (Площадь Восстания, Ploschad Wosstanija), bis zum anderen Ende, wo der Zarenpalast stand, der heutigen Eremitage.

Und drittens plünderten Jugendliche und Frauen in der parallel laufenden Lebensmittelrevolte; Aneignungsaktionen aller Art breiteten sich aus. Läden im Zentrum wurden aus Versorgungsgründen oder weil sie Luxusläden waren, leergemacht.

Zusammengefasst

Streiks, Straßenkampf und Lebensmittelrevolte in Petrograd waren die ersten Kampfschritte, dann am fünften Tag, am Montag, den 27. Februar, kam als viertes die Befehlsverweigerung der Soldaten und deren Teilnahme am Straßenkampf hinzu. Nun brachen die militärischen Befehlsketten von oben innerhalb von weniger als 12 Stunden zusammen. Nach dem Sieg auf der Straße wurde fünftens eine Delegiertenversammlung gegründet, die aus den Fabriken und Kasernen beschickt wurde, genannt Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Damit vollendeten die Massen am 7. Tag das Werk dieser Petrograder Revolution. Und konnten ruhen – ein bisschen. Aber da soziale Prozesse Zeit brauchen, sollte diese Revolution mit Stilllegung der Repression nur der erste Schritt zur Entfaltung sozialer Bewegungen sein, die bis zum Ende des Jahres offensiv anhielten. Im Laufe des Jahres waren die Menschen auf den Dörfern am Zuge, indem sie in direkter Aktion das Land im gesamten Russischen Reich auf Dorfebene neu verteilten. In paralleler Teilnahme an diesen befreienden Taten lösten die Soldaten die Armee ebenfalls in eigener Regie auf, indem sie sich langsam, aber sicher, nach Hause absetzten (siehe dazu oben das Kapitel zur Desertion). Der Run nach Hause nahm sofort nach der Petrograder Revolution im gleichen Maße zu, wie das Land verteilt wurde, über alles Bisherige an Desertion hinaus. Alle Bewegungen zusammengenommen vom Februar bis zum Oktober sind die russische soziale Revolution, nicht nur Großereignisse im Februar oder Oktober. Dann erscheint der rote Oktober mit einem doppelten Charakter: er war einerseits Höhepunkt der revolutionären Entwicklung und staatliche Anerkennung der erreichten Kampfergebnisse, aber gleichzeitig Beginn von Eindämmung und Spaltung, und bekommt damit auch einen gegenrevolutionären Charakter. Der Doppelcharakter macht die Einschätzung ein bisschen schwierig. Uns geht es zunächst um den vielleicht allseits bekannten Prozess vom Anfang bis Ende: vom Frauentag und bis zum Oktobermachtwechsel. Nur werden wir die Beleuchtung anders ausrichten, sehen ihn nicht aus der Perspektive revolutionärer Politik, sondern von der Seite sozialer Selbstermächtigung her mit Relativierung der Führungsgrößen und der Parteien. Dann wird der Oktober aus linker Sicht zu interpretieren sein als Beginn der Gegenrevolution und einer wirksamen Umstrukturierung von Staatsmacht gegen die Bewegungen.

6.5. Szene zwei: Demonstranten_innen und Repressionsorgane begegnen sich

Wie lief die Eroberung der Stadtmitte ausgehend von den Fabriken in den Arbeiterquartieren ab? Das kann man bei Figes oder Altrichter nachlesen, oder besser bei Hasegawa, dem Original, falls man sich den Band besorgen kann und Englisch versteht. Hier werde ich mich auf Szenen aus drei weiteren Phasen beschränken, kleine Splitter, die für das Ganze stehen, Ausschnitte aus den denkwürdigen Tagen.

Ein Beispiel vom zweiten Tag. Früh am Morgen trafen sich in den Fabriken die aufgeregt militantisierten Frauen und Männer wieder und tauschten sich über den Vortag aus und wie es weitergehen sollte. Die Ansprache eines Genossen bei der morgendlichen Versammlung ist folgendermaßen durch den Geheimdienst überliefert: „Genossen, wie ihr wisst hat gestern der gesamte Stadtteil von Vyborg nicht gearbeitet. So, Leute, heute müssen wir auch streiken und uns mit den anderen Kollegen vereinigen und uns das Brot selbst holen. Leute, es ist ja so: Wenn wir keine Scheibe Brot auf dem normalen richtigen Weg bekommen, dann bleibt uns nichts übrig: wir müssen etwas tun und das Problem mit eigener Macht lösen. Nur so werden wir das Brot für uns bekommen. Genossen, denkt auch daran: Nieder mit der Regierung; nieder mit dem Krieg. Genossen, bewaffnet euch mit allem was da ist, nehmt mit, was wir brauchen können, Schrauben, Bolzen, Steine usw. Unterwegs werden wir weiter sehen.“11 Wie auch am Vortag ging man zu anderen Fabriken im Stadtteil, wo man noch nicht so weit war, und brachte die Kollegen oft handgreiflich dazu, sich einzureihen. Um 9 Uhr morgens am zweiten Tag waren schon 40.000 Leute auf dem Samsonievkii Prospekt, wie gesagt der Hauptverkehrsstraße in Vyborg, die zur Brücke über die Newa in das Regierungsviertel führte. Die Brücke war als Einfallstor und Nadelöhr zwischen den Stadtteilen der Armen und der Reichen streng bewacht. Zweieinhalb Kompanien berittener Kosaken und zwei weitere Kompanien Soldaten und Polizei, zusammen 520 Bewaffnete mit scharfen Säbeln und Schusswaffen ausgerüstet und zum Schießen verpflichtet standen an der Brücke bereit, als 40.000 Demonstranten sich auf diese Einheiten zu bewegten. Was würde passieren? Ein Massaker war natürlich möglich, wie schon oft zuvor in solchen Fällen. Noch war man jedoch in festlicher Stimmung. Als sie in Sichtweite der Soldaten waren, gab der Kosakenkommandeur ihnen das Signal zum Angriff. Diese galoppierten in Angriffsmanier auf die Menge zu, worauf schlagartig Panik ausbrach. Der kämpferische Gesang von Marseillaise und anderen Liedern verstummte, die Menschen rannten durcheinander, aber es gab keinen Ausweg, alles war voll mit Menschen zwischen den Häuserzeilen. Die Offiziere galoppierten voran, die berittenen Elitesoldaten hinterher, auf voller Straßenbreite, ein gewaltiges furchterregendes Schauspiel. Die Demonstranten_innen erwarteten jeden Moment ein Gemetzel. Aber, oh Wunder, in die Breschen, die von den voranreitenden Offizieren gebahnt wurden, kamen die berittenen einfachen Soldaten hinterher und lächelten die Leute an, einer winkte solidarisch. Niemand wurde bei diesem Angriff verletzt, unglaublich. Die Offiziere gaben viermal den Befehl, das Ganze zu wiederholen. Dann gaben sie auf, und die Reiter nahmen die gleiche Stellung quer über die Straße ein wie zuvor. Nun entwickelten sich Gespräche in direktem Kontakt, die Frauen, auch gerade die älteren, sprachen mutig mit den Soldaten: „Wir haben unsere Ehemänner und Brüder an der Front, aber hier haben wir Hunger, es sind verdammt harte Zeiten, Ungerechtigkeiten passieren, schämen sollte sich die Regierung. Ihr habt doch auch Eure Mütter, Frauen, Schwestern und Kinder. Alles was wir wollen ist Brot und Schluss mit dem Krieg.“

Die Offiziere versuchten, die Gespräche zu beenden, aber andere Dinge passierten. Eine Reihe von jungen Leuten brachte es fertig, unter den Pferden hindurch zu krabbeln und erstaunlicherweise taten die Kosaken nichts, um dies zu unterbinden. Wie Trotzki später mal kommentierte: „Die Revolution sucht sich ihre Wege nicht aus, manchmal macht sie ihre ersten Schritte zum Sieg unter dem Bauch eines Kosakenpferdes!“12

 

 

 

6.6. Szene drei: Der Zar lässt schießen

Am Abend des dritten Tags des Aufstandes kamen nicht etwa ein Einlenken und ein uns heute vertrautes Spiel von abgekartetem Regierungswechsel, um weitermachen zu können wie bisher, sondern der Zar im fernen Armeehauptquartier gab telegraphisch den Befehl, den Aufstand unverzüglich zu beenden. Das sollte heißen, jede Ansammlung mit Gewalt aufzulösen, die Massen niederzuschießen und einzuschüchtern. Die Ochrana (der Geheimdienst) warnte dringend, weil sich abzeichnete, dass die Stimmung bei den Soldaten dabei war, umzuschlagen, und damit eine weitere Eskalation ein äußerstes Risiko bedeutete. Das kümmerte die Befehlshaber nicht, jetzt war Ausnahmezustand und sie hatten praktisch Schießbefehl für jede Lage. Diese Nachricht überkreuzte sich mit der Diskussion über einen bewaffneten Aufstand, die unter den Aktiven und in der Arbeiter_innenbevölkerung am Abend des dritten Tags, dem Generalstreiktag geführt wurde. Dass die Menschen in den Stadtteilen diesen Aufstand nicht so einfach machen konnten, erklärt vielleicht, dass Schljapnikow als Chef der örtlichen Bolschewiki sich dagegen aussprach, während der anwesende Spitzel der Geheimpolizei mit anderen zusammen eher die allgemeine Stimmung wiedergab, dass jetzt der Zeitpunkt für den militanten Umsturz gekommen war.13

Nach dem Generalstreik am Sonnabend war am nächsten vierten Tag der Insurrektion, Sonntag, die Innenstadt in ein riesiges Feldlager verwandelt. Öffentliche Gebäude, alle wichtigen Straßenverbindungen und Eisenbahnstationen waren bewacht, auf den Straßen patrouillierten Posten sorgfältig mit Gewehren auf den Schultern, Berittene streiften auf den Straßen, während Pioniere die einzelnen Stadtteile verkabelten und Telefonleitungen zur Informationsweitergabe legten. In den Höfen standen Rot-Kreuz-Wagen bereit. Straßenbahnen fuhren nicht, niemand im Zentrum durfte auf die Straße gehen, es herrschte Ausgangssperre in der Innenstadt. Alles schien ruhig. Die Fabriken arbeiteten nicht. Dennoch sammelten sich z.B. in Vyborg und anderen Stadtteilen Menschen vor den Fabriktoren, um zu reden, wie es weitergehen sollte und in die Stadt zu marschieren. Da die Brücken über die Newa hochgezogen waren, gingen sie über das Eis der zugefrorenen Newa geradewegs in Richtung Regierungsviertel und Newski Prospekt, obwohl diese militärisch besetzt waren. An einer Straßenecke wurde die erste entschlossen singende Demonstration sofort mit Schüssen empfangen. Die Menge löste sich auf. 18 Menschen waren verwundet und wurden in die zum Hospital umfunktionierte City-Duma gebracht. Es gab noch mehrere dieser Zusammenstöße, auch mit Toten. Die für diesen Tag entscheidenden Abläufe fanden auf dem schon erwähnten Snamenskaja-Platz am unteren Ende des Newskij-Prospekts statt, nämlich zwei größere Massaker mit Folgen. Hier war Unteroffizier Kirpichnow dabei, der mit den Demonstranten sympathisierte. Als seine Soldaten ihn heimlich fragten, was sie beim Schießbefehl tun sollten, sagte er, sie sollten in die Luft schießen. Aber im weiteren Verlauf machten nicht alle mit, es gab auf beiden Seiten Verwirrung, als nach der ersten Salve Panik ausbrach, versuchten die Massen auf der einen Seite der Platzes, sich in Sicherheit zu bringen. Der diensthabende Offizier gab einer zweiten Einheit wiederholt den Befehl, zu feuern, und schoss auch persönlich gezielt auf Demonstranten_innen. Am Schluss des Chaos wurden allein hier 40 Menschen getötet und noch viele mehr verletzt, es waren auch zwei Soldaten dabei, die bei der Demo mit gegangen waren. An einer anderen Straßeneinmündung des großen Platzes gab es noch mal 10 Tote. Sprüche gingen rum, da kann man sehen, das waren die Karrieristen bei den Rekruten, die geschossen haben, die wollen noch was werden.

Am Abend schien der Aufstand niedergeschlagen, „das war‘ s dann wohl“, dachten die meisten.

 

 

 

6.7. Szene vier: Die Soldaten entfesseln die Revolution am 27. Februar

Am Abend nach dem Massaker auf dem Snamenskaja Platz wurde in den Kasernen, aber auch in der Einheit, die an der Schießerei beteiligt war, heftig diskutiert. „Das war alles schlimm, das wollten wir nicht, der Chef hat uns gezwungen, das machen wir nicht mehr mit!“, sagten sie und der vorgenannte Unteroffizier Kirpichnow berichtete später, wie man sich verabredet hätte. „Es ist genug Blut geflossen, nun ist es Zeit für die Freiheit zu sterben“, sagte der Sergeant Kirpichnikow. Die Verabredung war, auf Befehle des Kompaniechefs (der vorher ja den Schießbefehl gegen die Bevölkerung gegeben hatte) mit Hurra Rufen zu antworten, aber nicht seine Befehle, sondern nur die von Unteroffizier Kirpichnikow zu befolgen. Abends holte dieser für seine Leute noch Munition mit einem angeblichen Befehl des Kompaniehauptmanns. In der Nacht zur Rede gestellt, und auf die Frage, ob alles in Ordnung sei, täuschte er seinen Chef, indem er sagte, er sei wild darauf, diese deutschen Spione auf der Straße zu erledigen.14 Am nächsten Morgen kam es zum Schwur. Die Soldaten machten es so, wie verabredet, und begrüßten den Chef mit Hurra. Der war verwundert und fragte, was das sollte. Er wurde aufgeklärt, dass jetzt nichts mehr laufen würde, mit Arbeiter erschießen und so. Der Chef las daraufhin das Telegramm des Zaren vor. Da er nichts erreichte, ging er los, um Meldung zu machen. Daraus wurde nichts. Während er sich entfernte, wurde er erschossen. Das war der Startschuss für die alles entscheidende Soldatenrevolte.

Die Soldaten konnten ihre eigenen Regimentseinheiten nur zum geringen Teil mitziehen, aber gingen gleich zu den benachbarten Kasernen und verursachten dort Tumulte durch ihre Aufrufe während des Exerzierens. Es war auch dort nur eine Minderheit, die sich in diesem Moment schon an die ersten Schritte der offenen Revolte anschloss. Ein Offizier wurde auch dort getötet.

Aus diesen ersten drei Kasernen heraus ging die Demonstration der Soldaten an Polizeiwachen vorbei und schlug die Polizisten in die Flucht schlug.15 Ein Polizist wurde gestellt; als er schießen wollte, wurde ihm das Gewehr weggenommen. Und er rechtfertigte sich. Erschießt mich bitte nicht, ich wusste nicht, dass ihr eine Revolution gemacht habt.

Auf der anderen Newa-Seite in Vyborg war die Soldatenaktion noch nicht bekannt, aber dort wurden die Fabrikstreiks fortgesetzt. Die Soldaten hatten derweil die Idee, in diesen Arbeiterstadtteil, das Zentrum der bisherigen Bewegung, zu marschieren. Auf der Brücke gab es einen Schusswechsel zwischen der dort aufgestellten Militäreinheit und dem Zug der Soldaten, der auf dem Weg in den Arbeiterstadtteil waren. Es gab Tote und Verletzte, dann wurde aber geredet, und die wachhabenden Soldaten machten den Weg frei für die weiter maschierende Menge der Soldaten. Auf der anderen Newaseite wurden die Soldaten, die ihre Gewehre inzwischen mit roten Bändchen geschmückt hatten, enthusiastisch begrüßt, umarmt und geküsst. Die Soldaten waren keineswegs überschwänglich, sondern eher etwas niedergedrückt. Sie hatten Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, nachdem sich der bisherige Weg als nicht gerade einfach erwiesen hatte. Die gemeinsame Menge attackierte nun aber sofort ein naheliegendes Waffendepot in der Nähe des finnländischen Bahnhofs und nahmen zur eigenen Bewaffnung alles mit , was sie gebrauchen konnten, Bajonette, Pistolen, Gewehre und manchmal zwei davon auf den Schultern. Dann wurden Gaststätten beschlagnahmt und die Soldaten zum Feiern eingeladen.

Anschließend stürmte man das berüchtigte Kresty Gefängnis, 2400 Gefangene kamen frei, die als erstes auf dem Hof alle Unterlagen verbrannten.16 Im Gefängnis gab es viele politische Gefangene, auch Prominente, wie z.B. ein Boris Osipovic Bogdanov, der Mitglied der Menschewiki-Führung war. Bogdanov wurde auf Schultern getragen, war ziemlich durcheinander und wusste nicht, was er bei seiner ersten spontanen Ansprache sagen sollte.

Die über zweitausend befreiten Gefangenen trugen nach Aussagen von Beteiligten dazu bei, dass von nun an die revolutionäre Entwicklung einen blutigeren Charakter bekam.17 Die Rebellen, die den Knast befreit hatten, marschierten als nächstes zum Taurischen Palast auf die anderen Seite des Flusses, wo die Duma saß.

Ein Fahrrad-Bataillon leistete ernsthaften Widerstand in einer Kaserne Vyborgs, es waren Söhne aus besserem Hause. Aber im Großen und Ganzen lösten sich die Soldateneinheiten in den Kasernen auf und vermischten sich mit den Arbeitern. Nun setzte das ein, was manche Historiker einen Karneval nennen, eine verkehrte Welt des Feiern, eine begeisterte Stimmung, die mit „Party“ nicht ausreichend beschrieben ist, ein einmaliges Millionenfest. Dazu trugen die Weinkeller und gefüllten Vorratskammern der Reichen ihren Teil bei, die jetzt für alle frei zugänglich waren, da es eine Polizei nicht mehr gab, weil sie auf Tauchstation gegangen war.18 Im Russischen wird die Stimmung als „stichija“ beschrieben, als Naturgewalt wie ein Gewittersturm, ein soziales Erdbeben hatte sich ereignet, endlich – nach den niedergeschlagenen Aufständen der letzten 56 Jahre seit der angeblichen Bauernbefreiung von 1861. Zwei Menschengenerationen sozialrevolutionärer Bewegung mit unzähligen Opfern waren an einen vorläufigen Siegespunkt gekommen, und so war die Stimmung dieses ungeheuren Stadtfestes, eine Art Dorffest mit der Beteiligung Hunderttausender, die ja meist vom Lande kamen.

Die Soldaten trugen die Revolte in die anderen Stadtteile; abends wurden einige abgeriegelte Brückenblockaden erobert und die Verbindung hergestellt (z.B. die Troitskij-Brücke, die die Stadtmitte mit dem Petrogradskij-Stadtteil verbindet) und dort ging es sofort zu den Kasernen von Polizei und Militär mit LKWs, auf denen sich MGs befanden. Alte Fotos bezeugen diese Ereignisse. Nach einigen MG Salven schloss sich z.B. die Kaserne der motorisierten Division mit zwei gepanzerten Wagen an. Und so ging es weiter von Kaserne zu Kaserne, so ähnlich wie sonst bei Streiks, wurden die noch nicht überzeugten Kollegen mit dem Druck der militanten Mehrheit überzeugt, mitzumachen. In einigen Einheiten hatten die Offiziere Parolen gegen die Revolutionäre ausgegeben, aber nach einiger Zeit, als sich die Informationen über die Geschehnisse verbreitet hatten, verschwanden sie und die Soldaten verabredeten sich, nicht zu schießen. Dass finnländische Regiment kam so erst am zweiten Tag des Militäraufstandes hinzu.19 Im Süden der Stadt – das bisherige Geschehen bezieht sich auf Stadtmitte und den Norden auf der anderen Seite der Newa, hatten sich Tausende von Putilov-Arbeitern*innen auf den Weg zu den drei oder vier Kasernen im Süden der Stadt aufgemacht.

 

1Allan K. Wildman, (1980): The End of the Russian Imperial Army. The Old Army and the Soldiers Revolt (March-April 1917) Princeton/New Jersey, 124.; ders. (1987): The End of the Russian Imperial Army. The Road to Soviet Power and Peace. Volume II, Princeton/New Jersey.

2Alles Folgende im Wesentlichen nach Tsuyoshi Hasegawa (1981): The February Revolution: Petrograd, 1917, Seattle and London: University of Washington Press. Ähnlich die Schilderungen bei Altrichter, Rußland 1917, 110-132 und anschaulich beschrieben bei Figes, Tragödie, 333–349. Trotzki habe ich nicht herangezogen.

3Hasegawa, 198 ff. schildert die entscheidenden Details der Selbstorganisation der Bevölkerung. Er stützt sich wesentlich auf Forschungen des sowjetischen Historikers Igor‘ Pavlovič Lejberov, dessen Dissertation: Petrogradskii proletariat v Fevral’skoi revoliutsii, Universität Leningrad 1970 eine neue Erforschung in Gang setzte. Von dem früheren Werk des ersten nachstalinistischen Historikers zur Februarrevolution E. N. Burdshalov gibt es eine englische Ausgabe mit einem interessanten Vorwort von Donald Raleigh zu den Kontroversen in der Tauwetter-Periode in den 50er/60er Jahren. Burdszhalov, E. N. (1987; russ.1967): Russia‘ s Second Revolution. The February 1917 Uprising in Petrograd. Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press.

4Hasegawa, 204, 206, 216 f.

5Peter Gatrell (2005): Russia’s First World War. A Social and Economic History, Harlow etc., 95, 96. Die Zahl der Lokomotiven war von knapp 20.000 im Jahr 1914 auf unter 10.000 im Jahr 1917 gefallen. Zur Ernährungssituationsiehe z.B. Hasegawa und Lih.

6Lih bezieht sich auf eine Standardstudie von Kondratiev, der Anfang der 20er als Zeitzeuge und Beteiligter die Getreideökonomie aufgearbeitet hatte. Kondratiev, N. D. (1922): Rynok khlebov i ego regulirovanie vo vremia voiny i revoliutsiia. Moscow. Bei Lih und anderen wird immer auf die Unfähigkeit oder Unzulänglichkeit der Verwaltungs- und Verteilungsstrukturen abgehoben, die mehr im Fokus standen als die Autonomie der Subsistenz. Lih zieht aus seiner neoleninistischen Umbruch-Analyse den Schluss ab, es sei die Notwendigkeit eines staatlich zentralisierten Systems gegeben und verweist direkt auf Hobbes Leviathan. Er kommt damit unerwartet auf eine Theoretisierung von state building bei failing states im Krieg aller gegen alle im „Gewaltraum“ von warlord-Kriegen, die sich alle in vorindustriellen Gesellschaftsverhältnissen abspielen. Lih‘s Impuls wurde von Baberowski und anderen an der Humboldt-Universität Berlin aufgegriffen und mit einem ontologischen Konzept von „Gewalt“ als menschlicher Natur kombiniert. Mit merkwürdigen Folgen, wenn man sich Baberowskis wandelnde Theorien anschaut. Für das grundlegende Entwicklungsproblem Russlands hatten seinerzeit nur die linken Sozialrevolutionäre 1918 eine angemessene Strategie, indem sie auf eine revolutionäre Bauern-Arbeiter-Demokratie zielten, innerhalb derer die jeweiligen terms of trades zwischen Stadt/und Land dezentral und zentral verhandelt würden. Genaueres zur praktischen Umsetzung im Frühjahr 1918 bei Lutz Häfner und zur NEP 1924/25 bei Markus Wehner.

7Als Weltproblem, dem Wallerstein-Ansatz folgend mit Bezug auf heute: Jason W. Moore, (2010): The End of the Road? Agricultural Revolutions in the Capitalist World-Ecology, 1450–2010, in: Journal of Agrarian Change, Vol. 10 No. 3, July 2010, pp. 389–413. Internet: http://www.jasonwmoore.com/uploads/Moore__The_End_of_the_Road__JAC__2010_.pdf (15.05.2015)

8Darin liegt die Parallele zu heute. Damals produzierten Eisenbahn, Telegraphie, Motorisierung, Chemieindustrie, Serienfertigung und Weltmarktkonkurrenz der Nationalstaaten einen neuen sozialen Raum, sprich den globalen Konflikt mit Angriffen auf alles sozial Dagewesene; heute ist es der informationstechnologische Umbruch im Rahmen der globalisierten Weltwirtschaft, der die neue Weltgesellschaft von unten mit Anspruch auf Umverteilung der Reichtümer und den neuen Verteilungskonflikt mit vorläufiger Drift nach Rechts produziert. Eine Lösung von oben war damals nicht möglich und heute auch nicht.

9Hasegawa, 218. Diane P. Koenker and William G. Rosenberg (1989): Strikes and Revolution in Russia 1917, Princeton, N.J.: Princeton University Press, 40

10Altrichter, 114.

11Frei übersetzt aus Hasegawa, 233. Der hat es aus einem Geheimdienstbericht, es ist also sinngemäß zu verstehen, was überall diskutiert wurde.

12Alles nach Hasegawa, 234. Vgl. die gleiche Szene bei Trotzki: https://www.marxists.org/archive/trotsky/1930/hrr/ch07.htm (19.05.15)

13Hasegawa, 258 f. Hasegawa beschreibt auf S. 260 interessanterweise einen Lernprozess Trotzkis in Hinsicht auf die Weigerung von Soldaten, auf die Massen zu schießen. Trotzki meint, der Trick der Offiziere, die Soldaten zum Schießen zu zwingen, sei der, ihre Pistole auf denjenigen Soldaten zu richten, von dem die anderen erwarten, er würde das Signal zur Verweigerung geben, und diesen dann ruckzuck zu erschießen. Damit würden dann bei den anderen Soldaten ein Schock ausgelöst, und in diesem Moment wären Mut und Orientierung zum Widerstand gebrochen und nun würden sie dem Befehl folgen und in die Menge schießen. Wichtig daran ist, dass Trotzki nach solchen Erfahrungen mit der Konterrevolution diese für den Aufbau der Roten Armee nutzte.

14Hasegawa, 279.

15Hasegawa, 282.

16Hasegawa, 284. Fotos vom Kresty-Knast: http://www.piterpix.de/?p=1550 (21.05.2015)

17Weiteres siehe: Hasegawa, Tsuyoshi (1995): Crime and Police in Revolutionary Petrograd, March 1917- March 1918, in: Acta Slavica Iaponica, 13: 1-41, 1995. Internet: http://hdl.handle.net/2115/8075

18Hasegawa, 282.

19Hasegawa, 291.