8. Revolution in Petrograd

8.1. Arbeitermilizen und Fabrikkomitees – das umkämpfte Disziplinarregime

Klassenzusammensetzung und Kampfformen

Die Bevölkerung Petrograds hatte im Krieg eine umfassende Umschichtung durch Zu- und Abwanderung erlebt: In Petrograd und Umgebung waren nicht nur ca. 300.000 ortsfremde Bauernsoldaten stationiert worden, sondern auch über 400.000 Industriearbeiter*innen zu Teilen ausgetauscht und ergänzt worden, von denen ca. 190.000 meist junge Neuankömmlinge vom Land waren, darunter sehr viele Frauen.1 Im Krieg wuchs die Arbeiter*innenschaft um 60 Prozent auf 393.000 bzw. 417.000 Menschen, wenn die Vorstädte hinzugerechnet werden. Mehrheitlich wurden sie in der Metall- bzw. Rüstungsindustrie benötigt.2 68 Prozent arbeiteten in Firmen mit mehr als 1000 Beschäftigten, eine ungeheure Zusammenballung in einer Stadt, die weltweit Ihresgleichen suchte.

Smith hatte sich in seiner Untersuchung von 1983 zum Roten Petrograd gründlich mit Zusammensetzung und Verhaltensweisen verschiedener Arbeiter*innengruppierungen beschäftigt. Er kam zu dem Ergebnis, dass man bei aller sonstigen Differenzierung grob von zwei verschiedenen Gruppen in der Arbeiterschaft ausgehen könne. Diejenigen, die schon länger ausschließlich vom Arbeitslohn lebten, und den anderen, die starke Bindungen über Geldverpflichtungen, Landanteile und Familie an das Dorf hatten und aufrecht erhielten. Er nennt die erste Gruppe im Anschluss an die sowjetische Geschichtsschreibung „Kaderarbeiter“ und die anderen Bauernarbeiter. Seine Zweiteilung wird in späteren verschiedenen Fassungen von anderen Autoren*innen bestätigt, ohne damit aber zu einer Einigkeit über einen neuen Klassenbegriff für die städtischen Arbeiter*innen zu kommen, der die Subjektivität der Mehrheit, der ländlich geprägten angemessen reflektieren würde.3 Meist blieben linke Autoren*innen bei statistischen Differenzierungen und widmeten sich der Frage der autonomen Aufstandsmentalität („buntarstvo“= aufständische Massenmilitanz, zuerst von Haimson breit eingeführt) nur kurz, obwohl mit ihr die Frage der mittel- und langfristigen Interessen der gemischten „Arbeiterklasse“ aufgeworfen ist. Das quantitative Verhältnis von neu hinzugewanderten Wanderarbeiter*innen zu erfahrenen Fabrikarbeiter*innen, deren Familien schon länger in der Stadt wohnten, änderte sich von 68 Prozent (1910) auf 73,6 Prozent (1917).4 Die „Neuen“ waren alle Bauern und Bäuerinnen, die für eine Zeit lang oder auch länger Geld in der Stadt verdienen mussten, um „über die Runden zu kommen.“ Die Ehemänner/Brüder/Väter usw. waren eingezogen, und es fehlte deren familiäre Arbeitskraft oder der Verdienst.

Koenker/Rosenberg betonen, dass die meisten Arbeiter_innen keine Ausbildung hatten und die besondere Qualifikation für Maschinenbedienung bei Arbeitern eine Seltenheit war, die relativ hohe Löhne im Vergleich zu den Massenarbeitern und Massenarbeiterinnen zur Folge hatte.5

Das Disziplinarregime im Krieg war repressiver denn je, die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich im Winter 1916/17, die Arbeitszeit wurde verlängert, Arbeitsunfälle nahmen außerordentlich zu, während die Löhne bis dahin gestiegen waren. Individueller Widerstand wurde sofort mit Verschickung an die Front, Entlassung oder Arrest geahndet, wobei Arbeiter mit Verbindungen zur politischen Szene extrem gefährdet waren. Es gab schon vor dem Krieg schwarze Listen von Arbeitern, denen einen Anstellung in Petrograd per Passzwang durch den Unternehmerverband sehr schwer gemacht wurde.6 Trotzdem nahmen kollektive Aktionen ständig zu. Obwohl das Gemetzel an der Front immer mehr Opfer forderte, die Lebensmittelpreise stiegen und die Versorgung ständig schlechter wurde, hatte allerdings kaum jemand im Winter 1916 vorausgesehen, geschweige denn einen Plan für den Fall gehabt, dass in Kürze die gesamte Herrschaft der Romanows zusammenbrechen würde. Noch im Januar 1917 hatte Lenin gemeint, „vielleicht werde seine Generation die ‚entscheidenden Schlachten der kommenden Revolution‘ gar nicht mehr miterleben.“7

Wenn man danach fragt, welche Erfahrungen die Arbeiter*innen in der neuen Situation nach den Februartagen machten, wie sie sich organisierten, welche kollektive Handlungsmöglichkeiten sie sahen und wie sie ihre Kämpfe begründeten und perspektivierten, dann kommt der ländlichen Herkunft eine große Bedeutung zu. Dass die „Neuen“ ihre eigenen Auffassungen mitbrachten, sich im aufständischen Verhalten von den erfahrenen Facharbeitern unterschieden, und erst einmal wenig von der politischen Orientierung der Parteien abhängig waren, wäre als erstes festzuhalten. Damit soll gesagt sein, dass wir keine schon bolschewistisch-kampferfahrene Arbeiterklasse sehen, die die Streiks und Demonstrationen in Petrograd machte und auf sie drängte, sondern eine sehr junge voranstürmende neugierige und begeisterungsfähige Neubevölkerung mit einem autonomen Kampfverhalten und rapiden politischen Lernprozessen.

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Bewaffnung

Auf den Straßen Petrograds verteilten die Arbeiter und Soldaten am Montag, den 27.2.17 (a. Z.) Waffen und verjagten die Zarenpolizei restlos, so dass sich deren Strukturen auflösten und sie sich im Gefolge der Revolution auch nicht wiederfinden und reorganisieren konnten. An diesem entscheidenden fünften Tag der Revolution hatten „Arbeiterkameradschaften“ (Druschinas), Freundeskreise und Kleingruppen die Polizeiwachen gestürmt, die Nester der Repression ausfindig gemacht und beispielsweise die Scharfschützen auf den Dächern, die in die Masse schossen, vertrieben. Je nach Lage auf der Straße entschieden die Gruppen kurzfristig und improvisierten, sie sorgten auch nebenbei dafür, dass die Polizeiakten in den Wachen verbrannt wurden.8 Mit der spontanen Massenbewaffnung aus den Händen der Soldaten und den übernommenen Depots in den Kasernen praktizierten die Menschen „Stadtguerilla“ und rangen die Gewalt des alten Staates nieder. Vielleicht war es sogar eine Art „Bauernkrieg in der Stadt“, wenn man sich die mehrheitliche Herkunft der Aktiven anschaut. Zunächst gelang der Sieg über die Repression in der Hauptstadt – und mit dem ersten Beschluss des Sowjet zur Entmachtung des Offizierskorps war das Ende der Zarenmacht auch anderswo besiegelt.

Entscheidend war der Seitenwechsel der Bauernsoldaten gewesen, deren Unteroffiziere in den Unterkünften die Weichen stellten. In den Beschreibungen über die anschließende Euphorie wird heute oft auf den „Karneval des Volkes“, die theatralische Umdrehung der sozialen Welt verwiesen,9 dabei aber die Begeisterung der Menschen ins Lächerliche gezogen oder auf die „Zerstörungswut“ abgestellt, ohne die weltrevolutionäre Bedeutung und den umfassenden sozialen Charakter dieses Siegs auf der Straße angemessen zu würdigen.10 Im Gefühl der Menschen spielte das Gefühl der Befreiung eine grundlegende Rolle: „‘Wollen wir einander nicht auch gratulieren?‘ Wir blieben stehen und tauschten Umarmungen und Küsse… Niemals in meinem Leben habe ich so viele Freudentränen fließen sehen wie in jenen Tagen… Die Stadt und die Menschen waren wie ausgewechselt.“11 Es geht dann in den traditionellen Darstellungen, auch den linken – z.B. von Trotzki – um die Feststellung, dass nun die Staatsmacht in die Hände der Bourgeoisie überging bzw. aus dem Sieg auf den Straßen eine geteilte Machtausübung (die „Doppelherrschaft“) mit bürgerlicher Regierung und einem Sowjet von Arbeiter*innen und Soldaten hervorging. Uns interessiert hier mehr als die institutionelle Seite mit den Aktionen der jeweiligen Parteipolitiker der Fortgang der Sozialbewegung hinter oder neben dem Sowjet, deren Kämpfe sich nun gegen das in der Prov. Regierung agierende westliche Kapital entfalteten und den neuen Antagonismus schlagartig auf ein neues Weltniveau hoben, indem sie das sofortige Kriegsende auf ihre Fahnen schrieb und die Bündnissysteme von Grund auf in Frage stellten, einschließlich der Staatsschulden Russlands in England und USA. Die Bewegung schickte sich an, das ganze Land von unten her umwälzen; — der Fortgang der Sozialbewegung entschied darüber, dass den Planungen der Regierung des Kapitals sehr schnell Grenzen gesetzt wurden und die Richtung im Sowjet sich immer weniger auf die Duldung und Beratung der bürgerlichen Regierung beschränken konnte. Der Petrograder Sowjet war für die Massen das legitimierte Organ, das – wir bemerkten es schon – nicht nur auf die Vorgeschichte von 1905 zurückzuführen ist, sondern vor allem auf die egalitären (Umverteilungs-)Traditionen der Dorfversammlungen in ganz Russland. Das gilt noch mehr für die selbstorganisierten Fabrikkomitees, über deren spontanes und völlig partei-unabhängiges Zustandekommen nach wie vor die Vermutung vorherrscht, das habe irgendetwas mit einem Bewusstsein der Arbeiterklasse (für sich, nach Marx) zu tun. Es ist ein bisschen anders, obwohl die gemeinsame Lage der Arbeiter*innen natürlich stimmt. Die schnelle Gründung von Fabrikkomitees geht auf die allgemein geteilte Vorerfahrung der Bauernarbeiter*innen zurück, die alle die seit jeher funktionalen Dorfversammlungen in den Gemeinden kannten, deren Aufgabe es war, gemeinsame Aufgaben im Dorf zu verteilen, die Verteilung des Produktionsmittels „Boden“ zu organisieren und die einfache Rechtsprechung wahrzunehmen.12 Die Arbeiterbewegung ebenso wie die sozialistischen Politiker konnten darauf aufbauen. Letztere suchten in angestrengter Vermittlerposition zwischen Basisbewegung und der nunmehr kapitalistisch orientierten Macht der Prov. Regierung irgendwelche Kompromisse.13 Wie eklatant der Widerspruch zwischen Provisorischer Dumaregierung bzw. Petrograder Stadtsowjet und der prozessierenden „Bauernrevolution in der Stadt“ war, wird der Konfliktverlauf über die Fortsetzung des Krieges zeigen. Der reale Weltantagonismus zwischen Befreiungsansprüchen aus der nicht-kapitalistischen Sozialsphäre und den Herrschaftsanspüchen des globalen Kapitals drückte sich in der Forderung nach Kriegsende und Rückkehr aufs Dorf aus. So ist unsere These. Sie weicht an dieser Stelle von den theoretischen Aprilthesen Lenins gegen die provisorische Regierung wahrscheinlich am ehesten in der Bestimmung des unerkannten historischen Subjekts und seiner Ansprüche ab. Das interessante ist, dass Lenins Vision, die Weltrevolution hier und jetzt sofort zu konzipieren, sich mit der Radikalität der Bewegungen im realen Antagonismus zu decken begann. Zunächst aber werde ich auf die soziale Autonomie der Arbeiter*innen, ihr Bewusstsein über die Notwendigkeit der Selbstbewaffnung und die weitere Entwicklung der Fabrikkomitees eingehen.

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Herausbildung der Arbeitermilizen14 und Bewaffnung

Die ersten Beschlüsse aus den Fabriken, die Zarenpolizei mit eigenen Abteilungen zu entwaffnen, sind schon vom 25.2.17 (Samstag) überliefert, als die Putilow-Arbeiter auf einer Betriebsversammlung beschlossen, „die Ordnung herzustellen und die Polizei im Narwa-Distrikt zu entwaffnen.“15 Am 27.2. (Montag) und 28.2. hatten sich binnen zwei Tagen die Garnison Petrograds, die Mehrheit der 180.000 Soldaten, dem Aufstand angeschlossen und dafür gesorgt, dass 30.000 Gewehre und 40.000 kleinere Handfeuerwaffen, Pistolen und Revolver umverteilt wurden.16 Damit war nach dem Verschwinden der Zarenpolizei die Aufgabe der Entwaffung der Organe der herrschenden Klasse in Petrograd zwar zunächst erledigt, zog sich aber in Moskau und in der Provinz eine Weile hin. Aus der Sicht der Arbeiter*innen stellte sich die dringliche Aufgabe, einer Wiederkehr der Repression vorzubeugen, daneben trat das Problem von öffentlicher Sicherheit und Ordnung. Die Angst der ärmeren Bevölkerung, die alte Macht könne sich wieder organisieren und „die Revolution“ angreifen, kam noch häufiger als zentrales Thema in die Diskussion bis zum Oktober – allerdings je nach Stadtviertel mit einem anderen Akzent.

Nach der spontanen Selbstorganisation auf der Straße und der Übernahme der militärischen Depots mit den Handfeuerwaffen war es also kein Problem, überhaupt an Gewehre zu kommen, wenn auch nicht immer in genügender Anzahl. Was in Betrieben und auf der Straße unter Freunden und Kollegen begonnen hatte, setzte sich sofort auf den Versammlungen fort. Hunderte von betrieblichen Komitees in der Stadt und vor allem in den größeren Fabriken waren wie Pilze aus dem Boden geschossen und in ihnen organisierte sich wohl der größte Teil der aktivistischen Bewegung, was das politische Leben betraf. Stadtteilkomitees und später auch Gewerkschaften und alle möglichen Interessenverbände brachten ein buntes politisches Leben in Gang. In den Betrieben liefen die wichtigsten Diskussionen zusammen und hier fielen viele Entscheidungen über Lohn- und Streikkämpfe, aber auch für die Mobilisierungen auf der Straße. Insoweit würde ich von einer proletarischen Bewegung sprechen, auch wenn über die Hälfte der Leute nach dem Oktober aufs Land zurückkehrte. Die Arbeiter*innen in der Stadt hatten ihre seit ewig bestehenden kommunalen Werte in die Fabriken mitgebracht und sie seit der Revolution von 1905 an die ungewohnten Arbeits- und Kampfverhältnisse angepasst. Ihre Kollektivität enthielt auch Bildungsprozesse in sozialistischen Arbeitervereinen, eine Minderheit lernte lesen und begab sich in sonntägliche Diskussionszirkel, vor allem aber resultierte die Stärke aus dem migrationsbedingter Transfer der Selbstorganisationserfahrungen vom Dorf in die Stadt.17 Nur deshalb war es kein Problem gewesen, sich sofort „massenhaft“ gegen die Unternehmerherrschaft zu solidarisieren, politische Streiks zu organisieren und stadtweit zu vernetzen. Über die Soldatenkomitees kann ähnliches gesagt werden; sie setzten sofort eine Mitbestimmung über ihre Komiteevertreter durch, deren Eingreifen in den politischen Prozess nur dadurch Grenzen gesetzt waren, dass die alte Kommandostruktur zwar geschwächt oder personell umbesetzt, aber nicht beseitigt war.18 Darin bestand eine Parallele zu den Firmen, in denen zunächst die Verfügungsgewalt der Unternehmer über ihre Firmen trotz neuer Stärke der Fabrikkomitees erhalten blieb. Wenn auch die Polizei verjagt war, war nicht vorauszusehen, was die Regierung machen würde und wie eine neue Ordnungsmacht in der Stadt zustande kommen würde. Keine Frage: die Waffen musste mensch behalten, um sich gegen mögliche Angriffe des alten Regimes zu schützen und selbst für Ordnung im Stadtteil und in der Fabrik zu sorgen. Das war ein Selbstgänger. Die Fähigkeit zu praktisch-handwerklicher Zusammenarbeit in allen Lebenslagen war den Bauernarbeitern als Gewohnheit seit je vertraut. Die betriebliche Selbstorganisation der Kolleginnen und Kollegen blieb bis zum Oktober als dezentrale revolutionäre Macht erhalten, trotz der stadtteilübergreifender Konferenzen, auf denen versucht wurde, zu zentralisieren und die Unterordnung unter Gewerkschaftsführungen zu erreichen. Solches verlief ebenso wie bei den zu Roten Garden umbenannten Arbeitermilizen weitgehend im Sande.19

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Sowjet und Gründung der Arbeitermilizen

Das Thema der öffentlichen Ordnung war auch schon bei der konstituierenden Sitzung des Sowjets am Montagabend, 27.2., aufgetaucht. Um gegen Anarchie und Pogrome vorzugehen, sollten Arbeitermilizen aufgestellt werden. Distriktverantwortliche sollten sich kümmern, u.a. besagter Schljapnikow als Zuständiger für Vyborg; real konnte er aber nicht viel machen, weil die Vorgänge an ihm vorbeiliefen und er bzw. die zahlenmäßig noch wenigen Bolschewiki keine Möglichkeit hatten, sich irgendwie in die vielfältigen Konstitutionsprozesse in den Betrieben und Stadtteilen einzuschalten. Vorweggenommen sei schon die Feststellung, dass auch während der Oktoberrevolution in der entscheidenden Revolutionsnacht vor der Eröffnung des Sowjets die Roten Garden, also die ehemaligen Arbeitermilizen, keine übergreifende Koordination hatten bzw. sie diese autonom wahrnahmen und ohne präzise Parteibefehle oder Planung die nächtlichen Sicherungsaktionen gegen etwaige Gegenmobilisierung der Prov. Regierung vor Ort absprachen und durchführten. Insofern wäre hier noch am Bild der Oktoberrevolution zu feilen, was den Top-Down Charakter der Organisierungen und Aktionen betrifft.

Die Kleingruppen bzw. Abteilungen bestanden aus Leuten die sich kannten, als Kollegen, vielleicht auch als Nachbarn.

Neben der Wachsamkeit gegenüber versprengten Kräften des alten Regimes bestand nun als erstes die Aufgabe darin, die Ausgeflippten, Besoffenen und überhaupt viele Männer in ihrem Rausch in die Schranken zu weisen, um Übergriffe auf Frauen oder unschuldige Reiche soweit als möglich einzuschränken und selbst eine Art neuer Sicherheitsorganisation zu übernehmen. Eine durchgängige Hauptaufgabe lag darin, das Fabrikgelände und die Stadtteile zu sichern und die örtliche Kriminalität zurückzudrängen.

Sodann ging es um die Verstärkung der Durchsetzungsmacht bei Streiks und Arbeiter*innen-forderungen gegenüber den Betriebsleitungen, die gegen Streiks nun nicht mehr auf traditionelle Ordnungsmittel zurückgreifen konnten, sondern sich umgekehrt den militanten Drohungen der Belegschaften gegenüber sahen.

Weitere Aktionsfelder waren die Teilnahme an allen großen Mobilisierungen gegen den Krieg und den Kornilow-Putsch-Versuch, die Teilnahme an dem Juli-Aufstand und später die Absicherung der Machtübernahme im Oktober.

Gegen die bewaffnete Arbeiter*innenautonomie versuchten sowohl Duma als auch der Sowjet, diese Formationen stärker einzubinden und einem neuen -ihrem – staatlichen, mindestens aber dem politischen Kommando der organisierten Parteien unterzuordnen. Die Belegschaften und ihre Arbeitermilizen widersetzten sich zunächst ihrer Einbeziehung in die (bürgerlichen) Stadtmilizen der Duma.

Bei der Rekrutierung neuer Mitglieder sollte Verlässlichkeit eine Rolle spielen, immerhin ging es um Waffen, die die Männer und einige Frauen bekamen, die sich nicht für Unterstützungsdienste im Hintergrund wie Waffentransport und Krankenversorgung gemeldet hatten.20

 

 

 

 

 

 

 

Zum Aushändigen von Waffen gehörte jeweils entweder die Akklamation durch das jeweilige Abteilungskomitee (die Putilow-Werke hatten knapp 30.000 Beschäftigte) oder eine Art Zuverlässigkeitsbezeugung durch eine der sozialistischen Parteien, die im Betrieb aktiv waren. Diese doppelte Rekrutierungsweise einmal als Freiwillige aus verschiedenen sozialistischen Parteien und zum zweiten als von den Kollegen gewählte, bestätigte Mitglieder verweist deutlich auf die Tatsache, dass die Arbeitermilizen und späteren Roten Garden keine Parteiformation der Bolschewiki darstellten, sondern autonom zustande kamen und sich selbst regierten.

Politisch kam die ganze Bandbreite der Linken, vor allem auch Anarchisten und „Unorganisierte“ zum Zuge. Auch wenn „die Bewegung“ im Laufe des Revolutionsjahres 1917 von sich aus den Bolschewiki zuströmte, sei es durch Eintritt in die Partei, sei es durch Unterstützung von Aufrufen und inhaltlichen Parolen, waren die Arbeitermilizen quer durch die Bank nach selbstbestimmten Kriterien zusammengesetzt. Wahrscheinlich spielte die Herkunft aus den gleichen Dörfern auch eine Rolle. Das bezeugt Schljapnikow, der Hauptsprecher der Bolschewiki im revolutionären Stadtteil Vyborg, wenn er später meinte, die Geschichtsschreibung über die Roten Garden dürfe nicht so aussehen, dass sie im Widerspruch zur politischen Bedeutung der Bolschewiki bei der Machtergreifung stehe, und es dann so aussehe, dass die revolutionäre Entwicklung wesentlich von autonomen Bestrebungen der Arbeitermilizen geformt worden sei.21 Er selbst war vom Sowjet als zuständiger Beauftragter für die Arbeitermiliz in Vyborg benannt worden, konnte sich aber, so heißt es, in der ersten Zeit wegen Arbeitsüberlastung nicht besonders um die Organisation der Milizen kümmern. Sie lief am Parteigeschehen vorbei.

Diese Frage der Darstellung, wer und was war wichtig, wer hat was gemacht, ist bis heute geschichtspolitisch umstritten. In allererster Linie ist aber die Zensur in der Sowjetunion für ein rundum falsches Geschichtsbild verantwortlich, das spätestens mit der Heroisierung von Lenin bei seinem Begräbnis einsetzte, aber seine Vorgeschichte im intellektuellen Führungsanspruch der Partei und ihrer Propaganda hatte.

Bürgerliche Stadtmiliz

 

Über die Konflikte zwischen verschiedenen Formen der Selbstorganisation in den Stadtteilen, vor allem über die Widersprüche und Konflikte zwischen Arbeitermilizen und der Stadtmiliz der Duma und den unterschiedlichen übergeordneten Institutionen geben sowohl Wade als auch Hasegawa ausführlich Auskunft. Beide betonen den ausgesprochen starken Willen in den Arbeiter*innenstadtteilen zur Selbstorganisation und Selbstbehauptung gegenüber Versuchen der Regierung, eine zentrale staatliche Führung der Polizei neu zu formieren. Milizen waren also, egal in welcher Schicht, Formen der Selbstorganisation, wobei sich die politischen Akzente naturgemäß unterschieden je nach Klassenlage der Organisierenden. Je nach Stadtteil gab es andere Milizen, die sich aus bürgerlichen Menschen, wie Studierenden rekrutierten, und denen es weniger um die Verteidigung der Revolution ging, sondern um „Sicherheit und Ordnung“ wegen der fehlenden Polizei. Diese bürgerlichen Milizen hießen Stadtmiliz. Sie wurden auch von der Stadtduma propagiert und waren in den Vierteln der Wohlhabenden erfolgreich und präsent.22 Man dachte in Kategorien einer Allgemeinheit und ging nicht wie bei den Arbeitermilizen von vornherein von eigenen Unterdrückungserfahrungen und sozialen Einschätzungen bei den Aufgaben einer staatlichen Polizei aus. Dementsprechend war schon, wenn auch nur latent, am ersten Tag nach dem Februaraufstand eine Spaltung der Macht vorhanden, die sich an der Frage der neuen „Ordnungsmacht mit Gewaltbefugnissen“ festmachte. Später gab es heftige Auseinandersetzungen, als die Arbeitermilizen nicht bereit waren, sich dem Kommando der Stadtmiliz unterzuordnen und dort einem neuen bürgerlichen Kommando zu folgen. Mit anderen Worten entsprach der Aufteilung der Macht in die „bürgerliche“ Seite der provisorischen Regierung und die „proletarische“ der Sowjetorgane sofort die entsprechende Aufspaltung der bewaffneten Ordnungsmacht, wo es um den Ersatz für die ehemalige Polizei ging. Die Arbeiter organisierten ihre Arbeitermilizen direkt und unmittelbar in den Fabriken und kümmerten sich nicht um Bürokratien in den neuen Verwaltungen oder ehemaligen Ministerien, die nun unter neuen Führungen agierten,

Der Aufruf des Sowjets, Arbeitermilizen zu gründen, folgte den schon abgelaufenen realen Entwicklungen in den Betrieben ein paar Tage nach; sie waren schon da, als sie offiziell beschlossen wurden. Diese Reihenfolge ist in zu beachten, auch bei anderen Entwicklungen, bei denen die Dokumente den chronologischen Ablauf nicht wiedergeben bzw. die Reihenfolge vertauschen. Liest man nur die Verlautbarungen, Flugblatttexte oder Pressetexte, scheint es so, die jeweilige Verlautbarung sei der Startschuss für irgendetwas gewesen, aber in Wirklichkeit ging dem Inhalt der Texte die Praxis voraus: bei Lenins Werken, auch bei den Dekreten der Oktoberrevolution wird das jeder merken. Die entscheidenden praktischen Aktionen führten erst zur Papierform und nicht umgekehrt. Die Textgläubigkeit, anhand der geschriebenen politischen Beschlüsse oder Propaganda ließe sich ein Bild der Wirklichkeit zeichnen, führt leicht zu Trugschlüssen. Das gilt auch für die Äußerungen von Politikern, die überliefert sind, wie in dem einzigartigen Zeugenbericht von Suchanow. Seine ausführlichen Schilderungen haben den Vorteil, dass er die Unklarheiten, was „draußen“ passiert, häufig kenntlich macht, und damit auch den Abstand der sozialistischen Elite im Sowjet von den einfachen Leuten.

Kriminalität

Über die Kriminalitätsentwicklung und die „polizeilichen“ Anstrengungen der Milizen im Laufe des Jahres hat Hasegawa den einschlägigen Text publiziert.23 Hasegawa führt den Anstieg der Kriminalität im Laufe des Jahres auf einige Grundtatsachen zurück: 1. den Konflikt zwischen zwei „Milizen“, der bürgerlich geprägten Stadtmiliz und der Arbeitermiliz, den Roten Garden; 2. der Dezentralisierung der Aufgaben; 3. der ungenügenden finanziellen Ausstattung der Ordnungskräfte.24 In den Fabriken wurden über Kleinkriminalität und unbefugte Aneignung von Fabrikeigentum lebhafte Debatten geführt.25 Es gab zudem die sog. Samosudy, die aus dem Dorf stammende Selbstjustiz durch die Menge, andere nennen es Lynchjustiz durch den Mob, als Ersatz für fehlende staatliche Strukturen. Man kann dabei ebenfalls einer Reihe von „proletarischen“ Kampfformen ihre Herkunft aus der traditionellen bäuerlichen Art kollektiver Rechtsausübung ansehen. Die Geschichte dörflicher Eigenjustiz ist komplex, weil sie einerseits die Geschichte der Pogrome und andererseits antistaatliche Selbstverteidigung bis hin zu jahrhundertealten Formen von egalitärer Selbstverwaltung umfasst. Sie war scharf getrennt von ihrem Gegenpart, der Sonder- und Willkürgerichtsbarkeit der Aristokraten auf dem Land, in der andere Rechtsvorstellungen und Gebräuche herrschten als im „Rechtsstaat“, der nach 1861 allmählich durchgesetzt werden sollte.26 Unter Bauern spielte der Täter-Opfer-Ausgleich, die Befriedigung des Opfers, die Hauptrolle, nicht das formale Recht.27 Die Differenz zwischen Gerechtigkeitsvorstellungen alter Art in den patriarchalen ländlichen Subsistenzstrukturen und einer Vorstellung rationaler Rechtsstaatlichkeit bei den städtischen Mittelschichten wäre ein eigenes Kapitel, v.a. in Hinsicht darauf, was die ländlichen Gerechtigkeitsvorstellungen mit den schlimmen Formen der Gewalt im späteren Bürgerkrieg zu tun haben, aber auch mit der Geschichte der Pogrome und des Antisemitismus.28 Es wäre ebenfalls zu prüfen, inwieweit ein Teil der ländlichen Vorstellungen über die Art, wie Gerechtigkeit hergestellt wird, bewusst in den neuen Staatsapparat übernommen und dort zu Herrschaftszwecken „umgedreht“ wurde. Meine Vermutung geht dahin, dass die staatliche Propaganda den Staatsterror in der Öffentlichkeit damit legitimieren konnte, indem sie an bekannte dörfliche Formen unmittelbarer Gerechtigkeitsausübung anknüpfte. Es ist weiterhin anzunehmen, dass die spektakulären Formen von Denunziation in den Betrieben, die Wendy Goldman für die Zeit des Großen Terrors entdeckt und aufgearbeitet hat, sich ebenfalls auf bekannte Formen dörflicher Anklageerhebung stützen konnte, also Denunziation vertraut war, aber in ganz anderen überschaubaren Kontexten, die nicht mit dem Tode des Denunzierten endeten.29

Fabrikkomitees

Während auf dem Land die Dorfversammlungen Ausgangspunkte der nach dem Februar einsetzenden Umwälzung waren, so waren es in der Stadt die Fabrikkomitees mit ihren vielfältigen Vernetzungen. Auch wenn wir es schon mehrfach gesagt haben: in der Fabrik reproduzierten sich zunächst alle vertrauten Formen kollektiver Selbstorganisation, die den Massen seit jeher aus ihren Dorfgemeinden vertraut waren, vermischten sich aber mit den anarchistischen, sozialrevolutionären und marxistischen Vorstellungen der politischen Militanten. So gab es bereits vor der Revolution sog. Ältestenräte in der Fabrik, die traditionell waren, ebenso die Artel-Kollektive, eine Art von Handwerkergenossenschaften, die ebenfalls von Ältesten in Art nach alter Sitte geführt wurden.30

Andererseits können wir dem authentischen Bericht eines damals 18-Jährigen jungen Militanten, der bei den Bolschewiki organisiert war, entnehmen, wie schnell die wenigen (marxistisch) Organisierten, die schon vor der Februarrevolution im Untergrund aktiv waren, anfingen, in den Massenversammlungen aktiv zu werden, neue Mitglieder zu rekrutieren und die praktischen, aber auch theoretischen Debatten – voranzutreiben, d.h. sofort, noch während der Februartage selbst im Laufe des Streikgeschehens.31

Dune berichtet über die Entstehung der bewaffneten Fabrikmiliz, (die späteren Roten Garden), die in seiner Firma direkt aus der Entwaffnung des unternehmerischen „Werkschutzes“ hervorging. Auf der Stelle wurde damit begonnen, die Kontrolle und den Umgang mit der Fabrikleitung zu besprechen bzw. Forderungen der Belegschaft zu den wichtigsten Belangen durchzusetzen. Gleichzeitig war damit verbunden, Räume für die Selbstorganisation der Leute zu schaffen und diesen Prozess voranzutreiben. Räume ist auch wörtlich zu nehmen, z.B. eine Hütte auf dem Werksgelände zu bauen, die als Büro und Versammlungsraum diente. Dann ging es um

die Durchsetzung des 8-Stunden-Tags, Vereinbarungen über Arbeitszeit, Säuberung der Verwaltung von untragbaren Vorgesetzten32, Vernichtung von bestehenden „schwarzen Listen“ nicht einzustellender Arbeiter_innen, würdigen Umgang der Vorgesetzten mit den Beschäftigten und Organisation der Arbeit zu menschenwürdigen Bedingungen; Mitbestimmung über Einstellungen und Entlassungen; Vereinbarungen über Lohn, also keine Lohnkürzung wegen der Verkürzung des Arbeitstages;

Beratung über Kampfmaßnahmen und Beteiligung an politischen Mobilisierungen auf allen Niveaus, betrieblich und überbetrieblich;

Aufstellung von bewaffneten Arbeitermilizen, den späteren Roten Garden, in den Betrieben, die für ihre Dienstzeit den betrieblichen Lohn weiter erhielten, also als bewaffnete Arbeiter vom Unternehmer bezahlt werden mussten (nicht ohne Widerspruch, versteht sich);

teilweise Verantwortungsübernahme oder Mithilfe bei der Beschaffung von Rohstoffen, Materialien, und Sicherstellung der Produktion;

Organisation von Arbeiter*innenclubs für das kulturelle und politische Leben der community, die damit eine Teilnahme an Vernetzungen im Stadtteil und politische Debatten ermöglichten; Schaffung eines dichten Kommunikationsnetzes neuer Freundschaften, das sich formal kaum beschreiben lässt, aber bis in die Herkunftsdörfer der Bauernarbeiter*innen reichte; Tauschbörse nicht nur für Nachrichten, sondern für alles, z.B. auch Lebensmittel, durch Verbindungen zum Dorf.33

Die meisten Forderungen und neuen Formen wurden innerhalb der ersten paar Wochen umgesetzt, der 8-Stunden-Tag wurde Mitte März eingeführt, bei vollem Lohnausgleich.

Fabrikkomitees und ArbeiterInnenmilizen brachten eine eigenständige Debatte über Arbeiterkontrolle in Gang. Schon Ende Mai auf dem großen Treffen der Fabrikkomitees wurde verstärkt diskutiert, in Wechselwirkung zu den Selbstermächtigungen im Dorf. Zur Zukunft der arbeitsteiligen Fabrikproduktion stellten sich ungleich komplexere und grundsätzlichere Fragen als im Dorf. Sie waren in der zweiten Jahreshälfte Gegenstand erbitterter, theoretischer wie auch praktisch-orientierter Auseinandersetzungen:

  • Arbeiterkontrolle von unten, als Kampfform gedacht von Seiten der Fabrikkomitees, später als Organe von dezentralen Verhandlungen über die Produktion und Gesellschaftsgestaltung, zur Abschaffung von Lohnarbeit, mit zentralen Diskussionen dort wo nötig- das war der linkssozialrevolutionäre/syndikalistische Ansatz, bei den Anarchistinnen ganz ähnlich;
  • Arbeiterkontrolle in der zentralisierten Variante als Vorform für eine spätere Koordination landesweiter Produktionsplanung interpretiert, das lief auf das leninistische Zentralisierungsmodell hinaus;
  • das klassisch sozialdemokratische Modell, in dem die Arbeiterkontrolle eine Vorform der gewerkschaftlichen Verhandlungsmacht gegenüber den Unternehmensführungen sein würde; die Fabrikkomitees dann die Basisorganisationen der Gewerkschaften zu sein hätten.

Das waren mindestens drei Hauptvarianten, über die schon im Sommer gestritten wurde. Die Gewerkschaftsführungen verlangte erfolglos die Unterordnung der Fabrikkomitees unter ihre Leitung; damit waren auch zunächst Schranken gegen ein zentralisiertes Kommando der Bolschewiki oder der Parteien gesetzt;

Die Fabrikkomitees waren auch in den Kämpfen gegen den Krieg ausschlaggebend, sie waren die Basisorganisationen in Petrograd, von denen fast alle größeren Kämpfe abhingen. Nur leider hat deren Wichtigkeit oft dazu geführt, das Thema „Arbeiterkontrolle“ in der Produktion mit seinen ganz unterschiedlich zu verstehenden Facetten in den Vordergrund zu stellen, und als Ausweis für die Richtigkeit einer anstehenden sozialistischen Verstaatlichung zu bemühen.34

Die Autonomie der Komitees in den Großfabriken blieb gewahrt bis im Herbst der Zusammenbruch der Ökonomie der dezentralen Verfügungsmacht über die Produktionsmittel per Hunger und politischer Spaltungen vorläufig den Boden entzog. Im Sommer trugen die Komitees zur weiteren Stabilisierung und Stärke der sozialen Bewegung der Arbeiter*innen in Petrograd bei.35 Wenn die Arbeiter*innen über „Arbeiterkontrolle“ diskutierten, und war das zunächst alles „was uns im Betrieb selbst angeht“.

Entgegen sozialdemokratisch/ bolschewistischer Logik über die Reihenfolge der geschichtlich notwendigen Epochen wuchs im konkreten Kampf ein selbstgeschaffener Begriff von Sowjetmacht, mit dem sowohl die Arbeiter*innenmacht als auch die Selbstregierung der Dörfer“assoziiert wurden. Er entzog sich jeglicher kapitalistischen Rationalität und Produktivität, indem er die familiäre Reproduktion und deren bewaffnete Verteidigung in den Mittelpunkt stellte („Brot“) und alles von daher entwickelte.

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In den Fabrikkomitees kamen aufständischer Kampf und Verantwortungsübernahme zusammen, wie wir es aus der Geschichte der von Facharbeiter*innen geprägten Arbeiterbewegung kennen bzw. aus der Debatte zur „anderen Arbeiterbewegung“, die sich den anderen Schichten der Arbeiter*innenklasse gewidmet hat.36 Einerseits also Autonomie und Basisdemokratie der Facharbeiterschaft mit der Perspektive der Übernahme von managerialer (Arbeiter*innen-)Kontrolle über den Produktionsprozess (Rätekonzeption); traditionell gehörte auch die sozialdemokratische Trennung von Politik und Ökonomie, also von Partei und Gewerkschaft dazu. Und andererseits die völlige Ablehnung und Verachtung für jede Art disziplinierter Fabrikarbeit unter einem Hallendach und nicht unter freiem Himmel wie gewohnt, mit der übergreifenden Diskussion sämtlicher Kampfinhalte für eine neue Gesellschaft, ohne sich lange mit Zwischenetappen zu beschäftigen, was aus der Erfahrung auch nicht not tat. Diese letztere Fraktion war die zum sofortigen Aufstand neigende, die der Bauernarbeiter*innen, die von der egalitären Dorftradition geprägt war. Die Bolschewiki zielten zunächst auf eine Führung für beide, nicht deckungsgleichen Inhalte: Arbeiterkontrolle und Aufstand, letzteres vorrangig gegen den Krieg. Eine weitere Voraussetzung war im Übrigen die politische Verbindung von Arbeiter_innen und Soldaten in der Stadt, die laut Suchanow durch organisierte Besuche von Arbeiterdelegationen in den Kasernen hergestellt wurde. Vorurteile und Fehlinformationen der bäuerlichen Soldaten über die Arbeiter und umgekehrt wurden in vielen Diskussionen ausgeräumt, wahrscheinlich waren die fabrikinternen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Fraktionen der Arbeiter*innen Grund und Ansporn dafür.37 Dass die Verschärfung der sozialen Umstände, die Versorgungslage, die herausragende Rolle bei der allgemeinen Radikalisierung spielt, – auf die dann nach dem Oktober mit einer großen Abwanderung, nicht mehr mit offenen Mobilisierungen geantwortet wurde, steht auf einem anderen Blatt, dem des Niedergangs der Arbeiter*innenautonomie nach dem Oktober.

 

 

 

 

 

 

Bolschewisierung

Die erste Phase der internen Verbreiterung des Lenin‘schen Ansatzes, der breiteren „Bolschewisierung“ der Bewegung unter den jüngeren Arbeitern und den Frauen, wie sie Dune erwähnt, fand im Mai statt.38 In den Fabriken und außerhalb wurden intensiv Broschüren und Zeitungen der Bolschewiki verteilt und diskutiert, in denen die bolschewistische Opposition gegen die Regierung erklärt wurde. Da ging es um den grundsätzlichen Charakter des gegenwärtigen Regimes als bürgerliches, das Teil des weltweiten Kapitalismus und ursächlich für die Fortsetzung des Weltkriegs sei.

Gegen den Weltimperialismus, der den Krieg zu verantworten hatte, wurde die Basisdemokratie gesetzt. Gegen das Verhalten der deutschen Sozialdemokratie, die den Internationalismus der zweiten Internationale verraten hatte, wurde schon über eine neue dritte Internationale diskutiert. Zu lesen war: „Denn man darf nicht vergessen, daß faktisch in Petrograd die Macht in den Händen der Arbeiter und Soldaten liegt; Gewalt wendet die neue Regierung gegen sie nicht an und kann sie auch nicht anwenden: gibt es doch weder eine Polizei noch ein vom Volk getrenntes Heer, noch ein allmächtig über dem Volke stehendes Beamtentum. Das ist eine Tatsache. Und zwar eine Tatsache, die für einen Staat vom Typus der Pariser Kommune charakteristisch ist. ….Ich ‚rechne‘ nur darauf, ausschließlich darauf, daß die Arbeiter, Soldaten und Bauern besser als die Beamten, besser als die Polizisten mit den praktischen schwierigen Fragen der Steigerung der Getreideproduktion, der besseren Brotverteilung, der besseren Versorgung der Soldaten usw. usf. fertig werden. Ich bin der festen Überzeugung, daß die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten die Selbsttätigkeit der Masse des Volkes schneller und besser zur Entfaltung bringen werden als die parlamentarische Republik …. Sie werden besser, praktischer, richtiger entscheiden welche Schritte zum Sozialismus man tun kann und wie man sie tun kann. Die Kontrolle über die Banken, die Verschmelzung aller Banken zu einer einzigen, das ist noch nicht Sozialismus, aber ein Schritt zum Sozialismus. Solche Schritte tun heute der Junker und der Bourgeois in Deutschland gegen das Volk. Weit besser wird sie morgen zum Nutzen des Volkes der Sowjet der Soldaten- und Arbeiterdeputierten tun können, wenn die ganze Staatsmacht in seinen Händen liegt.

Was aber zwingt zu solchen Schritten?

Der Hunger. Die Zerrüttung der Wirtschaft. Der drohende Zusammenbruch. Die Schrecken des Krieges. Die schrecklichen Wunden, die der Krieg der Menschheit schlägt.“ So weit Lenin.39 Schall und Rauch. Mit solchen Sätzen zu argumentieren, konnte schon 1918 den Job oder auch den Kopf kosten.

In diesem kurzen „Sommer der Anarchie“ 1917 ging es jedoch darum, an der Basis der Bolschewiki die Grundsatzkritik an der Prov. Regierung zu verankern und sie als Arm des Kapitals in den Kontext von Weltkrieg und Ausbeutung zu stellen; darauf zu orientieren, die Staatsmacht zu erobern, aber nicht etwa, um dann Sowjetdemokratie und gerade erzielte Kampfergebnisse obenan zu stellen und zu verlängern. Dass die Räte-Konzeption zu Lenins staatskapitalistischen Grundideen einer nachholenden staatlichen Akkumulation von vornherein im Widerspruch standen, dass Lenin seine Linie und Argumente ständig an wechselnde Lagen anpasste und seine Position aus taktischen Gründen änderte, hatte schon Anweiler herausgearbeitet.40 Insofern handelte es sich beim Leninismus bzw. Lenins Texten noch nie um eine zusammenhängende Revolutionstheorie, sondern um ein Lehrbuch mit diversen Kapiteln, wie in taktisch wechselnden Lagen Macht über soziale Bewegungen zu erlangen sei.41

Das alles war den Arbeiter-Bolschewiki 1917 natürlich nicht klar und konnte es in ihren Konsequenzen auch nicht sein. Hier soll nur noch in Hinsicht auf die Gründe angemerkt werden, dass eine staatlich gelenkte nachholende Industrialisierung von den bolschewistischen Theoretikern als Zerstörungsprozess der Subsistenzwirtschaft gedacht wurde, als Angriff auf die Ernährungsautonomie der Familienwirtschaft im Dorf.42 Genau dies wurde als Programm schon 1918 propagiert, aber von den Bauern selbst durchkreuzt und der faktische Zustand m Sinne der revolutionären Bauerngesellschaft programmatisch von der Partei der Linken Sozialrevolutionäre im Januar 1918 im Grundgesetz über das Land zumindest auf dem Papier festgeschrieben. Eine andere Frage bestand darin, woher das Kapital für eine Industrieentwicklung hätte herkommen sollen. Von außen, durch befreundete revolutionäre Regierungen im Westen oder aus dem eigenen Land, das dann in die Überausbeutung der Bauernschaft, Zwangsarbeit und Lagerhaft der einheimischen Arbeitskraft mündete? 1917 schreibt Lenin, dass gegenwärtig, Ende April 1917 die Organe des klassischen Staates zerschlagen und damit die Möglichkeit gegeben sei, in einer offenen historischen Situation, in der noch nichts festgeschrieben sei, einen weiteren Schritt von unten zu konzipieren. Diese Taktik war ein Zugeständnis an den basisrevolutionären Prozess, Mittel auch, sich seiner zu bemächtigen, verbirgt aber Lenins Begeisterung besser: Überzeugung, für eine zentral gelenkte Wirtschaft nach dem deutschen Vorbild, aber auch nach Witte43 nur unter sozialistischer Führung. Die engen Beziehungen zur Siemens-Führungsspitze über Freund Krassin sind schon früh von Carr als Beleg herangezogen worden.44

Zusammengenommen stellten die Fabrikkomitees sicherlich ebenso wie die dezentralen Dorfversammlungen und die Soldatenkomitees die vibrierenden Zentren des revolutionären Geschehens dar. Hier spielte die Musik auf der sozialen Grundebene, die den höheren Etagen sowohl die Dynamik als auch das, was taktisch möglich war, vorgaben. Nach Dunes Meinung war es so, dass die meist jungen Bolschewiki (so wie er), die Revolution vorantreiben wollten, während die anderen (Parteien) sie begrenzen wollten.45 Über die Menschewiki sagt Dune, dass sie in seiner Firma die älteren und politisch erfahrenen Facharbeiter gewesen seien, die mehr Ahnung über alles gehabt hätten und sich für die betriebsinternen Zahlen und Fakten mehr interessiert hätten, während die jungen Bolschewiki weniger Ahnung gehabt, dafür aber mehr Begeisterung für die Ausweitung der Kämpfe gezeigt hätten.46

 

 

 

8.2. Die Massenmobilisierungen gegen den Krieg

 

 

Drei Wellen der Mobilisierung

Wir werden hier nicht auf die Breite der Streiks vor dem Oktober oder auf die komplexen Vorgänge in den Provinzstädten47, auch nicht auf das Vordringen der sozialen Bewegungen als neue revolutionäre Alltagskultur eingehen, sondern unser Augenmerk auf die zentrale Drehachse der gesamten Entwicklung richten: die Mobilisierungswellen gegen die Fortsetzung des Krieges zwischen März und September 1917, vor allem in Petrograd. Sie sind ausschlaggebend und interessant, weil in ihnen der nicht lösbare Antagonismus zwischen Bauerngesellschaft/Revolution und Imperialismus in mehreren Etappen bis zum Machtwechsel ausgekämpft wurde. Damit sollen die autonomen Kämpfe der Fabrikkomitees um Einkommens- und Arbeitsangelegenheiten nicht heruntergespielt werden. Wir orientieren uns hier zunächst an der übergreifend wichtigen Empörung von Bauernarbeitern*innen gegen die Fortsetzung des Kriegs. Das lässt sich anhand der zeitlichen Dynamik, der Wellenform der Mobilisierung und ihrer politischen Bedeutung begründen.

Die Mobilisierungen gegen die Kriegspolitik richteten sich konkret

im April gegen die Zusage der weiteren Kriegsbeteiligung durch den Außenminister Miljukow als Vertreter des Kapitals;

– im Juni und Juli gegen die neue Kerenskij-Offensive an der Front und den Versuch, soldatische Disziplin mit Wiedereinführung der Todesstrafe zu erzwingen, kombiniert mit der Auflösung revolutionär gestimmter Militäreinheiten in der Hauptstadt;

im August um die Abwehr des offen gegenrevolutionären Staatsstreichs von Kornilow.

Wegen der Fortsetzung des Krieges verloren die Menschen jegliches Vertrauen in die Prov. Regierung, so dass der Betrachter oder die Betrachterin sich rückschauend fragt, warum diese Kriegspolitik so starrsinnig verfolgt wurde. Für kluge Beobachter wie Suchanow war klar, dass nur ein rechtzeitiger Ausstieg aus dem Krieg und eine radikale Reformpolitik in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, spätestens im Mai, den Radikalisierungsprozess zur Revolution hin hätte verhindern können.

Von Anfang an sahen sich die gemäßigten Sozialisten in einem Dilemma. Einerseits war für sie, wie für alle Sozialdemokraten, zunächst auch für die Bolschewiki, klar, dass es ein Etappenmodell gebe, nach dem der Sozialismus in Russland noch nicht „dran“ sei. Von dieser Ideologie aus war ein Bündnis mit den Unternehmerschichten, dem international agierenden Kapital unumgänglich, das in der Regierung durch die Partei der „Kadetten“ und andere Parteien vertreten war. Der Kapitalismus sei nicht zu verhindern, sondern ein notwendiges Durchgangsstadium. Das bedeutete aber, dass in der Frage der Fortsetzung des Krieges die Klasseninteressen pur aufeinanderprallten, weil die Bauernsoldaten und Arbeiter*innen kein Verständnis für Etappenmodelle, imperialistische Kriegsziele und historische Notwendigkeiten aller Art hatten. Mit der Doppelherrschaft war die Erwartung verbunden, dass der Sowjet die reaktionäre Kriegspolitik der Regierung und des globalen Kapitals schnellstmöglich zu beenden habe.

Der anderen Seite ging es darum, dass sowohl das russische als auch das westliche Kapital und seine Eliten ein dringliches Interesse an der Fortsetzung des Krieges bis zu einer deutschen Niederlage hatten. Sowohl in Russland als auch bei den Alliierten kam ein Friedensschluss nicht Frage Da das russische Kapital über Lieferverträge und Schulden mit der Kriegsindustrie von England und USA verbunden war, und diverse Geheimabkommen über die Kriegsziele existierten, wäre ein Ausstieg für die herrschenden Kreise beiderseits fatal gewesen.48 Eine Kehrtwendung Russlands zum Frieden zu diesem Zeitpunkt wäre einem Crash der Entente in der internationalen Kriegskonstellation gleichgekommen. In der Geopolitik wäre es darauf hinausgelaufen, Osteuropa und Russland dem deutschen Kapital für Zukunftsinvestitionen und seine wirtschaftlichen Raumordnungsinteressen (soziales Gefälle für ein„deutsches Indien“) zu überlassen, während amerikanisches, englisches und französisches Kapital das Nachsehen gehabt hätten. Und diese Lage galt parallel auch für die Konkurrenz auf globalen Märkten, die der Hintergrund für den Krieg gewesen war. Es wäre also unter dem Strich auf einen Sieg Deutschlands im Krieg hinausgelaufen.49

Die englische Politik argumentierte gegenüber der Provisisorischen Regierung, dass eine Friedenspolitik die Lage im Inneren nicht stabilisieren würde, sondern dass nur der Krieg selbst eine neue nationale Moral und Disziplin zurückbringen werde. Sie weigerte sich strikt, in eine Diskussion mit der russischen Regierung über eine Änderung der Kriegsziele einzutreten.50 Kerenskij handelte nach diesen Vorgaben.

Widerstrebend folgte die gemäßigte sozialistische Politik der imperialistischen Außenpolitik in der Koalition mit den bürgerlichen Kräften in der Regierung und kam von der zuvor konzipierten Friedenspolitik wieder ab. Sie sah nach dem Scheitern der Stockholmer Friedenskonferenz im Juni 1917 ebenso wie die bürgerlichen Politiker ihr Ziel in einer schnellen Stabilisierung im Inneren und billigte die neue Offensive. In der Historiographie ist man sich wohl einig, dass damit die Stärke der revolutionären Sozialbewegungen unterschätzt und ein anderer Ausgang der Revolution verspielt wurde.

Drei radikale Kampfwellen entwickelten sich im Laufe des Jahres gegen die Kriegspolitik der Regierung. Sie forderten den grundlegenden Politikwechsel ein. Jedes mal, wenn vom Staat ausgeholt wurde, um die Gesellschaft auf die Fortsetzung der Kriegsanstrengungen auszurichten, gab es entschiedenen Protest. Die Bewegung war anschließend stärker und die Bolschewiki ebenso.

Wie ist nun das Verhältnis zwischen der Parteiorganisation der Bolschewiki und der autonomen Entwicklung der Massenbewegungen ab Ende Mai zu beurteilen? Folgten die Massen den Vorgaben der „Führung“ durch die Bolschewiki oder war es umgekehrt? Oder beides gleichzeitig? Gab es eine Bolschewisierung der Bewegung oder eine Proletarisierung/Verbäuerlichung der Partei zu einer Bewegungspartei? Einige Grundfragen zum Verhältnis von Disziplin und Kriegsfortsetzung wirft Altrichter auf, indem er die entscheidenden sich ausschließenden Pole pro und contra Krieg als Ursache für die Polarisierung zur Sprache bringt. Dazu gehörte vor allem die Todestrafe, die für die Fortsetzung des Krieges für die Provisorische Regierung anscheinend unerlässlich schien. Aber: um sich für oder gegen die Fortsetzung des Krieges zu entscheiden, dazu brauchte es keine Hilfestellung, sondern das war als Hauptinhalt der Februarrevolution schon klar gewesen. So agierten die Bolschewiki auf dem Hintergrund eines schon vorhandenen Konsenses, der den Menschen nicht beigebracht werden musste. Organisationen wuchsen auch ohne intellektuelle Hilfe aus den Vereinigungen in Fabriken und Kasernen hervor. Um sich mit lautstarker Propaganda an die Spitze der vorhandenen Emotionen zu setzen, bedurfte es nicht unbedingt eines ausgeklügelten Plans oder einer Spezialtaktik, nur einer deutlichen Absetzbewegung gegenüber den bürgerlichen bzw sozialdemokratischen Kräften innerhalb des Parteienspektrums, die in der Regierung und auch im Sowjet die Balance zur internationalen Kriegskoalition des Kapitals herstellten.51

 

 

 

 

 

 

Im April

 

Im April versuchte die Regierung aus Bürgerlichen und gemäßigten Sozialisten eine Täuschung über die Fortsetzung des Krieges, indem sie einerseits nach innen über den Sowjet den Verzicht auf einen Krieg bis zum Sieg und eine nur defensive Landesverteidigung ohne Annexionen und Kontributionen versprach, andererseits aber nach außen den Westmächten die unbedingte Vertrags- und Bündnistreue bei der Fortsetzung des Krieges zusicherte.52

Als die sog. Miljukov-Note an die Engländer mit der Zusicherung, den Krieg unbedingt wie besprochen fortsetzen zu wollen, an die Öffentlichkeit gelangte, kam es zur ersten neuen Massenmobilisierung auf den Straßen Petrograds nach dem Februar, zu Demonstrationen mit Todesopfern und Konfrontationen mit Patrioten. Deswegen musste Außenminister Miljukow und einige Spitzenfunktionäre des russischen Kapitals aus der Regierung des Landes zurücktreten. Schon diese Aprilkrise schrieb die Zeichen an die Wand: raus aus dem Krieg oder Untergang der bürgerlich orientierten Kompromisskräfte. Auch dies ist bei der Bezeichnung Coup, Putsch oder Machtergreifung für den roten Oktober, wie die Ereignisse von einigen Historikern bezeichnet werden, zu beachten. Der revolutionäre Prozess war unübersehbar eine radikale Gegenbewegung gegen den Krieg, und wer ihn fortsetzen wollte, musste fallen. War es genial, sich darauf einzustellen?

 

 

 

 

 

 

Im Juni/Juli

Verweigerung gegen den Krieg

An der Front machten sich Mitte Mai die Vorbereitungen für eine neue Offensive bemerkbar, auf die die Soldaten im Laufe der Zeit immer heftiger reagierten.53 Zahlenmäßig und ausrüstungsmäßig war die russische Armee der deutschen überlegen und auf einen neuen Stand bei der Artillerie gebracht worden. Allzu reaktionäre Armeegeneräle an der Spitze waren abgelöst und durch scheinbar demokratischere und taktisch anders denkende wie Brussilow ersetzt worden. Als die Soldaten wegen der Verschiebung von Einheiten feststellten, dass der Krieg von der eigenen Regierung fortgesetzt werden sollte, setzte eine teils offene, teils versteckte Weigerung mit weiter steigenden Desertionen ein. Es wurde breit diskutiert, ob bestimmte Befehle überhaupt zulässig wären und befolgt werden müssten, da doch anscheinend klar war, dass Russland nach der Revolution nur noch Frieden wollte und sonst nichts. Ein ausgiebiges Hin und Her über die Absetzung unbeliebter Offiziere setzte ein, bei denen die verschiedenen Ebenen der Soldatenkomitees alle Hände voll zu tun hatten, um offene Rebellion und Aufstände direkt in Frontnähe zu vermeiden. Kerenskij hatte inzwischen wichtige Rechte der Soldaten per Erlass kippen lassen. Die Wiedereinführung der Todesstrafe in Frontnähe stand auf der Tagesordnung.

Nun wurde von oben her heftig patriotische Stimmung gemacht, natürlich ging es im Krieg allein angeblich um die Verteidigung der Revolution. Kerenskij reiste von Truppenteil zu Truppenteil und es gelang ihm tatsächlich, die Leute auf seine Seite zu ziehen und kurzfristig für die „Verteidigung der Heimaterde“ zu begeistern. Von der Politik wurde daraufhin eine optimistische, autosuggestive Einschätzung über die Moral der Truppen verbreitet, obwohl besonders im Norden in Reichweite von Petrograd offensichtlich war, dass sich die Soldaten weigerten, erneut zu kämpfen. Schreckgespenst war die bolschewistische Agitation in den Schützengräben, an Bahnhöfen und im Hinterland.54 Ende Mai, Anfang Juni begann eine offene Protestwelle gegen die anlaufende Offensive unter den Soldaten. Ganze Regimenter konnten nur mit Mühe davon abgebracht werden, gegen eine Truppenverschiebung zu streiken.55 Andere wurden aufgelöst, weil sie völlig ungehorsam waren. Am 20.06. nach der Großdemonstration vom 18. Juni (1.7. nZ) beschloss z.B. das Erste Maschinengewehr-Regiment in Petrograd, nur 10 statt 30 Einheiten an die Front zu schicken.56

Das patriotische Strohfeuer, das ausgelöst worden war, erlosch schon wieder und in Petrograd kochte es gegen die Regierung. Es wurden Resolutionen verabschiedet, die sich gegen die Offensive aussprachen. Suchanow schreibt: „Soldaten zogen in gewaltiger Zahl auf selbstgenehmigten Urlaub nach Hause. Sie verstopften alle Eisenbahnen, gingen mit Gewalt gegen die Verwaltung vor, warfen Passagiere hinaus, drohten das ganze Transportwesen zu lähmen und wurden allmählich zu einer öffentlichen Plage. Den Deserteuren wurden Fristen für die Rückkehr gesetzt, dann wurden diese Fristen verlängert und die Aufforderung durch Androhung von Zwangsmaßnahmen verschärft. In der ‚Beratung für die Konstituierende Versammlung‘,…, wurde beschlossen, den Deserteuren das Wahlrecht zu entziehen; Kerenskij plante, ihnen auch das Recht auf Land zu nehmen. Aber das half alles wenig.“57

 

Dacha Durnovo, Juni-Demonstrationen 10. und 18. Juni (a.Z.)

Nicht nur bei den Truppen in Frontnähe wuchs die Erbitterung und Wut über die unverschämte und intransparente Kriegspolitik der Regierung, wozu hatte mensch dann überhaupt die Revolution mit vielen Opfern im Februar gemacht, wenn dieser Krieg einfach weiter ging, nichts funktionierte, und alles noch knapper und teurer wurde? Eine große Streikbewegung griff um sich, z.B. streikten die Petersburger Waschfrauen, in Moskau und in der Provinz begannen ebenfalls Massenstreiks.

In Im Petrograder Stadtteil Viborg war die geballte Macht von unten konzentriert, wegen der vielen Fabriken, der überbelegten Wohnungen und der Konzentration von politischen Aktivisten*innen unter den Arbeiter*innen. So war es dieser Stadtteil, von dem immer wieder die entschiedensten Aktionen ausgingen, wie schon am Frauentag im Februar (23.2./ 8.3.17). Am Rande dieses Stadtteils hatten die Anarchisten ihr politisch-soziales Zentrum, die sog. Dacha Durnovo.58 Die besetzte Villa eines ruhmreichen Adelsgeschlechtes diente nun als soziales Zentrum mit Lese-, Diskussions- und Arbeitsräumen z.B. für die Bäckergewerkschaft, z.B. für Frauen mit ihren Kindern, z.B. als Treffpunkt für gemeinsame Erholung und politischen Austausch. Hier wurden weitergehende Besetzungsaktionen geplant, zuletzt die Besetzung einer rechten Zeitungsdruckerei am 05.06.. Die Besetzer*innen der Druckerei wurden von regierungstreuen Soldaten geräumt und anschließend am 07.06. wurde der gesamten anarchistischen Szene, die in der Bevölkerung von Vyborg gut verankert war, erklärt, sie hätten 24 Stunden Zeit, die Villa zu räumen. Offensichtlich fühlte sich die Regierung stark genug, mögliche Aktivisten von Anti-Kriegsaktionen einzuschüchtern. Dem sollte auch dienen, ihnen die Stadtteilbasis zu nehmen. Am folgenden Tag erschienen jedoch 50 oder mehr Marinesoldaten aus Kronstadt, um die Villa zu verteidigen. Sie gingen danach zusammen mit Leuten aus dem Stadtteil in die Fabriken, um zu Aktionen zu mobilisieren. Nun wurde der Garten der Villa zum allgemeinen Treffpunkt im Stadtteil.

Am Morgen des 8. (21.) Juni begannen in Vyborg in 28 Fabriken Streiks.59 Ein Staatsanwalt, der für die Räumung der Villa sorgen sollte, kehrte mit einem Bericht über die friedliche Nutzung des Hauses unverrichteter Dinge zurück. Am Haus fanden Versammlungen stattfanden, die zweimal eine Delegation zum Exekutivkomitee des Sowjet schickten, aber keine Rücknahme des Räumungsbeschlusses erreichten. In der Presse wurden die Besetzungen hochgekocht und als illegal gebrandmarkt. (Man setze diese Positionierung der Presse zu den landesweit stattfindenden Besetzungen von Gutsländereien in Beziehung.) Mit der Pressekampagne erreichte man das Gegenteil bei den Vyborger*innen, nämlich die Distanz zur Führung des Sowjets und zu den bürgerlichen Schichten in der Stadt zu vertiefen.

Aus der neuen Situation heraus, die als umfassender Angriff auf die einfachen Menschen erschien, bereiteten allen Aktiven von Vyborg einen Protestzug gegen den Krieg, gegen die Regierung und gegen die Repressionen gegen die Anarchisten und gegen die angekündigte Räumung der Durnovo-Villa für den nächsten Tag, Samstag, den 10. Juni, vor. Dazu findet sich einer der typischen Sätze von Historiker*innen: „In einer Atmosphäre wachsender Polarisierung versuchte die bolschewistische Parteiführung, die Unzufriedenen hinter den eigenen Fahnen zu sammeln“, so Altrichter.60 Es war aber nicht die Parteiführung, sondern die Basis, die aktiv wurde und es blieb auch nicht bei Versuchen. Die Formulierungen von Altrichter vermeiden hier leider, genau zu werden und die konkreten Aktionen und Verhaltensweisen, die Stimmung und der Praxis an der Basis und im Unterschied dazu bei der Bolschewiki-Spitze herauszuarbeiten. Die uns interessierende Frage nach dem Verhältnis von Basisaktivitäten zur Führung ist schon vorab beantwortet. Wir beantworten sie umgekehrt. Dass also die Stimmung und die Aktionen der „Unzufriedenheit“ zuerst kamen, und sich die Führung der Partei dann anschließend danach gerichtet hat. Dieses Muster der Ungenauigkeit oder verzerrten Darstellung dürfte kein Einzelfall in der Geschichtsschreibung zur Oktoberrevolution sein.

Am Freitagabend des 9. Juni, am Tag vor der angekündigten Großdemonstration, brach im Sowjet Panik aus, weil ein regelrechter Aufstandsversuch möglich schien, nachdem auch einige den Bolschewiki nahestehende Regimenter beschlossen hatten, sich an der Demonstration bewaffnet zu beteiligen. Man befürchtete eine bewaffnete Aktion oder sogar mehr gegen die Regierung. Erkundigungen ergaben, dass die Stimmung nicht nur wegen der Dacha Durnovo, sondern allgemein am Kochen war.61 Im Sowjet folgten heftige Auseinandersetzungen mit dem Ergebnis, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Großaktion zu verhindern. Ein Demonstrations-Verbot wurde ausgesprochen. Die Bolschewiki-Spitze wurde aufgefordert, sich von dem Vorhaben zu distanzieren und es zu verhindern, andernfalls würde es wegen des Einschreitens regierungstreuer Einheiten ein Blutbad auf der Straße geben. Daraufhin distanzierten sich die Bolschewiki von einer Urheberschaft, was auf die Spitze sicher zutraf, aber nicht auf die eigene Basis in den Kasernen, in Vyborg, Kronstadt und anderswo, und schon gar nicht auf Anarchist*innen und linke Sozialrevolutionär*innen, die überall ebenfalls aktiv waren. Diese Doppeltheit ist hier wiederum zu beachten.

Die Bolschewiki-Leitung, von der diese Demonstration gar nicht ausgegangen war, über die sie aber im Bilde war, veranlasste wegen der Drohungen der Sowjet-Mehrheit die eigenen Parteimitglieder, die Mobilisierung einzustellen und die Aktionen abzublasen.62 Die Demonstration fand nicht statt.

Jetzt wähnte die Sowjet- Führung die Situation günstig und ließ sich dazu hinreißen, eine Ersatzdemonstration mit umgekehrten Vorzeichen für das nächstfolgende Wochenende, den 18. Juni, anzukündigen, also zu versuchen, die Stimmung auf diese Weise zu wenden. Die Führungen der gemäßigt sozialistischen Parteien meinten, sie könnten die Massenstimmung drehen und mit patriotischen Parolen für eine neue Kriegsbegeisterung mobilisieren, so wie es dem Redner-Talent Kerenskij kurzfristig an der Front gelungen war.63 Das war eine krasse Fehleinschätzung.

Die Arbeiter*innen in Vyborg und anderswo waren sauer, weil ihnen just „ihre“ Demonstration weggenommen worden war. Nun waren sie froh, ihren Protest offiziell zeigen zu können und nutzten die Staatsmobilisierung für das folgende Wochenende dazu, deren Inhalte – für den Krieg – ihrerseits umzudrehen und gegen den gerade stattfindenden Beginn der neuen Frontoffensive zu protestieren. Dazu kam alles, was sich schon verbreitet hatte, das von den Bolschewiki und anderen Strömungen auf den Punkt gebrachte, aber schon seit dem Februar existierende Basisprogramm. Dazu gehörte auch die Forderung an den Sowjet, nun endlich selbst die Macht in der Stadt und im Lande zu übernehmen und die provisorische Regierung samt Kerenskij zu entsorgen.

Wenn es in der Literatur heißt, dass die Demonstration am 18.6 zum Tag der Bolschewiki wurde, bedeutete das, dass nach vorheriger intensiver Agitation aller radikalen Gruppen die Arbeiter*innen und Soldaten sich voll umfänglich mit ihren Forderungen gegen die Regierungspolitik gestellt hatten. Der überall sichtbare Forderungskatalog der fast 500.000 Demonstranten*innen drückte genau das Gegenteil der von der Regierung für die Demonstration vorgesehenen Inhalte aus. Die Menschenmassen forderten die Unterlassung jeder Disziplinierung und Verlegung der Soldaten, welche eines der Hauptanliegen der Regierung war. Somit dürfte dieser große Zug den sichtbaren Umschlagspunkt markiert haben, den Anfang vom Ende für das Regime der Doppelherrschaft, der Provisorischen Regierung und der gemäßigten Sozialisten im Sowjet. Ausgangspunkt war der Grundwiderstand gegen die Einberufung an die Front und überhaupt das Ansinnen, den Krieg fortsetzen zu wollen, mit allen leicht durchschaubaren Folgen für herrschaftliche Disziplin.64 Damit war auch das Kalkül der Bündnismächte, der Rat der englischen Dipomatie, über den Krieg das Rad zurückzudrehen, gescheitert.

Die russische Revolution stand jetzt nicht einem schwachen Übergangsregime gegenüber, sondern einer Bündnisfront des globalen Kapitals und seiner Teilfraktionen in Ost-, West- und Mitteleuropa. Das war dreimal Reaktion: die weiße Reaktion in Russland selbst; das deutsche Kaiserreich und die Hintergrundmacht der provisorischen Regierung, das alliierte Kapital von London, Paris und New York.

 

Juliaufstand‘4./5. Juli (a.Z.)

Während an der Front am gleichen 18. Juni (1.7. n.Z.) die Offensive startete und man damit wieder mitten im Bewegungskrieg landete, radikalisierte und verbreiterte sich die Bewegung überall: auf dem Land mit dem Anschwellen der Bauernaktionen; an der Front mit der Verweigerung und Desertionen; und in den Städten neben der aufgeregten Aufstandsstimmung auch Gereiztheit und Übergriffigkeiten wegen der Versorgung und den damit verbundenen Geld- und Ernährungsproblemen.

Petrograd war ein Sonderfall. Nach der erfolgreichen Großdemonstration vom 18. Juni (01.07. nZ) diskutierten während der nächsten zwei Wochen die Aktiven intensiv in Fabriken, Kasernen und Stadtteilen über den fälligen nächsten Schritt; nun war es an der Zeit, die Politik der Regierung nicht nur anzuprangern, sondern mit einer neuen Aktion eine Wende wie bei der großen Februarrevolution herbeizuführen. Aus den Berichten zur Vorbereitung geht hervor, dass die Aktiven meinten, man brauche dazu nicht auf die Weisung von Parteiführungen zu warten, sondern könne selbst an den Orten der Macht demonstrieren und die „kapitalistischen Minister“ und die ganze bisherige Regierung zur erneuten „Abdankung“ bringen und so den dringenden Politikwechsel erzwingen. Zur Vorbereitung wanderten zahlreiche Besprechungsteams zwischen Kasernen und Fabriken hin und her; vor allem auch von Kronstadt aus gab es intensive Besuche von Delegationen in der Stadt, die die Großaktion mit organisierten: Keineswegs war der Juli-Aufstand eine Spontanaktion nur des 1. Maschinengewehrregiments, das unter bolschewistischem Einfluss stand, sondern alle Militanten in der Stadt waren längst unterwegs, die 30.000 Arbeiter*innen der Putilow-Werke warteten dringlich auf eine Lösung genauso wie die Frauen in den Stadtteilen. Trotzdem war die Führung der Bolschewiki mehrheitlich gegen die Aktion, weil sie nicht wollte, dass sie sich selbst zu sehr exponierten und als Verantwortliche dastünden, wo sie doch keine Kontrolle über die autonom agierende eigene Basis und die Massenbewegung hatte. Aber noch einmal gegen die Aktivisten*innen alles abblasen wie am 10.6. bereits geschehen, ging auch nicht. Chamberlin schreibt über die Bolschewiki zu diesem Zeitpunkt:

Wenn sie abseits der Bewegung blieben, liefen sie Gefahr, ihren Einfluss auf die Massen und jede organisierte Führung völlig zu verlieren oder in die Hände von Anarchisten und Einzelagitatoren gleiten zu lassen. Verbanden sie sich aber mit einer Bewegung, die zahlreiche Züge der bewaffneten Revolte aufwies, dann setzten sie sich den Folgen einer Niederlage aus, wenn die Bewegung Schiffbruch erlitt.“65

Überraschend war die Juli-Aktion keineswegs, weil vorher genug über die Mobilisierung bekannt geworden war. Die gegenrevolutionären Kräfte konnten sich vorher verständigen, wie sie reagieren würden: Keine unmittelbaren Zugeständnisse an die Straße oder die Bolschewiki, die sie so oder so als Drahtzieher verantwortlich machen würden; geheimdienstliche Gegenpropaganda, der Aufstand sei eine Aktion der Deutschen, angeführt von einem deutschen Spion namens Lenin; militärische Zerschlagung soweit möglich durch Einzelfeuer von Schützen, die in die Massen feuern würden, um Panik auszulösen; Herbeiführung von loyalen Truppen von auswärts, um den Aufstand gewaltsam niederzuschlagen.66 Insgesamt waren informell die Vorbereitungen für eine dezentrale Aufstandsbekämpfung wie auch die anschließende Repression im Gange. Anders als vielfach behauptet, gab es bei den Demonstranten_innen keinerlei Unklarheit über die politischen Ziele der Aktion. Diese waren sehr klar: sofortige Einstellung der Kriegsoffensive; Rücktritt und Auflösung der prov. Regierung; Machtübernahme durch einen neu zu wählenden Sowjet; Friedensschluss; genügend billige Lebensmittel und Legalisierung der Landverteilung.

Ohne dass den Teilnehmer_innen der Aufmärsche dies bekannt war, waren schon vor den Aktionen Verabredungen im Sowjet für das Totlaufen-Lassen der Aktion getroffen worden. Nur die Aktiven von der Straße wussten noch nicht, dass ihre Aktion mit einem schroffen Nein bzw. Nichtbeachtung beantwortet werden würde; ihnen war nicht klar, dass die gewählten Sowjetvertreter die Macht gar nicht übernehmen wollten.67

In der Literatur finden sich Einzelheiten über Vorbereitungen und Ablauf. Beispielsweise der Bericht über die Reden auf dem Ankerplatz in Kronstadt am 03.07., wo ein bekannter Anarchist namens I.S. Bleichman dazu aufforderte, die Stellungnahmen des Sowjets und der politischen Parteien zu ignorieren, die Provisorische Regierung zu stürzen, so wie man im Februar auch keine Führung gebraucht habe.68

Am ersten Tag der Massenaktion lieferten sich die Boten zweier politischer Richtungen einen Wettlauf: einerseits die Abgesandten aus der Bewegung, die überall für die Teilnahme an der Straßenaktion mobilisierten, wie geplant; andererseits Abgesandte der Bolschewiki-Führung, die bemüht waren, die Bewegung aufzuhalten und zur Umkehr zu bewegen.

Am dritten Juli fand eine stadtweite Versammlung der Fabrikmilizen/Roten Garden statt, die sich sofort mit den Massenaktionen beschäftigte. Bemerkenswerterweise wurden zwei Anarchisten zu Leitenden eines neuen „Komitees für die Bewegung“ gewählt. Im Moment dieses breit getragenen Aufstands hielten sich die führenden Bolschewiki zurück und überließen den Anarchisten die Führung, stellt Wade fest.69 Das genannte Erste Maschinengewehrregiment, das angeblich voll unter bolschewistischer Kontrolle stand, ließ sich durch die entsandten führenden Funktionäre der Bolschewiki genauso wenig wie die mobilisierten Menschenmassen aufhalten und erschien vor dem Hauptquartier der Bolschewiki, der Villa Kscheschinnskaja. Die Soldaten schrien ansonsten beliebte Redner wie die Bolschewiki Laschewitz und Kurajew nieder, als diese versuchten, sie zur Umkehr in die Kasernen zu bewegen. Andere Demonstrationszüge waren schon längst auf dem Weg in die Stadt und skandierten „Alle Macht den Sowjets!“

Allein von den Putilow-Werken her bewegte sich eine Marschkolonne von 30.000 Arbeiter*innen mit 2000 bewaffneten Arbeiter*innen an der Spitze auf das Stadtzentrum zu.70 Frauen mit Kindern waren auch dabei. Die Bolschewiki-Verantwortlichen versuchten weiterhin, die Bewegung aufzuhalten; als das nicht gelang, wollten sie die Führung übernehmen, was ebenfalls nicht gelang, sondern das Chaos von Vor und Zurück verstärkte. Insgesamt hatte die Riesenaktion geschätzt 300.000 bis 350.000 Teilnehmer*innen mit zwischen 40 und 60.000 Soldaten, darunter die Kronstädter Matrosen.71

Es wäre diesen riesigen Menschenmassen auf den Straßen leicht möglich gewesen, die Macht zu stürzen: Ein paar entschlossene Gruppen hätten die Regierung festnehmen und irgendeinen Notausschuss einsetzen können, wenn das denn der Plan gewesen wäre. Es war ja eine bewaffnete Demonstration mit tausenden von Arbeitern und Soldaten mit Gewehren und sonstigem in der Hand. Keine Polizeiaktion wäre überhaupt denkbar gewesen, die einen Sturm auf die Regierungsgebäude hätte verhindern können. Das politische Ziel war jedoch, um es noch einmal zu wiederholen, die sozialistischen Minister in der Provisorischen Regierung dazu zu bringen, die Koalition mit allen Kriegsbefürwortern zu beenden, Kerenskij und weitere rechte Sozialrevolutionäre aus der Regierung zu werfen und mit linken Leuten die Regierungsmacht entweder direkt oder als Sowjet zu übernehmen. Dann sollte die laufende Offensive an der Front beendet und alle anderen lange erhobenen Forderungen wie die Legalisierung der Landumverteilung in der längst fälligen verfassungsgebenden Versammlung, der Konstituante, durchgesetzt werden. Das wäre die Vorwegnahme des „Oktobers“ gewesen, von „der Straße“ allerdings, den Petersburger Massen, kein „Coup“ unter Führung von Lenin und Trotzki. Die inhaltlichen Hauptforderungen im Juliaufstand und während des Herbstes unterschieden sich nicht. Aber der Juli war autonom, der Oktober war eine einholende Parteiaktion unter anderen Voraussetzungen, um Kontrolle zu gewinnen.

Für die Parteienkonstellation war es ab jetzt zu spät, noch auf einen Ausgleich und eine gleichberechtigte Koalitionsregierung aller linker Parteien zu setzen. Jetzt kam noch die Verfolgungswelle gegen den Sündenbock, die Bolschewiki-Führung, hinzu, die die Fronten zwischen dem Spitzenpersonal der Politik endgültig betonierte.

Der Zug war nach den Juli-Ereignissen abgefahren und die Voraussetzungen für einen kontrollierten, bürgerkriegsfreien Übergang in ein sozialistisches/ sozialrevolutionäres/ sozialdemokratisches Land verdorben. Ursächlich war der geopolitische Rahmen mit kapitalistischen Interessen und Einflussmöglichkeiten, der dafür sorgte, dass die Prov. Regierung unbeirrbar an der Fortsetzung des Weltkriegs festhielt.

Die linken Politiker in der Provisorischen Regierung und im Sowjet folgten den Festlegungen des internationalen Kapitals, was die Bolschewiki und die Zimmerwalder radikale Fraktion schon 1915 kritisiert hatten. Während der Juli-Aktionstage liefen die Menschen zwei Tage lang ergebnislos durch die Stadt, belagerten den Sitz des Sowjets, um ihre Forderungen an die Politiker zu übergeben, bekamen aber höchstens nette Worte. Ein Soldat schrie den Politiker Tsereteli zum Beispiel an: „Übernehmen Sie Mistkerl endlich die Macht, wenn Sie Ihnen angeboten wird!“72

Die Petrograder Menschen- sie standen für die Friedenshoffnungen im ganzen Land ein– agierten unter militant autonomer Führung – sie wurden „hängengelassen“, was sie so nicht erwartet hatten. Es war so gesehen eine politische Fehleinschätzung der politischen Basismilitanten über die Härte der Macht – der sozialistischen Sowjetspitze einerseits (aus rechten Sozialrevolutionären und Menschewiki hauptsächlich), und über die taktischen Kalküle der Bolschewiki andererseits. Nur war durch die „Politik“ die soziale Dynamik nicht wirklich aufzuhalten, der Krieg ging weiter und die Rechte formierte sich. Erst auf diesem Hintergrund kam die Bolschewiki-Spitze zur Ausarbeitung einer bestimmten, sehr interessant vorkalkulierten Taktik im September und Oktober, um eine blutige Auseinandersetzung zu verhindern. Die Juli-Niederlage auf der Straße war ja nicht nur eine politische, indem Forderungen nicht nachgegeben wurde. Sie war gleichzeitig Aufstandsbekämpfung der Provisorischen Regierung mit dem Ziel der Demoralisierung der Massen. Das zeigte der vorbereitete hinterhältige Einsatz der Heckenschützen, die in die Massen feuerten, und zu hektischen Gegenaktionen der Demonstranten*innen führte, bei denen die Übersicht verloren ging. Anders als im Februar nahmen die Sozialisten wie schon vorher die Seite der Reaktion ein, die besser vorbereitet als im Februar auf allen Ebenen gegenhielt.

Ein parteiinternes Nachspiel hatten die Juli-Aktionen für die Verantwortlichen der bolschewistischen Militärorganisation, die einen Teil der organisatorischen Vorbereitung geleistet hatten, indem sie die Soldaten in den Kasernen organisiert und dort Propaganda gemacht hatten. Ihnen wurde im August, als sich die Repression etwas gelockert hatte, untersagt, in eigener Verantwortung eine – ihre – Soldatenzeitung herauszugeben. Die Parteispitze der Bolschewiki leitete eine Untersuchung ein, um die Vorgänge im Verlauf des Juli-Aufstandes zu untersuchen. Im Ergebnis sollten die autonomen Bestrebungen der Militärorganisation in Zukunft verhindert werden; vor allem dadurch, dass die Militärorganisation innerhalb der Parteihierarchie kein eigenes unabhängiges politisches Zentrum mehr bilden durfte. Ein Mitglied des ZK sollte mit Vetorecht in der Redaktionsleitung der Soldatenzeitung sitzen. Lenin intervenierte und verhinderte noch weitergehende Disziplinierungen einzelner Beteiligter am Juli-Aufstand.73

Die Arbeitermilizen/Roten Garden entschieden sich, eine neue stadtweite Koordination einzuführen. Sie traf sich häufiger, um übergreifende Regularien aufzustellen. Dennoch hatte sie keine Leitungsfunktion, was auch nicht funktioniert hätte und nicht sinnvoll gewesen wäre, irgendwelche Abläufe zentral zu kommandieren. Die Vernetzungen und Absprachen verliefen zwischen den Bezirken weiterhin autonom, was sich im Oktober dann auch bewährte. Man einigte sich auf die neue gemeinsame Bezeichnung „Rote Garden“ für die fabriklichen Arbeiter*innenmilizen.74

Die kommunistische Geschichtsschreibung hat die Juli-Ereignisse als Folge einer „unreifen Situation“ bezeichnet. Aus deren Sicht war anscheinend eine weitere Radikalisierung der Lage Voraussetzung für eine Machtübernahme der Bolschewiki. Unser Bild ist anders, weil wir nicht auf das Ziel des Siegs einer Bolschewiki-Diktatur fixiert sind, sondern eine basisdemokratische antikapitalistische Lösung für wünschbarer gehalten hätten. Andere Historiker sehen es vielleicht eher so wie Suchanow, der eine viel frühere „Linkswende“ an der Staatsspitze für erforderlich gehalten hatte, um Schlimmeres zu verhüten.

Noch hatten die Bolschewiki keine Mehrheit im Sowjet, und andere radikale Strömungen auch nicht. So trieb die Situation auf eine blockierte Situation zu, in der sich die Reaktion formierte und die Kraftprobe mit sich weiter zuspitzenden revolutionären Stimmung suchte. Allmählich wurden immer mehr Sowjetdelegierte gewählt, die Bolschewiki waren, so dass sich hier ein allmählicher Wechsel abzeichnete.

Spätestens nach der Juli-Aktion gab es eine latent oder auch offen blockierte Situation, die sich zur einen oder anderen Seite hin auflösen musste. Man kann sie als Totalkonfrontation beschreiben. Also mussten sich die Bolschewiki zunächst taktisch zurückhalten, was ihnen vorerst auch per Repression auferlegt wurde. Wie sich der Knoten der Unregierbarkeit auflösen würde, dazu gab es noch zwei weitere Phasen, auf die ich gleich unten eingehen werde.

„Infolge deutlich gelockerter Mitgliedschaftsbedingungen entwickelten sich die Bolschewiki im Laufe des Jahres 1917 zu einer Massenpartei, deren Mitgliederzahl von ca. 80.000 im April auf 240.000 im August anwuchs.“75

 

 

 

 

 

 

Kornilow-Putsch

 

Den Kornilowputsch bzw. den Versuch dazu werden wir nicht genauer beschreiben, da er eindeutig und unumstritten ist. Er machte die Phase der revolutionären Bewegungen, die die Prov. Regierung und ihre neuen reaktionären Bündnispartner endgültig schachmatt setzte und damit die Möglichkeit für den Machtwechsel im roten Oktober bildete. In diesem großen Massenaufbruch in Petrograd gegen den Versuch eines gesellschaftlichen Rollbacks liegt die Grundlage der Unregierbarkeit, also für die endgültige Blockade der in der Provisorischen Regierung kooperierenden Eliten. Nachdem die Petrograder Bevölkerung selbst das neue Bündnis von Sozialdemokraten, Bourgeoisie und zaristischen Herrschaftseliten gestoppt hatte, lag nun angeblich „die Macht auf der Straße“. Alte und neue Eliten hatten sich zwischenzeitlich verbündet, weil die sozialrevolutionären Grundwellen nicht mehr zu stoppen waren. Jetzt konnte nur noch aus den Bewegungen selbst eine neue Macht für die Gesellschaftsorganisation, ein neues state building (neuer Staatsaufbau) formiert werden. Nach dem Scheitern des Kornilow-Putsches war Russland so etwas wie ein „failed state“ (gescheiterter Staat), sämtliche Ordnungsfunktionen waren außer Kraft gesetzt, weil keine Unterdrückungsmaßnahme mehr griff. Diese Bewegungsmacht hatte zwar einen doppelsinnigen Führungskern bei den Bolschewiki, bestand aber auch aus einem Großteil der bolschewisierten Bewegung. Mit doppelsinnig soll gesagt sein, dass die sozialdemokratische Entwicklungsagenda zeitweilig durch taktische Erfordernisse und Anpassungen an den Massenradikalismus überdeckt wurde. Die „bolschewisierte“ Petrograder Arbeiterklasse bestand politisch nicht allein aus Bolschewiki, noch war die soziale Zusammensetzung die einer städtischen Arbeiterklasse, sondern höchstens zu 50 Prozent; und selbst diese städtischen 50 Prozent hatten alle noch die bäuerlich-kommunalen Werte verinnerlicht, von denen die basisdemokratischen (sowjetischen) Umbauvorstellungen für die Gesellschaft herkamen und herkommen mussten. Die Bauernarbeiter_innen kämpften für eine „sozialistische Demokratie“, also für die Sowjetmacht– eine Vorstellung, die wesentlich aus den hergebrachten Erfahrungen mit Selbstverwaltung im Dorf herkam. Mehrheitlich war die Massenstimmung schon lange für eine reine Sowjetregierung und für das Ziel der verfassungsgebenden gewählten Versammlung, schon seit dem Februar. Das „Bündnis“ zwischen Arbeiter_innen und Bauern bestand schon im sozialen Alltag; es musste wegen der Migrationen und vielfältigen Verflechtungen nicht erst hergestellt werden.

1Altrichter, 1917, 278.

2Zur „Zusammensetzung“ siehe: Stephen A. Smith (1983): Red Petrograd. Revolution in the Factories 1917-1918, Cambridge etc., 14-23; 253 ff. Internet: http://libcom.org/files/Red_Petrograd_Revolution_in_the_Factories,_1917-1918.pdf (30.10.16); ders. (1987): Petrograd in 1917: the view from below, in: Daniel H. Kaiser, The Workers‘Revolution in Russia, 1917. The View from Below. Cambridge: Cambridge University Press 1987, 59-79. Hier: 60. Diane P. Koenker; William G. Rosenberg (1989): Strikes and Revolution in Russia, 1917, Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 26-34. Überblick mit Zahlen auch für ganz Russland: Helmut Altrichter (1997): Rußland 1917. Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn etc., 262-279.

3Vgl. z.B. Altrichter, a.a.O., bes. 265 f; David Mandel (1983): Petrograd Workers and the Fall of the Old Régime. From the February Revolution to the July Days, 1917, London: Macmillan. Reprinted, 1990, 63; Koenker/Rosenberg, a.a.O., 29.

4Smith, Red Petrograd, 15.

5Koenker/Rosenberg, a.a.O., 30, 31.

6Robert J. Brym; Evel Economakis (1994): Peasant or Proletarian? Militant Pskov Workers in St. Petersburg, 1913, in: Slavic Review, Vol. 53, No. 1 (Spring, 1994), pp. 120-139, hier: 122.

7Altrichter, 259.

8Wade, Red Guards, 38; Figes, Tragödie, 343 ff.

9Die ursprüngliche Forschung über den Karneval des Volkes als Herrschaftskritik stammt von Natalie Zemon Davis (1987): Humanismus, Narrenherrschaft und die Riten der Gewalt, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.

10Man lese z.B. Figes dazu: Figes, Tragödie, 344-349. Jörg Baberowski (2007): Der rote Terror, Bonn, 30 ff.: „Auf der Straße herrschte die Tyrannei des Volkes. Kriminelle stahlen und raubten, niemand hinderte den Mob jetzt noch daran, hemmungslose Gewalt auszuüben.“ Seine konservative Abneigung gegen die niederen Schichten prägt auch das aktuelle Gesellschaftsbild, wenn er ausführt, Deutschland sei zur Tugendrepublik degeneriert und es würde eine falsche Meinung zur Flüchtlingsbewegung 2015 aufgezwungen, man dürfe angeblich keine andere Meinung äußern: http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/deutschland-verwandelt-sich-in-eine-tugend-republik-ld.2198 (Internet: 22.10.16)

11Heiko Haumann (Hg.). Russische Revolution, Köln: Böhlau, 144.

12Dazu die neuerenArbeiten von Michael Melancon (2002): „Into the Hands of the Factory Commitees“: The Petrograd Committee Movement and Discourses, February to June 1917, in: Michael Melancon & Alice K. Pate (2002): New Labor History. Worker Identiy and Experience in Russia, 1840 – 1918, Bloomington/ Indiana: Slavica, 177-206, bes. 200 f.; und Nikolai V. Mikhailov (2002): The Collective Psychology of Russian Workers and Workplace Self-Organization in the Early Twentieth Century, in: Michael Melancon & Alice K. Pate (2002): a.a.O, 77-94, bes. 93 f.

13Vgl. die Einschätzung bei Suchanow, 314, 318.

14Als Grundlage zu den Roten Garden dient vor allem das Buch von Rex Wade (1984): Red Guards and Workers‘ Militias in the Russian Revolution, Stanford.

15Hasegawa, Formation, 307.

16Altrichter, 1917, 117-120. Zahlen bei Wildman, Bd. 1, 124, Karten der Standorte, S. 140.

17Siehe die Lit. in Anm. 12.

18Zur Soldatenbewegung: Allan K. Wildman (1980): The End of the Russian Imperial Army. The Old Army and the Soldiers Revolt (March-April 1917) Princeton/New Jersey; und: Allan K. Wildman (1987): The End of the Russian Imperial Army. The Road to Soviet Power and Peace. Volume II, Princeton/New Jersey

19Dazu die zitierten Texte von Wade und Hasegawa.

20Anna Hillyar; Jane McDermid (2000): Revolutionary Women in Russia 1870-1917: A Study in Collective Biography, Manchester: Manchester University Press, 156.

21Barbara C. Allen (2016), a.a.O., hier: 84. Anm. 18.

22Wade, Red Guards, 44.

23Tsuyoshi Hasegawa (2004): Crime, Police, and Mob Justice in Petrograd during the Russian Revolutions of 1917, in: Rex A. Wade (Ed.) (2004): Revolutionary Russia. New Approaches, New York and London: Routledge, 46- 72: Im Internet unter dem Titel: Crime and Police in Revolutionary Petrograd, March 1917- March 1918, in: Acta Slavica Iaponica, 13: 1-41, 1995. Internet: DOI: http://hdl.handle.net/2115/8075 (22.10.16)

24Hasegawa (1995), Crime, 8.

25Diane Koenker (1981): Moscow Workers and the 1917 Revolution, Princeton/New Jersey: Princeton University Press, 157 f. In Moskau scheint die Aufstellung der Arbeitermilizen unmittelbar mit der Kriminalitätsbekämpfung zu tun gehabt zu haben. Im roten Oktober spielten sie in Form einer Massenbewegung die entscheidende Rolle.

26Siehe Stephen P. Frank (1999): Crime, Cultural Conflict, and Justice in Rural Russia, 1856-1914. Berkeley: University of California Press. Rezension: David W. Darrow. Review of Frank, Stephen P., Crime, Cultural Conflict, and Justice in Rural Russia, 1856-1914. H-Russia, H-Net Reviews. December, 2001.
URL:http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=5762 ; Jörg Baberowski (1996): Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864-1914, Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann.

27Frank, a.a.O., 85 ff.

28Siehe die Arbeiten von John Doyle Klier und Jonathan Frankel. Und: Eugene M. Avrutin, Pogroms in Russian History, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 14, Number 3, Summer 2013, pp. 585-598; in Petrograd hat es antisemitische Ausfälle bei arbeitslos gewordenen Arbeitern Anfang 1918 gegeben, Smith, Red Petrograd, 247.

29Wendy Goldman (2007): Terror and Democracy in the Age of Stalin. The Social Dynamics of Repression, Cambridge University Press.

30Georg Staehr (1890): Ursprung, Geschichte, Wesen und Bedeutung des russischen Artels. Ein Beitrag zur Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des russischen Volkes. 1. Band, Dorpat 1890, 2. Band 1891 (Dissertation)

31Eduard M. Dune (1993): Notes of a Red Guard. Translated and edited by Diane P. Koenker and Stephen Anthony Smith, University of Illinois, 36 f.

32Besonders anschaulich schildert Mandel I, 118 ff. die Verhandlungen von Fabrikkomitees, die die Vorarbeiter und Meister einzeln vorluden und eine Kriterienliste abarbeiteten, nach der über einen Rausschmiss oder eine Weiterbeschäftigung entschieden wurde.

33Die Verbindungen ins Dorf wurden im gleichen Maße wichtiger, in dem sich die Versorgung in der Stadt verschlechterte. Siehe dazu: Mauricio Borrero (2003): Hungry Moscow. Scarcity and Urban Society in the Russian Civil War 1917-1921, New York etc. Zu den Beziehungen zum Dorf, zur Verwandtschaft und zu Landsmannschaften in der Stadt: S. A. Smith,(2008): Revolution and the People in Russia and China. A Comparative History, Cambridge etc.: Cambridge University Press, 39-42. Wichtige Texte von Mixter und Burds in: Esther Kingston-Mann and Timothy Mixter (Ed.). With the Assistance of Jeffrey Burds (1991): Peasant Economy, Culture, and Politics of European Russia, 1800-1921, Princeton, NJ: Princeton Univ. Press

34Diese Fehlinterpretation findet sich noch in einem Buch aus den neunziger Jahren über die Fabrikkomitees: Gennady Shkliarevsky (1993): Labor in the Russian Revolution: Factory Committees and Trade Unions 1917-1918, St. Martin’s Press: New York.

35Schljapnikov betont in seinen Erinnerungen mehrfach die Selbstkonstitution sowohl der Zusammensetzung wie auch der Inhalte. Barbara C. Allen (2016): Alexander Shlyapnikov, 1885-1937. Life of an Old Bolshevik. Chicago: Haymarket Books, 83. Wade, (1984): Red Guards, 51, 61, 66, und weitere Stellen.

36Zum Frühjahr 1917 siehe z.B. das Dokument: „Über den Kampf gegen die Zerrüttung. Resolution der I. Konferenz der Petrograder Fabrikomitees (30. Mai bis 5. Juni 1917)“, in: Richard Lorenz u.a. (Hg.) (1981): Die russische Revolution 1917. Der Aufstand der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Eine Dokumentation, München: Nymphenburger Verlagshandlung, 68-70. Genaueres z.B. bei David Mandel (1983) und Stephen A. Smith(1983). Zur „anderen“ Arbeiterbewegung: Sergio Bologna; Massimo Cacciari (1973): Zusammensetzung der Arbeiterklasse und Organisationsfrage, Berlin: Merve Verlag; Karl Heinz Roth (1974): Die „andere“ Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der Klassengeschichte in Deutschland. Mit ausführlicher Dokumentation zur Aufstandsbekämpfung, Werkschutz u.a., München: Trikont Verlag; Eckhard Brockhaus (1975): Zusammensetzung und Neustrukturierung der Arbeiterklasse vor dem ersten Weltkrieg, München: Trikont Verlag; Bergmann/ Janssen/ Klein (Hg.) (1978): Autonomie im Arbeiterkampf. Beiträge zum Kampf gegen die Fabrikgesellschaft, Hamburg/München.

37Suchanow, 304 f.

38Zur Aufnahme der Aprilthesen Lenins bei den Parteien siehe Altrichter, 1917, 167-170. Über die Moskauer Arbeiter*innen bei: Kevin Murphy (2005): Revolution and Counterrevolution: Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York: Berghahn Books, 53-62.

39Lenin, Briefe über die Taktik, Werke, Bd. 24. S. 27, 36.

40Die staatskapitalistischen Grundideen waren schon im Krieg unter dem Zaren diskutiert, unter der Prov. Regierung von Groman zum Programm entwickelt und dann nach dem Oktober als Sozialismus propagiert worden. Siehe z.B. Suchanows Gespräche mit Groman, Suchanow, 185. Heiko Haumann (1974): Beginn der Planwirtschaft. Elektrifizierung, Wirtschaftsplanung und gesellschaftliche Entwicklung Sowjetrusslands 1917 -1921, Düsseldorf. Oskar Anweiler (1958): Die Rätebewegung in Russland 1905 – 1921, Leiden: Brill (gab es als Raubdruck). Noch schärfer: Group Solidarity (1971): Räte in Russland, 1917 -1921, Übers. aus dem Englischen; Berlin: Vlg. Roter Oktober.

41Vgl. die Kritik Suchanows am „staatsrechtlichen System“ Lenins: Nikolaj Nikolajewitsch Suchanow (1967): 1917. Tagebuch der Russischen Revolution, München: Piper Verlag, 288-293, anlässlich der ersten Rede Lenins vor Parteigenossen nach seiner Ankunft, 289: Alle Zuhörer mussten Lenins ohne Kommentare hinausgeschossene Formel als ein rein anarchistisches Schema auffassen.

42W.P. Miljutin (1920): Sozialismus und Landwirtschaft, Hamburg: Verlag der Kommunistischen Internationale. Miljutin spricht davon, dass Marx für eine Verstaatlichung von Landwirtschaft gewesen sei. In Bezug auf Russland ist das Gegenteil richtig. Marx sagte in seinen Briefen an Vera Sassulitsch genau das voraus, was eintrat: dass nämlich die Landkommune Ausgangspunkt für eine soziale Wiedergeburt und den Kommunismus sein könne, wenn es rechtzeitig eine Revolution gäbe.

43Finanzminister Witte zeichnete in den 1890er Jahren für den Eisenbahnbau als Entwicklungsstrategie verantwortlich.

44Siehe Anm. 145-

45Dune, xxxi.

46Dune, 48.

47Übersicht zur Provinz: Liudmila Novikova: The Russian Revolution from a Provincial Perspective, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Volume 16, Number 4, Fall 2015 (New Series) pp. 769-785. Siehe auch das große Projekt: Russia‘s Great War and Revolution: Internet: http://russiasgreatwar.org/about.shtml

48Überblick bei Rex A. Wade (2005): The Russian Revolution, 2nd Ed., Cambridge University Press,172-183. Robert D. Warth (1954/1973): The Allies and the Russian Revolution. From the Fall of the Monarchy to the Peace of Brest-Litowsk, New York: Russel & Russel; L. P. Morris, The Russians, the Allies and the War, February-July 1917, in: Slavonic and East European Review, Vol. 50, 118; Jan. 1972, 29-48. Zur Situation an der Front: Wildman, II, 1. Kapitel; Ferner: Altrichter, 1917, 141-160; 318-329. Winfried Baumgart (1966): Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litowsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Wien/München. Siehe auch die Bücher von Fritz Fischer zu den deutschen Kriegszielen.

49Sehr anschaulich werden die strategischen Gedanken und Ränkespiele der deutschen Seite beleuchtet bei: Gerd Koenen (2005): Der Russland Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900 -1945, München: C.H. Beck, 63-75.

50Wade (2005), 174.

51Altrichter, 318-329.

52Altrichter, 141-160; Suchanow, 328 ff., bes. 338-340.

53Wildman, Bd. 2, 73 ff.; Altrichter, Rußland 1917, 161-191.

54Wildman, a.a.O., 78.

55Wildman, a.a.O., 87.

56Chamberlin, 154.

57Suchanow, 374.

58Paul Avrich (1967): The Russian Anarchists, Princeton/New Jersey, Paperback 1971, 130-133.

59Suchanow, 392.

60Altrichter, 181.

61Suchanow, 394.

62Suchanow, 398.

63Zur Diplomatie und Kriegshetze in Petrograd: Suchanow, 365-373.

65Chamberlin, Bd. 1, 153.

66Rabinowitch, 25-23.

67Meine Einschätzung ergibt sich aus der Zusammenschau von: William Henry Chamberlin (dt. 1958): Die Russische Revolution 1917 – 1921. Erster Band, Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt. (Englische Orig. 1935, London: Macmillan), 154-156; Paul Avrich (1967): The Russian Anarchists, Princeton/New Jersey, First Princeton Paperback Edition 1971, 133-35; Rex A. Wade (1984): Red Guards and Workers‘ Militias in the Russian Revolution, Stanford, California: Stanford University Press. 117; David Mandel (1983): Petrograd Workers and the Fall of the Old Régime. From the February Revolution to the July Days, 1917, London: Macmillan, 186- 192. Rabinowitch dagegen berichtet über viele Details zu Lenin und den Führungen, aber nichts über die Vorbereitungen „von unten“.

68Avrich, a.a.O., 133, 134.

69Wade, Red Guards, 121.

70Wade, Red Guards, 119.

71O. N. Znamenskii (1964), Iiul‘skii krizis 1917 goda, Moscow-Leningrad, 106, zitiert nach Wade, 120. Dort weitere Nachweise.

72Chamberlin, 158. Christopher Read (2013): War and Revolution in Russia, 1914-22. The Collapse of Tsarism and the Establishment of Soviet Power, London: Palgrave McMillan, 76.

73Rabinowitch, 109.

74Wade, Red Guards, 129-131.

75Zitat aus: Rabinowitch, a.a.O., S. 4 sowie Anweiler, a.a.O., S. 203.